(„Yō-kai Watch“ directed by Shinji Ushiro, 2014)

Das mit der Suche nach einem imposanten Hirschkäferexemplar lief für Nathan ja nicht so toll. Dafür findet der 11-Jährige aber etwas, das sein Leben auf immer verändern soll. Oder jemand: Whisper. Überdankbar, dass er endlich aus seiner Kapsel befreit wurde, verspricht der Geist, von nun an dem Jungen zu dienen. Aber mehr noch: Er überreicht ihm auch noch eine spezielle Uhr, die es ihm ermöglicht, andere Yo-Kai genannte Geisterwesen zu entdecken. Und von denen gibt es in Japan eine ganze Menge, wann auch immer sich Menschen komisch verhalten oder etwas schief läuft, dann steckt da bestimmt einer dieser Yo-kais dahinter. Aber wird es Nathan auch schaffen, sie alle zu finden und zu seinen Freunden zu machen?

Als Pokémon in den 90ern zu einem medienübergreifenden Phänomen wurde, dauerte es nicht lange, bis sich auch andere daran versuchten, vergleichbare Sammelspiele – nebst passendem Merchandising – unters Volk zu bringen. Während einige wenige selbst zu kleinen Klassikern wurden, beispielsweise Digimon und Yu-Gi-Oh, sind viele erwartungsgemäß rasch in der Versenkung verschwunden. Etwas überraschend kam kürzlich ein weiterer Kollege hinzu, der zumindest in Japan zu einem unglaublichen Erfolg wurde, zeitweise sogar drohte, das Original doch noch zu überrunden. Dass der begleitende Anime zudem vom Animationsstudio Oriental Light and Magic (OLM) stammt, welche seinerzeit schon die Taschenmonster zum Fernsehleben erweckten, macht den Vergleich zwischen den beiden Franchises umso naheliegender.

Und doch hinkt der Vergleich zwischen Pokémon und Yo-kai Watch, zumindest wenn man die Anfänge der beiden Animeserien zur Grundlage nimmt, denn das grundsätzliche Prinzip, dass ein kleiner Junge immer mehr kuriose Fabelwesen um sich herum versammelt, wird hier auf eine eigene Weise variiert. Der erste große Unterschied liegt in den Wesen selbst begraben: Hier sind es keine realen Pflanzen oder Tiere, die in Monsterform aufeinander losgehen, stattdessen fühlt sich Yo-kai Watch tief der japanischen Mythologie gegenüber verpflichtet. Während manche Figuren wie der recht früh eingeführte Kappa direkt der fernöstlichen Sagenwelt entnommen wurden, folgen andere zumindest der dortigen Überzeugung, dass alles und jeder zu einem Gott werden kann – oder einem Dämon.

Da taucht ein Hut auf, der nie darüber hinweggekommen ist, von seiner Besitzerin vergessen worden zu sein, ein komisches Zwitterwesen aus Mensch, Hund und Holzbrett, dazu ein Großvater, der auch nach dem Tod noch seine Enkelin sucht. Damit einher geht eine Verschiebung des Fokus der Geschichte: Ging es bei Ash und dessen Freunden in erster Linie darum, weitere Kämpfer zu finden und zu trainieren, ist Nathan in erster Linie an der Lösung von Problemen interessiert, unter denen sein Umfeld zu leiden hat. Aus pädagogischer Sicht ist das natürlich eine schöne Idee für eine Kinderserie, hat aber sehr gemischte Auswirkungen auf den Spaßfaktor. Positiv ist dabei, dass die Yo-kai mehr Entfaltungsmöglichkeit bekommen, sie fast alle über Sprache verfügen und somit anders als ihre nur mit Lauten kommunizierenden Kollegen mehr Persönlichkeit entwickeln könnten.

Leider tun sie jedoch genau das nicht, nach nur wenigen Minuten ist die nach dem „Monster of the Week“ funktionierende Geschichte schon wieder vorbei, anschließend sind die meisten der Wesen bereits vergessen. Auch die Auseinandersetzungen der Yo-kai sind wenig spektakulär: Gekämpft wird kaum, stattdessen zieht Nathan nach einem Trial-and-Error-Prinzip einen Verbündeten nach dem anderen aus seiner Tasche, bis es irgendwann dann doch klappt. So variantenreich die einzelnen Szenarien auch sind, so langweilig ist deren Auflösung. Es ist aber nicht nur die Abwechslung, die zu wünschen übrig lässt, in Kombination mit der mangelnden Entwicklung von Nathan und seinen Begleitern, sondern auch der Humor. Wenn hier eine ganze Folge einem Pupsmonster gewidmet wird, Serienliebling Jibanyan ständig auf der Suche nach Schokolade ist oder die Jungs heimlich ein Erwachsenenprogramm anschauen wollen, dann darf das junge Zielpublikum natürlich kichern ohne Ende. Aber auch da versuchte man nicht unbedingt, mehr als das Nötigste zu bringen, die Witze sind altbacken, primitiv und einfach nicht besonders komisch, da durfte man bei Pikachu, Team Rocket & Co. deutlich mehr lachen. Und das ist schade, denn die originellen Geisterwesen sowie die immerhin zweckmäßige Optik legen eigentlich die Grundlage für eine tatsächlich interessante Serie, die dem „Original“ sogar einiges voraus hat. Genutzt wird diese jedoch kaum.

Yo-kai Watch – Volume 1
3.91 (78.18%) 11 Artikel bewerten

Yo-kai Watch – Volume 1
Kurios sind die Geisterwesen in „Yo-kai Watch“ ja, zudem mit erstaunlich persönlichen Geschichten verbunden. Zumindest in der ersten Volume ist das Ergebnis umso enttäuschender, die Yo-kai werden zu schnell wieder beiseite geschoben, die Auseinandersetzungen funktionieren immer nach demselben Prinzip, auch der Humor ist sehr einfach gestrickt.
5von 10

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