Happy Birthday, Anime! Auch wenn Zeichentrickserien und -filme in unserer Vorstellung ebenso fest mit Japan verbunden sind wie Sushi, Samurais und ausgedehnte Teezeremonien, so gab es doch tatsächlich eine Zeit davor. Genauer ist es jetzt 100 Jahre her, dass das fernöstliche Land das erste Mal mit den bewegten Zeichnungen in Berührung kam. Oder besser gesagt: Die ersten heute noch überlieferten Beispiele von Animes stammen aus dem Jahr 1917. Es wird zwar vereinzelt gemutmaßt, dass es schon vorher welche gab. Bewiesen wurde das bislang aber nicht. Auch deshalb feiert Japan dieses Jahr das offizielle Jubiläum der hauseigenen Populärkunst, die inzwischen bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Und wir wollen bei den Feierlichkeiten natürlich nicht fehlen.

Die Schwierigkeiten einer allgemeingültigen Definition
Was aber genau ist ein Anime? Was macht ihn aus? Japaner sind in der Hinsicht ausgesprochen pragmatisch. Anime ist ursprünglich eine Verkürzung des englischen Wortes Animation und bezeichnet damit jegliche Form von Animation. Wer beispielsweise bei der japanischen Ausgabe von Amazon nach den bestverkauften Animes schaut, findet im entsprechenden Ranking auch Filme von Disney oder Illumination. Im Westen wurde der Begriff jedoch umgedeutet, um damit Animationswerke speziell aus Japan zu bezeichnen. Sehr viel eindeutiger wird er dadurch jedoch nicht. Manch einer tut sich beispielsweise schwer damit, andere Animationstechniken als die des Zeichentricks als Anime anzuerkennen. Sind reine computerberechnete Filme wie Kingsglaive: Final Fantasy XV noch Anime? Wie sieht es mit einem Puppen-Stop-Motion-Film à la Chieri and Cherry aus? Kompliziert wird es zudem dadurch, dass Techniken sich zunehmend überkreuzen. Das Animationsstudio Gonzo war in den 2000ern dafür berüchtigt, überall irgendwelche CGI-Elemente einzubauen, die dann doch sehr herausstachen. Doch auch wenn der Einsatz von Rechnern inzwischen etwas subtiler ausfällt, komplett ohne kommt heute kaum einer mehr aus.

Tekkonkinkreet

Wie japanisch muss ein Anime sein? „Tekkonkinkreet“ gilt als Anime, obwohl er von dem Amerikaner Michael Arias inszeniert wurde

Animation über alle Ländergrenzen hinweg
Aber auch die Sache mit der Herkunft ist trickreicher, als so manch einer vielleicht denken mag. In einer Welt, in der Produktionen immer internationaler stattfinden, macht dies auch natürlich nicht vor Animes Halt. Diverse Studios lagern Teile der Animation aus, nach Südkorea zum Beispiel. Die Frage lautet daher: Wie viel Japan muss in einem Anime drinstecken? Worauf kommt es an? Dass dies nicht so einfach ist, haben uns viele Beispiele im Laufe der Zeit gelehrt. Vampire Hunter D: Bloodlust stammt beispielsweise von einem japanischen Studio, wurde von dem japanischen Regieveteran Yoshiaki Kawajiri inszeniert. Der Film selbst ist aber im Original auf Englisch. Umgekehrt saß bei Tekkonkinkreet der Amerikaner Michael Arias auf dem Regiestuhl. Dennoch würden wohl nur Puristen den beiden Werken ihren Anime-Status absprechen.

Ein weiterer kurioser Fall ist Zeichentrickfilm Tatsumi. Der entstand komplett in Singapur und wird daher oft nicht als Anime angesehen. Nun erzählt er aber die Geschichte des Mangaka Yoshihiro Tatsumi, wurde komplett auf Japanisch produziert und besteht zum Teil aus direkten Adaptionen von Tatsumis Werken. Und dann wäre da noch der Klassiker Das letzte Einhorn, ein weiterer Sonderfall. Regie führten die amerikanischen Animationslegenden Arthur Rankin Jr. und Jules Bass, Vorlage war das gleichnamige Buch des Amerikaners Peter S. Beagle, produziert wurde auf Englisch. Das Problem: Animiert wurde der Film von dem Studio Topcraft. Das stammt nicht nur aus Japan, sondern war auch der Vorläufer von Studio Ghibli. Da drückt so mancher Fan schon mal die Augen zu, was nationale Befindlichkeiten angeht. Denn wenn die keine Animes machen, wer denn dann?

