(„Aku no hana“ directed by Hiroshi Nagahama, 2013)

Aku no Hana Die Blumen des Boesen

„Aku no hana – Die Blumen des Bösen“ ist auf zwei Volumes verteilt auf DVD und Blu-ray erhältlich

Letzte Woche gingen wir in Der Junge und die Welt auf eine große Reise und begleiteten einen kleinen Jungen bei seiner Suche. Auch in Teil 84 unseres fortlaufenden Animationsspecials steht die Suche von Jugendlichen im Mittelpunkt. Dieses Mal jedoch führt uns diese nicht nach draußen, sondern nach innen, in die Seele der Protagonisten. Und es ist kein sehr schöner Anblick, der sich uns dabei bietet.

Takao Kasuga ist ein ganz normaler Schüler, ein bisschen faul vielleicht, verbringt viel Zeit mit Freunden. Und mit Büchern. Bücher, die in seinem Umfeld kaum einer kennt, geschweige denn liest, vor allem der Gedichtband „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire hat es ihm sehr angetan. Es gibt aber noch eine zweite große Liebe in seinem Leben: die hübsche, intelligente Nanako Saeki, in der er seine persönliche Muse sieht. Eine Tages, als Kasuga noch einmal in die Schule zurückmuss, um sein vergessenes Buch zu holen, fallen ihm die benutzten Sportsachen seiner Angebeteten vor die Füße – was er ausnutzt, um sie mit nach Hause zu nehmen. Zu seinem Unglück wird er dabei von der Außenseiterin Sawa Nakamura beobachtet, die ihm fortan das Leben schwer macht und zu immer seltsameren Aktionen zwingt, um sein Geheimnis nicht auszuplaudern.

Jugendliche Protagonisten sind in Manga und Anime keine Seltenheit, vielmehr die Regel: Ob sie nun die Welt retten, fantastische Abenteuer erleben oder die große Liebe erfahren, fast immer liegt die Last der Geschichte auf den Teenagern. Beim Manga „Aku no hana – Die Blumen des Bösen“ von Shūzō Oshimi ist das ein wenig anders. Zum Weltenretter ist hier niemand geboren, dafür tragen sie alle zu viel seelischen Ballast mit sich herum, loten im Alltag – mal freiwillig, dann wieder nicht – die Abgründe ihrer Seelen aus. Das kann man Coming of Age nennen, schließlich geht es auch darum, seinen Platz im Leben zu finden. Sich selbst zu finden. Nur geht das hier nicht mit unschuldig-witzigen Episoden einher, sondern solchen, nach denen man sich auch als unbeteiligter Zuschauer schmutzig fühlt.

Im Anime ist das nicht groß anders. Perversion lautet das Wort der Stunde, welches im Laufe der 13 Folgen dann auch immer wieder fällt. Aber was bedeutet das eigentlich, Perversion? Wer legt fest, was normal ist und was nicht? Wann wird aus einer harmlosen Schwärmerei eine gefährliche Krankheit? Ganz sicher kann man sich bei Aku no hana nicht sein, nach einem trügerisch harmlosen Anfang, in dem Schüler sich über die neuesten Fernsehsendungen unterhalten und herumalbern, geraten die Protagonisten und die Zuschauer in einen Abwärtsstrudel, der faszinierend und abstoßend zugleich ist. Alltäglich und gleichzeitig nicht von dieser Welt.

Daran hat auch die Optik ihre Teilschuld. Regisseur Hiroshi Nagahama, den man zuvor am ehesten durch Mushi-Shi und Detroit Metal City kannte, weigerte sich zunächst das Projekt zu übernehmen, da er das Medium Anime für diese Geschichte unpassend fand. Am Ende sagte er doch zu, seine Umsetzung fiel aber anders aus, als es die meisten erwartet haben dürften: Zusammen mit dem eher unbekannten Animationsstudio Zexcs adaptierte er die Geschehnisse des Mangas mithilfe des Rotoskopie-Verfahrens, in dem echte Schauspieler aufgenommen, später aber überzeichnet werden. Einst ein beliebtes Verfahren, das unter anderem in Disneys Schneewittchen und die sieben Zwerge zum Einsatz kam, hat man sich davon heute größtenteils verabschiedet. Ein Grund ist der hohe Aufwand, Aku no hana hatte dann auch eine doppelt so lange Produktionsphase wie herkömmliche Anime. Der andere ist, dass die Animationen dadurch so realistisch werden, dass sie gleichzeitig befremdlich wirken. Unter den Zuschauer war die Entscheidung sehr umstritten, sie lässt Aku no hana aber auch optisch aus dem Animeeinerlei hervorstechen.

Allgemein ist die Serie immer im Grenzbereich zwischen Realität und Alptraum, zwischen Alltag und Horror. Da ploppen Gesichter erst im letzten Moment ins Bild, die fotorealistischen Hintergründe werden verfremdet, dazu gibt es ein bedrohliches Surren und Brummen. Von dem unheimlichen Sprechgesang zum Abschluss jeder Folge ganz zu schweigen. Immer wieder fühlt man sich wie in einem Horrorfilm, ist atmosphärisch Werken wie Higurashi deutlich näher als etwa One Week Friends. Aber es ist eben nicht der Horror einer anderen Welt, sondern der, welcher im Menschen lauert. In uns. Schön ist das nicht, dann schon eher verstörend. Ein Anime, der fasziniert und dabei doch unangenehm ist. Sicher darf man sich an der einen oder anderen Stelle fragen, ob die Serie sich nicht ein bisschen zu sehr in die Abgründe stürzt. Ob das, was uns gezeigt wird, überhaupt noch etwas mit Menschen zu tun hat – zu seltsam ist das Verhalten, zu willkürlich, zu unnahbar. Aber es ist eine der interessantesten Geschichten, die im Animebereich in den letzten Jahren erzählt wurde. Eine, die man sich als Freund des Ungewöhnlichen nicht entgehen lassen sollte.



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Aku no hana – Die Blumen des Bösen
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Aku no hana – Die Blumen des Bösen
„Aku no hana“ zeigt erste Lieben und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Das ist jedoch nicht so harmlos-idealisiert wie in anderen Coming-of-Age-Animes, sondern abgründig und verstörend – was auch an der befremdlichen Rotoskopie-Optik liegt, durch die die Serie immer etwas unwirklich-alptraumhaftes hat.
8von 10

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