(„Eiðurinn“ directed by Baltasar Kormákur, 2016)

Eigentlich läuft alles im Leben von Finnur (Baltasar Kormákur). Er ist ein angesehener Herzchirurg, wohnt mit seiner Familie in einem schönen Haus, auch sonst gibt es keine Klagen. Wäre da nicht seine 18-jährige Tochter Anna (Hera Hilmar). Denn die ist Hals über Kopf in den Drogendealer Óttar (Gísli Örn Garðarsson) verknallt, vernachlässigt ihre Ausbildung und verbringt ihre Zeit nur noch mit Feiern. Als sie eines Nachts völlig zugedröhnt an Halluzinationen leidet, will Finnur nicht länger tatenlos zusehen. Er fordert Óttar auf, sich von der Jugendlichen fernzuhalten und droht ihm mit der Polizei. Erfolg hat der Familienvater damit nicht. Im Gegenteil: Er setzt damit eine Konfrontationsspirale in Gang, die sich immer weiter intensiviert und völlig außer Kontrolle gerät. Und plötzlich muss sich der bislang so unbescholtene Mann fragen, wie weit er tatsächlich gehen würde, um seine Familie zu beschützen.

Knapp anderthalb Jahre ist es her, dass der isländische Filmemacher Baltasar Kormákur in Everest eine Gruppe von Hollywood-Darstellern nach einer wahren Begebenheit auf den höchsten Punkt der Erde scheuchte und jämmerlich erfrieren ließ. Bei seinem neuesten Werk kehrt der Regisseur und Co-Autor zwar wieder in seine Heimat zurück, sehr viel weniger frostig und lebensfeindlich geht es hier aber auch nicht zu. Wenn hier ständig Schnee fällt, jeder Schritt ins Freie mit dem Kältetod bestraft zu werden scheint, dann ist das das passende Ambiente für ein Thriller-Drama, das einen als Zuschauer langsam, aber sicher innerlich erschauern lässt – in mehrfacher Hinsicht.

Mit dem Eid des Hippokrates beginnt der Film, jener Eid, der das Grundverständnis ärztlicher Ethik selbst 2400 Jahre nach dem Tod des Mediziners entscheidend prägen soll. Ein Eid, dem jeder sicher erst einmal zustimmen würde. Warum sollte man nicht alles für das Wohl eines Patienten tun wollen? Und doch führt einen Kormákur hier – als Geschichtenerzähler wie als Hauptdarsteller – in eine moralische Zwickmühle. Denn so lange es den Drogendealer gibt, besteht eine Gefahr für seine Tochter – so viel ist klar. Sehr viel weniger klar ist jedoch, welche Konsequenzen dies dann hat. Wie weit darf ein Mensch gehen bei dem Versuch, seine Familie zu beschützen? Umso mehr, da die Polizei hier keine Hilfe darstellt, auch das macht der Film frühzeitig deutlich.

Die Frage ist im Konkreten kaum mehr zu beantworten, ständig fordert der Isländer die Zuschauer heraus, ihr moralisches Empfinden infrage zu stellen. Grenzen sind hier dazu da, niedergetrampelt zu werden, bis die klassische Einteilung in Gut und Böse gar nicht mehr wirklich funktioniert. Das ist sowohl in philosophischer Hinsicht spannend, aber auch im Hinblick auf den Unterhaltungsfaktor. Die Geschichte des verzweifelten Familienvaters wandelt sich mit der Zeit immer mehr zu einem Thriller mit ungewissem Ausgang. Wird der skrupellose Drogendealer die Oberhand gewinnen? Oder ist es doch der anfangs so unscheinbare gutbürgerliche Arzt, der aus der Not heraus über sich hinauswächst?

Sympathieträger sind da – bei allem Verständnis für das Leid des Finnur – rar gesät. Es ist sogar recht schade, wie sehr alle Figuren um ihn herum verschwinden: die Familie, die Kollegen, die Polizei, mehr als verschwommene Hintergrundbilder sind sie nicht. Stattdessen konzentriert sich Der Eid auf das Duell zwischen den ungleichen Kontrahenten, schockiert mit immer drastischeren Mitteln und lässt einen zum Schluss etwas hilflos in der Dunkelheit zurück, die ebenso finster ist wie das, was sich in den Menschen abspielt. Wer also mal wieder einen Film sehen möchte, der wirklich weh tut und einem einiges abfordert, der ist im eiskalten Island bestens aufgehoben.

Der Eid
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Der Eid
Ein gutbürgerlicher Arzt versucht seine Tochter vor einem Drogendealer zu schützen. Aus dieser verständlichen Situation wird mit der Zeit ein hoch spannender, eiskalter Thriller, der bis zum Schluss fesselt und den Zuschauer mit unbequemen moralischen Fragen herausfordert.
8von 10

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