(„Venus Wars“ directed by Yoshikazu Yasuhiko, 1989)

Mehr als 70 Jahre liegen die ersten Kolonisierungsversuche auf der Venus zurück, als sich 2089 die Konflikte zwischen den beiden Staaten Ishtar und Aphrodia zuspitzen – schließlich beanspruchen beide die Vorherrschaft auf dem fernen Planeten für sich. Als die fremde Armee in Io, der Hauptstadt von Aphrodia einfällt, zeigt man sich dennoch nur wenig vorbereitet, innerhalb von nur einem Tag kapituliert die Stadt. Pech für Susan Sommers, die kurz zuvor erst von der Erde aus anreiste. Aber auch Glück, schließlich hofft die Reporterin, auf der Venus den großen Coup zu landen. Immerhin ist sie dabei nicht allein, denn bald macht sie die Bekanntschaft von Hiro und dessen Freunden, die nicht ganz freiwillig in einen Widerstandskampf gegen die feindlichen Besatzer hineingezogen werden.

Wer schon in den 90ern Animes geschaut hat, der könnte seinerzeit durchaus über Venus Wars gestolpert sein. Ein Titel, der ungemein von dem damaligen Boom profitierte. Und davon, dass er einige Ähnlichkeiten zu Akira aufweist, mit dem damals für viele alles losging. In beiden Fällen dreht sich alles um eine Gruppe von Jugendlichen, die mit Bikes unterwegs sind und in einer fernen Zukunft unfreiwillig in eine viel größere Geschichte verwickelt werden. Eine brutale und düstere Geschichte. Dass Hiro rein optisch durchaus als Bruder von Shōtarō Kaneda durchgehen könnte, beide Filme von den Designs und der Umgebung her in eine vergleichbare Richtung gehen, unterstützte den Eindruck noch.

Dennoch hatte der umtriebige Ôtomo hiermit nichts zu tun. Vielmehr war die Vorlage ein vierbändiger Manga von Yoshikazu Yasuhiko aus den späten 80ern, der in Folge des Animefiebers sogar auf Deutsch erschien. Yasuhiko, der aus dem Stoff auch selbst einen Film machte, war im Gegensatz zu seinem Kollegen sehr viel weniger an Science Fiction interessiert. Venus Wars mag auf einem fernen Planeten spielen, Hiro und die anderen mit einem etwas seltsamen einrädigen Bike unterwegs sein. Ansonsten aber merkt man relativ wenig davon, dass die Geschichte hundert Jahre in der Zukunft spielen sollte. Wo andere 80er-Jahre-Sci-Mangas wie etwa Masamune Shirows Ghost in the Shell und Appleseed von der Verschmelzung von Mensch und Maschine träumten, ist das hier sehr viel bescheidener. Geradezu wohlig altmodisch.

Aber auch inhaltlich liegt der Fokus woanders. Es ist der Krieg an sich, für den sich Yasuhiko interessiert. Wie geht die normale Bevölkerung damit um? Was können sie gegen die Besatzung tun? Mit größeren Ambitionen geht das nicht einher, weder bei der Geschichte noch den Figuren. Die Welt wird mit wenigen Zeilen vorgestellt, auch die Personen bekommen nicht viel Raum für Charakterisierung. Stattdessen wird hier in erster Linie gekämpft, geflüchtet, gestritten, aufgelockert durch die eine oder andere etwas humorvollere Szene – Stichwort Katze.

Anspruchsvoll ist das natürlich nicht, aber doch irgendwo ganz unterhaltsam. Vor allem atmosphärisch ist Venus Wars gut gelungen: Das damals noch junge, inzwischen aufgelöste Animationsstudio Triangle Staff (Serial Experiments Lain, Legend of Crystania) präsentierte uns hier eine etwas heruntergekommene, dreckige Welt, in der die Menschen Entspannung bei einem brutalen Rennen suchen. Mit Akira kann es der Film nicht aufnehmen, dafür fehlt es an allen Ecken und Enden an Effekten. Und musikalisch war das Vorbild ohnehin eine ganz andere Liga, meistens arbeitet man hier mit typischer, kaum auseinanderzuhaltender 80er-Jahre-Rockmusik. Die Animationen sind aber auf einem guten Niveau, zusammen mit den Designs hat die Mangaadaption diesen erdigen Charme damaliger Animes, wie man ihn heute nicht mehr findet. Gerade Nostalgiker dürfen bei der vor nicht allzu langer Zeit wiederveröffentlichten US-Version zugreifen. Aber auch Fans animierter Action können liebäugeln, selbst wenn vieles hier – von einer kuriosen Realfilmsequenz abgesehen – eigentlich nicht mehr ist als gehobener Standard.



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Venus Wars
4.33 (86.67%) 3 Artikel bewerten

Venus Wars
Inhaltlich ist „Venus Wars“ sicher nicht ambitioniert, die Sci-Fi-Elemente sind für eine Geschichte im Jahr 2089 ebenfalls bescheiden. Dennoch ist der sehr actionlastige Anime einen Blick wert, allein für den düster-erdigen 80er-Jahre-Charme.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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