Heidi

Für Millionen waren Serien wie „Heidi“ die erste Begegnung mit einem Anime – ohne zu ahnen, dass sie aus Japan stammt

Dass diese Landesgrenzen gar nicht so wahnsinnig wichtig sind, das haben aber auch schon frühere Beispiele gezeigt. Die Biene Maja war beispielsweise eine deutsch-japanische Coproduktion, auch Wicki und die starken Männer und Pinocchio entstanden in Zusammenarbeit mit dem ZDF und dem ORF. Die Abenteuer des Sherlock Holmes wurde als gemeinschaftliches Werk in Italien und Japan konzipiert. Die geheimnisvollen Städte des Goldes wiederum ist französisch-japanischer Herkunft. Und bei Dogtanian und die drei Musketiere hatten die Spanier ihre Hände im Spiel. Diese und weitere Zeichentrickserien waren dann auch für viele die ersten Begegnungen mit japanischen Animationswerken – ohne damals zu ahnen, dass die bunten Abenteuer eigentlich aus Fernost stammen. Captain Future, Heidi, Sindbad – die Liste an Serien aus den 70ern bis frühen 80ern ist lang und vollgespickt mit Klassikern.

In Japan hatte der Run schon etwas früher eingesetzt. Nach den Anfängen vor hundert Jahren werkelten die dortigen Künstler zwar herum, sehr viel Greifbares entstand dabei aber nicht. Der erste Ton-Anime Chikara to Onna no Yo no Naka von Kenzō Masaoka – ein Kurzfilm über einen untreuen Ehemann, der seine Untaten versehentlich im Schlaf verrät – stammt aus dem Jahr 1933. Der erste abendfüllende Zeichentrickfilm Momotaro, Sacred Sailors, ein in Zusammenarbeit mit der Navy produziertes Propagandawerk, erschien 1945. Erst Ende der 50er ging es jedoch richtig los. Inspiriert von den großen Disney-Erfolgen produzierte das Studio Toei Animation 1958 seinen ersten Spielfilm Erzählung einer weißen Schlange, in Folge kam jedes Jahr ein neues Werk heraus. Gleichzeitig revolutionierte der Gott des Manga Osamu Tezuka mit Serien wie Kimba der weiße Löwe und Astro Boy das japanische Fernsehen. Nur wenig später eroberten auch Riesenroboter, Mecha genannt, die fernöstlichen Flimmerkästen, sind bis heute fester Bestandteil der Anime- und Mangakultur. Leiji Matsumoto (Space Pirate Captain Harlock) und Kollegen machten in den 70ern Space Operas salonfähig.

Düstere Zukunftsvisionen wie „Akira“ halfen dabei, in den 90ern Animes auch im Westen zu etablieren

Der Westen entdeckt den Osten
Im Westen bekam man hiervor eher wenig mit. Vereinzelt wurden zwar Filme und Serien veröffentlicht, manche auch durchaus erfolgreich. Sie gingen jedoch in der Masse an westlichen Zeichentrickproduktionen unter, wurden auch nicht als japanische Erzeugnisse anerkannt. Das änderte sich erst in den 1980ern. Akira spielte eine große Rolle dabei, Animes tatsächlich ins Bewusstsein westlicher Zuschauer zu rücken. Zeichentrickfilme für Erwachsene hatte es im Westen zuvor durchaus gegeben, beispielsweise die derben Werke von Ralph Bakshi wie Fritz the Cat. Und doch traf Katsuhiro Ôtomos düstere, technisch überragende Cyberpunk-Dystopie den Nerv der Zeit. Allgemein waren es gerade auch Science-Fiction-Animes, die in dem folgenden Jahrzehnt einen regelrechten Run auf die japanische Popkultur auslösten. Ob es die philosophisch angehauchte Mensch-Maschine-Reflexion Ghost in the Shell (Mamoru Oshii) war, das symbolisch-introspektive Neon Genesis Evangelion (Hideaki Anno) oder der Sci-Fi-Western-Mix Cowboy Bebop (Shinichirō Watanabe), die futuristischen Filme und Serien avancierten zum Kult und zeigten, dass das ferne Land ganz eigene Geschichten zu erzählen hatte.

