Human Lost

„Human Lost“ // Deutschland-Start: 26. November 2019 (Kino)

Im Jahr 2036 ist der Tod ein zunehmend hypothetisches Ereignis geworden. Schließlich erlaubt der Einsatz von Nanotechnologie und anderer Wissenschaften den Menschen, quasi unsterblich zu werden. Nicht einmal Verletzungen können ihnen noch etwas anhaben, die verbesserte Heilungsrate macht es möglich. Doch dieser Segen steht nicht allen offen, bringt zudem eine Menge weiterer Probleme mit sich. Von denen weiß Yozo Oba zunächst nur wenig, interessiert er sich für das Thema doch eigentlich nicht. Ganz anders sein Freund Masao Horiki, der sich mit seiner Bikergang gegen die Eliten auflehnt und Oba mit hineinzieht – mit unvorhersehbaren Folgen …

Kaum ein Genre ist ähnlich beliebt bei Anime-Machern wie Science-Fiction: Ob nun riesige Mechaschlachten, Weltraumopern oder alltägliche Technikwunder, von denen wir nur träumen können, in der japanischen Popkultur ist heute oft schon morgen. Oder übermorgen. Doch während viele diese technologischen Fortschritte wie selbstverständlich ansehen, vielleicht gar als eine Art Geschenk, da gibt es auch eine lange Tradition von eher skeptischen Produktionen, die sich mit den Gefahren einer solchen Zukunft auseinandersetzen. Die bekanntesten dieser dystopischen Geschichten sind sicherlich Ghost in the Shell und Akira, in den letzten Jahren kamen Werke wie Psycho-Pass oder Harmony hinzu.

Ein Klassiker, neu verpackt
Wer solche düsteren und nachdenklichen Werke schätzt, für den gibt es jetzt neuen Stoff. Oder besser: einen teilweise neuen Stoff. Im Zentrum von Human Lost steckt nämlich eine alte und in Japan überaus bekannte Geschichte: der Roman No Longer Human von Osamu Dazai aus dem Jahr 1948. Dabei handelt es sich um eines der erfolgreichsten japanischen Bücher aller Zeiten, es wurde auch schon mehrfach adaptiert, sowohl als Live-Action-Variante wie auch als Anime. Mit diesen Versionen hat Human Lost jedoch nur noch sporadisch etwas zu tun. Handelte die literarische Vorlage von einem Mann, der sich zunehmend in der Welt fremd fühlt, wird dies hier in das besagte Science-Fiction-Gewand gehüllt.

Der Fokus verschiebt sich auf diese Weise natürlich, teilweise so sehr, dass man das Original gar nicht wiedererkennt. Die Warnung vor einem Leben, das nicht mehr enden kann, nimmt einen deutlich größeren Stellenwert ein als die Figur Obas. Diese Veränderung ist ein wenig befremdlich, interessant ist Human Lost aber durchaus. Ähnlich zu der französischen Serie Ad Vitam: In alle Ewigkeit wird hier darüber nachgedacht, was es eigentlich mit einer Gesellschaft macht, wenn Menschen nicht mehr sterben, sie dadurch zwangsläufig zu einem Status Quo erstarrt, der keine Durchlässigkeit mehr ermöglicht. Wenn es hier wie dort Rebellen gibt, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, dann ist das durchaus nachvollziehbar. Was zunächst wie ein paradiesische Zustand klingt, ist dann doch eher ein Gefängnis.

Lasst Waffen sprechen!
Im Gegensatz zu den französischen Genrekollegen fehlt hier jedoch die letzte Konsequenz. Anstatt die Frage weiterzuspinnen und über Folgen nachzudenken, verrennt sich der Anime mit der Zeit in wirre Szenen, welche die Geschichte aufhalten, anstatt sie voranzubringen. Wenn beispielsweise Oba zu mehr gemacht wird als einem alltäglichen Zuschauer, dann führt das nicht nur Dazais Buch ad absurdum. Es verhindert auch, sich mit den Denkansätzen näher auseinanderzusetzen. Human Lost ist so sehr damit beschäftigt, alles aufzubauen und größer zu machen, vergisst dabei jedoch, sich um den eigentlichen Inhalt zu kümmern. Der ist dann auch recht unbefriedigend, versucht sich an hochtrabenden Zukunftsvisionen, ohne ihnen dabei genügend Fundament zu verleihen.

Dafür sieht der Beitrag vom Annecy Animationsfestival 2019 gut aus. Die Atmosphäre ist düster, es gibt viele Effekte und Lichtspielereien, welche die Dunkelheit durchschneiden. Die Charaktere sind hingegen etwas zwiespältig. Das auf CGI-Animes spezialisierte Studio Polygon Pictures (Blame!, Godzilla: Planet der Monster) verwendet erneut am Computer erstellte Figuren, welche den klassischen Zeichentricklook nachahmen. Die Designs der Figuren sind recht austauschbar, sehen so aus wie alle Figuren von Polygon. Außerdem sind die Animationen nie so flüssig, wie man es von westlichen CGI-Filmen kennt, das ruckelt und stottert zuweilen unschön. Bei den groß angelegten Actionszenen fällt das weniger auf, wenn sowieso alles drunter und drüber geht. Am meisten Spaß hat an Human Lost dann auch, wer sich an dem Szenario und dem Spektakel erfreuen kann und sich weniger für die Details interessiert.



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Human Lost
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Human Lost
„Human Lost“ entführt uns ins Jahr 2036, wo dank wissenschaftlicher Fortschritte die Menschen quasi unsterblich geworden sind. Die Atmosphäre ist düster, Denkanstöße gibt die Dystopie auch. Der Anime ist aber stärker mit dem Szenario als mit der Geschichte beschäftigt, verrennt sich mit der Zeit in ein wirres Spektakel, das inhaltlich nicht so viel zu bieten hat, wie es vorgibt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2012 schreibe ich über Filme und Serien, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Titel jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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