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Love Me Tender

„Love Me Tender“ // Deutschland-Start: 7. Mai 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Clémence (Vicky Krieps) hat ihren Mann Laurent (Antoine Reinartz) verlassen, lebt inzwischen offen Beziehungen mit Frauen und versucht, sich als Schriftstellerin ein neues Leben aufzubauen. Das bisher einvernehmlich geregelte Sorgerecht für den gemeinsamen achtjährigen Sohn Paul gerät jedoch aus dem Gleichgewicht, als Laurent von ihrer lesbischen Lebensweise erfährt. Was zunächst wie eine verletzte Reaktion wirkt, entwickelt sich schnell zu einem erbitterten juristischen Kampf: Laurent beantragt das alleinige Sorgerecht, erhebt schwere Vorwürfe gegen Clémence und entfremdet Paul zunehmend von seiner Mutter. Über Jahre wird Clémence durch Gerichte, Gutachten und überwachte Besuchstermine zermürbt. Während sie um den Kontakt zu ihrem Sohn kämpft, versucht sie zugleich, ihre queere Identität, neue Beziehungen und ihre Arbeit als Autorin nicht vollständig von einem System verschlingen zu lassen, das Mutterschaft weiterhin an heteronormative Vorstellungen bindet.

Die langsame Erosion einer Frau

Mit Love Me Tender erzählt Regisseurin Anna Cazenave Cambet kein klassisches Gerichtsdrama, sondern ein stilles, präzise beobachtetes Protokoll institutioneller Gewalt. Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Konfrontationen als für die langsame Erosion einer Frau durch bürokratische Verfahren, psychologische Begutachtungen und den permanenten Verdacht, der ihrer Lebensweise entgegengebracht wird. Die Eröffnungsszene setzt noch einen etwas anderen Ton. Clémence zieht im Schwimmbad ihre Bahnen, begegnet einer Frau in der Umkleide und erlebt einen spontanen sexuellen Moment. Die Szene wirkt zunächst beiläufig und frei, fast euphorisch. Rückblickend erhält sie jedoch eine bittere Doppelbedeutung: Alles, was hier als Ausdruck von Selbstbestimmung erscheint, wird später von Institutionen gegen sie gewendet.

Der Film bleibt konsequent an Clémences Perspektive gebunden. Laurent erscheint oft nur indirekt, über seine Auswirkungen auf Paul oder über Erzählungen anderer Figuren. Diese Entscheidung verhindert eine einfache Täter-Opfer-Dramaturgie und verschiebt den Fokus auf die Erfahrung der Mutter selbst: auf die Ohnmacht, immer wieder bewertet und überprüft zu werden, ohne die Regeln dieses Systems kontrollieren zu können. Die langen Sequenzen der überwachten Besuchstermine gehören zu den stärksten des Films. In neutralen Räumen, beobachtet von Sozialarbeiterinnen, versucht Clémence eine Form von Nähe zu ihrem Sohn aufrechtzuerhalten, während jede Geste, jedes Wort protokolliert wird. Die Szenen entwickeln gerade durch ihre Wiederholung eine beklemmende Wirkung.

Vicky Krieps

Vicky Krieps trägt den Film nahezu vollständig. Ihre Darstellung vermeidet jede Heroisierung. Diese Clémence ist nicht makellos, nicht immer geduldig, manchmal impulsiv und egoistisch. Gerade deshalb funktioniert die Figur so gut. Krieps spielt sie mit einer körperlichen Präsenz, die den Film entscheidend prägt: beim Schwimmen, Gehen, Tanzen oder in den stillen Momenten der Erschöpfung. Vieles läuft über Haltung, Blick und Rhythmus, weniger über große emotionale Ausbrüche. Dadurch entsteht eine Figur, die gleichzeitig kontrolliert und permanent kurz vor dem Zusammenbruch wirkt.

