(„Chaos Dragon“ directed by Masato Matsune, 2015)

Chaos Dragon

„Chaos Dragon“ erscheint auf drei Volumes verteilt auf DVD und Blu-ray

Einst war Nil Kamui ein respektiertes eigenständiges Königreich gewesen. Bis zu jenem Tag, an dem sich das Land Kouran entschloss, den Nachbarn einzuverleiben. Ohne die Unterstützung des anderen Nachbarn Donatia blieb Nil Kamui chancenlos. Und auch der Rote Drache, eigentlich Schutzgott von Nil Kamui, tat wenig, um das Unglück zu verhindern. Im Gegenteil: Das mächtige Wesen lief plötzlich Amok, verbrannte wahllos Dörfer und tötete deren Bewohner. Ibuki, Sohn des verstorbenen Königs, hatte sich ursprünglich aus dem Machtgerangel raushalten wollen. Doch als das Schicksal seiner Freunde auf dem Spiel steht, entschließt er sich doch dazu, einen Pakt mit dem Roten Drachen einzugehen. Der verleiht Ibuki die Macht, einen Gegner zu töten, fordert umgekehrt aber auch ein Opfer. Menschliche Opfer.

Dieses ständige Abwägen – opfere ich einen Freund, um die anderen zu retten? – ist es, was Chaos Dragon zunächst auszeichnet. So wird Ibuki in den ersten Folgen gleich mehrfach vor diese unmenschliche Entscheidung gestellt, auch später werden die moralisch brutalen Opfer gelegentlich noch eingefordert. Ansonsten gefällt der Fantasyanime zunächst durch sein Kriegszenario, in dem mehrere Länder teils auf recht blutige Weise um die Vorherrschaft buhlen, sowie einige groteskere Figuren. Da werden munter Menschen mit Monstern gekreuzt, ein dem Namen nach unsterblicher Händler ist mehr Maschine denn Mensch, auch Untote mischen später kräftigt mit. Im Vergleich zu diversen anderen rollenspielinspirierten Animes hat man sich hier also durchaus so seine Gedanken gemacht, wie man sich von der Masse unterscheiden könnte. Ein bisschen zu viel sogar.

Beeindruckend ist es ja, wenn man sich vor Augen führt, wer hier wenn auch indirekt alles beteiligt war. Die Autoren Gen Urobuchi (Psycho-Pass, Puella Magi Madoka Magica), Kinoko Nasu (Garden of Sinners, Fate/stay night) und Ryōgo Narita (Baccano!, Durarara!!) sind nur drei der fünf Schreiberlinge, die bei der Entstehungsgeschichte des Rollenspielprojekts „Red Dragon“ mitmischten, auf dem Chaos Dragon basiert. Löblich sind die Versuche dann auch, Folklore und Legenden mit der Zeit immer wieder zu vertiefen und so Einblicke in das Land zu geben. Weniger schön ist, dass wohl auch des begrenzten Platzes wegen vieles per mühseligen Texttafeln erklärt wird, bei denen man jedes Mal die Pausetaste drücken muss, um mitlesen zu können. Das wäre sicher auch etwas natürlicher und organischer gegangen. Aber was heißt schon natürlich in einer Welt, in der mächtige Drachen und Ritter ebenso selbstverständlich sind wie Überwachungskameras?

Aber das ist eben auch das größte Problem: Chaos Dragon will zu viel in zu wenig Zeit. Gerade einmal zwölf Folgen standen zur Verfügung, was hinten und vorne nicht ausreicht, um die Geschichte zu erzählen. Das zeigt sich besonders bei den Figuren, deren Persönlichkeiten nicht nennenswert ausgearbeitet wurden: Über den König wider Willen erfährt man nicht allzu viel, über die Leute drumherum noch weniger. Und auch die anfangs angekündigten großen Drachen, welche Erinnerungen an den Klassiker Record of Lodoss War wach werden lassen, zieren sich ein bisschen, sind Teil des Geschehens, halten sich aber größtenteils heraus.

Man sollte also schon eine gewisse Frusttoleranz mitbringen. Zu Beginn wird man von Informationen geradezu erschlagen, zum Ende überschlagen sich die Ereignisse, ohne dass sich Chaos Dragon je wirklich die Zeit nehmen würde, das Ganze auch mal ein wenig zu vertiefen. Das Ergebnis ist ein Anime, der gleichzeitig zu viel und zu wenig Inhalt hat, einer dem man anmerkt, dass er eine ganze Menge zu erzählen hat, sich dabei selbst aber so stark übernimmt, dass trotz vielversprechender Ansätze nichts wirklich Interessantes dabei rauskommt. Dafür ist die Umsetzung ganz hübsch. Wie zuletzt bei Dusk Maiden of Amnesia auch experimentiert das Animationsstudio Silver Link, das zusammen mit Connect für die Anime-Umsetzung des Multimediaprojekts zuständig war, hier kräftig mit düsteren, teils recht ungewöhnlichen Farben. Und bei den später zahlreichen Actionszenen wird an Effekten nicht gespart.



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Chaos Dragon
4 (80%) 4 Artikel bewerten

Chaos Dragon
Wer, wie, was? „Chaos Dragon“ zeigt, dass mehr nicht immer mehr ist: In der Rollenspiel-Adaption gibt es so viele Figuren, folkloristische Elemente und Intrigen, dass man kaum hinterherkommt. Das ist streckenweise interessant, aber zu gehetzt und am Ende oberflächlich, um wirklich zu überzeugen.
5von 10

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