Aber auch abseits dieses Genres drängte das einstige Nischenprodukt plötzlich in den hiesigen Massenmarkt. Das wurde einerseits durch Serien bedingt, die im Fernsehen rauf und runter gespielt wurden. Sailor Moon und Dragon Ball Z setzten beispielsweise zu einem weltweiten Siegeszug an, waren anders als die Zeichentrickahnen aus den 70ern und 80ern aber deutlich als Japanexport vermarktet. Und dann gab es natürlich noch Pokémon, welches als Teil eines Marketinggroßangriffs neben Videospiel, Sammelkarten und sonstigem Merchandising eben auch eine immens populäre Serie hervorbrachte. Während diese Beispiele vor allem eine jüngere Generation prägte, wurde der Anime aber auch als Kunstform akzeptiert. Maßgeblich an der Aufwertung beteiligt war Studio Ghibli. Die brachten zwar – anders als viele ihrer Kollegen – eine vergleichsweise kleine Anzahl an Animes heraus, die waren dafür visuell und auch künstlerisch oft wegweisend. Höhepunkt der Anerkennung war Chihiros Reise ins Zauberland. Die Geschichte um ein Mädchen, das plötzlich in einer japanisch geprägten Fabelwelt landete, war 2002 der erste Animationsfilm, der den Goldenen Bären bei der Berlinale erhielt und ist der einzige Anime bislang, der mit einem Oscar als bester Animationsfilm des Jahres ausgezeichnet wurde. 2004 ging Ghost in the Shell 2: Innocence als erster Anime bei Cannes ins Rennen um die goldene Palme.

„Chihiros Reise ins Zauberland“ von Studio Ghibli war nicht nur lange der erfolgreichste Anime aller Zeiten, sondern auch der erste, der im Westen wichtige Preise abräumte

Das Ende des Booms
Doch so rasant der Aufstieg seit den späten 80ern auch gewesen war, so plötzlich endete der Hype wieder. Einer der Gründe war sicherlich, dass 2D-Animation mit dem Auftauchen von Toy Story schnell an Bedeutung verlor. Selbst Disney, die Platzhirsche dieses Segments, sahen sich gezwungen, die Zeichentricksparte zugunsten der computergenerierten Bilder aufzugeben. Wenn nicht einmal sie die Massen wie früher in die Kinos locken konnten, auch Studio Ghibli mit schrumpfenden Einnahmen zu kämpfen hatte, da blieb kein Platz mehr für große Ambitionen. Filme, das wichtigste Aushängeschild der japanischen Animationskünstler, wurden immer weniger gedreht. Stattdessen flüchtete sich der Anime ins Fernsehen, wo deutlich günstiger produziert wurde.

Und auch inhaltlich wurde zunehmend das Risiko gescheut: Wo es in den 90ern und der ersten Hälfte der 00er Jahre noch eine Vielzahl experimenteller Serien gegeben hatte, hielt man sich jetzt lieber an bewährte Themen oder gleich ganz an populäre Vorlagen, produzierte lieber für das verlässliche Stammpublikum. Das zeigte sich auch an noitaminA. Die alternative Anime-Programmschiene, die 2005 ins Leben gerufen wurde, um mit teils sehr ungewöhnlichen Serien neue Zielgruppen zu erschließen, ist jetzt eine Abspielstation ohne echten Wiederkennungswert. Es fehlte zudem an echten Visionären, die das Medium noch vorantreiben wollten, gerade auch, weil die alte Garde sich zur Ruhe gesetzt hat. Hayao Miyazaki und Isao Takahata von Studio Ghibli befinden sich im on-off-Ruhestand, Oshii und Anno drehten zuletzt lieber Realfilme, auch von Ôtomo kommt nichts mehr. Besonders tragisch wiegt hier auch der Verlust von Satoshi Kon, der mit nur wenigen Filmen ein Renommee wie kaum ein anderer erlang, aber schon mit 46 an Krebs verstarb.

„Your Name“ brach mit einem Einspielergebnis von über 350 Millionen Dollar alle Rekorde und zeigte: Auch 100 Jahre später gehören Anime noch nicht zum alten Eisen

Quo vadis, Anime?
Und doch ist der Blick in die Zukunft nicht ganz so trüb, wie man vielleicht denken mag. Manche bereits geschriebene Grabrede zum Anime stellte sich doch als zu voreilig heraus. Sicher, das Umfeld für 2D-Animation wird schwierig bleiben, zu sehr hat sich der Geschmack des Massenpublikums gewandelt. Aber es gibt sie, die Lichtblicke. Auf der Regisseurseite heißen sie zum Beispiel Mamoro Hosoda (Ame & Yuki – Die Wolfskinder), Keiichi Hara (Miss Hokusai), Hiromasa Yonebayashi (Mary and the Witch’s Flower), Masaaki Yuasa (Lu over the Wall) oder Makoto Shinkai, dessen 2016 produziertes Your Name auch dank eines nie dagewesenen Laufs in China zum erfolgreichsten Anime aller Zeiten wurde. Allgemein könnten das Reich der Mitte und auch Südkorea eine Rolle dabei spielen, die japanische Zeichentrickkunst zu erhalten – schließlich tauchen mittlerweile regelmäßig Animes in den Kino Top 10 der beiden Länder auf.