Auch Antoine Reinartz überzeugt als Laurent, obwohl der Film ihn bewusst aus dem Zentrum heraushält. Er spielt keinen offenen Dämon, sondern einen Mann, dessen verletzte Männlichkeit und Kontrollbedürfnis sich hinter der Fassade rationaler Fürsorge verbergen. Gerade diese Unspektakularität macht die Figur unangenehm glaubwürdig. Monia Chokri wiederum bringt als Clémences Partnerin Sarah eine wichtige Gegenbewegung in den Film. Ihre Beziehung eröffnet Momente von Intimität, Begehren und Alltag, bleibt aber ebenfalls vom Sorgerechtsstreit überschattet. Der Film zeigt überzeugend, wie schwer es ist, unter permanenter juristischer Belastung überhaupt Raum für Liebe zu behalten.

Nüchterne Inszenierung

Formal setzt Cazenave Cambet auf eine nüchterne, fast dokumentarische Inszenierung. Die Kamera von Kristy Baboul beobachtet Gesichter und Körper mit großer Nähe, ohne sie ästhetisch zu überhöhen. Paris, Provinz und queere Nachtorte erscheinen als unterschiedliche soziale Räume mit jeweils eigenen Regeln und Machtstrukturen. Auffällig sind zudem die Ellipsen, mit denen der Film die langen Zeiträume des Verfahrens erzählt. Monate vergehen scheinbar lautlos, dennoch bleibt die zermürbende Dauer des Konflikts spürbar.

Nicht jede Entscheidung funktioniert gleich gut. Das Voice-Over, das Passagen aus Clémences Schreiben integriert und der Adaption des gleichnamigen autobiographisch gefärbten Romans von Constance Debré geschuldet ist, erklärt mitunter stärker, als es nötig wäre. Einige dieser essayistischen Reflexionen über Mutterschaft und Freiheit wirken wie eine Dopplung, weil der Film seine Themen visuell und über Situationen ohnehin bereits klar vermittelt. Dennoch fügt sich diese literarische Ebene insgesamt schlüssig in das Projekt ein.

Queere Mutterschaft

Bemerkenswert ist, wie Love Me Tender queere Mutterschaft nicht als Sonderfall, sondern als gesellschaftlichen Prüfstein behandelt. Der Film zeigt, dass Clémence nicht nur deshalb zur „schlechten Mutter“ erklärt wird, weil sie ihren Mann verlassen hat, sondern weil sie darauf besteht, gleichzeitig Mutter, Liebende, schreibende Frau und sexuelles Subjekt zu sein. Der eigentliche Druck geht dabei weniger von einzelnen Figuren aus als von einem System, das Begriffe wie „Stabilität“ oder „Kindeswohl“ scheinbar neutral verwendet, tatsächlich aber bestimmte Familienmodelle privilegiert.

Dabei bleibt Cazenave Cambet erfreulich zurückhaltend. Love Me Tender ist kein Thesenfilm, sondern ein konzentriertes Drama über Erschöpfung, Begehren und institutionelle Macht. Gerade weil der Film seine Konflikte nicht zuspitzt oder sentimentalisiert, entfaltet er eine große Wirkung. Manche dramaturgischen Wiederholungen hätten etwas gestrafft werden können, und die starke subjektive Perspektive blendet die Innenwelt des Kindes zwangsläufig aus. Dennoch gelingt hier ein klug beobachteter, emotional präziser Film, der persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Analyse überzeugend miteinander verbindet.

Credits

OT: „Love Me Tender“
Land: Frankreich, Luxemburg
Jahr: 2025
Regie: Anna Cazenave Cambet
Buch: Anna Cazenave Cambet
Vorlage: Constance Debré
Musik:
Maxence Dussère
Kamera: Kristy Baboul
Besetzung: Vicky Krieps, Antoine Reinartz, Monia Chokri, Viggo Ferreira-Redier, Feddor Atkine, Ji-Min Park, Tallulah Cassavetti, Oumnia Hanader, Anna Sigalevitch, Aurélia Petit

Bilder

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Love Me Tender
fazit
„Love Me Tender” ist ein stiller, präzise beobachteter Film über queere Mutterschaft, institutionelle Macht und die Zermürbung durch bürokratische Systeme. Anna Cazenave Cambet verbindet gesellschaftliche Analyse mit emotionaler Genauigkeit und findet dafür eindringliche Bilder, ohne ihren Stoff zu dramatisieren oder zu vereinfachen.
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