Eine weitere bedeutende Einnahmequelle markieren zudem Streaming-Dienste. Amazon schloss letztes Jahr einen Exklusivvertrag mit noitaminA ab. Vor allem aber Netflix schießt beim Versuch, ein eigenes Portfolio aufzubauen, derzeit massig Geld in die Produktion von Anime-Serien, zur Freude der Fans. So unklar es also ist, wie Animes genau angefangen haben, so schwierig eine genaue Definition eines Animes auch sein mag, so spannend bleibt es, wie es hundert Jahre später weitergehen wird. To be continued …

Empfehlungen und weiterer Lesestoff
Die Frage, welche Animes man gesehen haben sollte, kann natürlich nur subjektiv beantwortet werden – dafür ist die Vielfalt letztendlich zu groß. Und natürlich hängt es auch davon ab, welche Genres man persönlich gern mag. Denn manche sind einfach besser bestückt als andere. Der Bereich Fantasy etwa quillt geradezu über vor empfehlenswerten Filmen und Serien. Die Miyazaki-Werke Nausicaä – Aus dem Tal der Winde, Prinzessin Mononoke und Chihiros Reise ins Zauberland tauchen regelmäßig auf den Must-see-Listen auf. Eher Kultcharakter haben das surreale Endzeitmärchen Angel’s Egg und die melancholische Reise Night on the Galactic Railroad. Die wunderbare Serie Mushi-Shi handelt von einem Mann, der anderen Menschen bei ihren übernatürlichen Begegnungen hilft. Auch der Science-Fiction-Bereich ist prall gefüllt. Neben den üblichen oben genannten Verdächtigen (Akira, Ghost in the Shell, Neon Genesis Evangelion, Cowboy Bebop) bieten sich unter anderem die visionäre Internetdystopie Serial Experiments Lain, die kunterbunte Robowelt Robotic Angel, die Weltraumschrottsammler von Planetes, die Anthologie Memories und die Zeitreiseabenteuer Steins;Gate und Das Mädchen, das durch die Zeit sprang an. Der nachdenkliche Roundtrip Kino’s Journey wiederum kombiniert die beiden Genres zu etwas ganz Eigenem.

Bei Horror und Thriller wird es schon etwas schwieriger mit den Tipps, auch weil viele Vorzeigewerke nie auf Deutsch erschienen. Unheimlich sind aber auf jeden Fall Higurashi – When They Cry, der von grausamen Toden in einem kleinen Dorf handelt, und der Kurzfilm Kakurenbo – Hide and Seek, bei dem ein harmloses Versteckspiel tödlich endet. Bei Boogiepop Phantom werden wir Zeuge von unerklärlichen Vorkommnissen. Mononoke erzählt die Geschichte eines Medizinhändlers, der im alten Japan auf Geisterjagd ist. Bakemonogatari ist eine stilistisch einmalige, oft komische Serie um Vampire und andere Monster. Vampire Princess Miyu kombiniert Horror und Drama zu einem tieftraurigen Alptraum. Sehr irdisch wird es bei Perfect Blue, ein Psycho-Thriller um eine ehemalige Popsängerin, die von einem fanatischen Fan verfolgt wird. Auch Monster geht in diese Richtung und erzählt von einem Jungen, der zum Massenmörder wurde, und seinem ehemaligen Arzt.

Im Drama-Bereich sind es vor allem die diversen Kriegsfilme, die Animegeschichte schrieben: Die letzten GlühwürmchenBarfuß durch HiroshimaGiovannis Insel und In This Corner of the World. Ein absolutes Meisterwerk ist Millennium Actress, das Magnum Opus von Kon, in dem er eine hinreißende Liebesgeschichte mit der Filmhistorie Japans verknüpfte. Sehr viel weniger „schön“ ist die Serie Aku no hana – Die Blumen des Bösen, in dem  Jugendliche ihre völlig zerstörten Seelen offenlegen. Positivere Beispiele für Coming-of-Age sind das romantische Stimme des Herzens – Whisper of the Heart und das bezaubernde The Case of Hana & Alice über die Anfänge einer großen Freundschaft. Auch Barakamon handelt davon, wie ein junger Mensch – hier ein Kalligrafiezeichner – seinen Platz im Leben findet. Eher rückwärtsgewandt ist das nostalgische Tränen der Erinnerung – Only Yesterday. Und wer dann nach der vielen Rührung gerne wieder etwas lachen mag, der sollte die Collegeserie The Tatami Galaxy anschauen. Aber Vorsicht: Die ist wie so manches Werk aus dem Land der aufgehenden Sonne komplett verrückt.

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