Inhalt / Kritik

Ein Fremder am Strand

„Ein Fremder am Strand“ // Deutschland-Start: 28. September 2021 (Kino) // 18. November 2021 (DVD/Blu-ray)

Als Shun erfährt, dass der hübsche Junge Mio, den er gerade kennengelernt hat, seine Mutter verloren hat und nun ein Waisenkind ist, beschließt er, sich seiner anzunehmen. So einfach wie gedacht ist das jedoch nicht: Mio stößt ihn erst einmal von sich, weil er von niemandem bemitleidet werden will. Doch nach einem holprigen Auftakt kommen sie sich näher – bis zu jenem Tag, als der Junge die kleine Insel verlässt, um auf dem Festland in ein Heim zu gehen. Zwar verspricht er, Kontakt zu halten, aber das bleibt eher sporadisch. Drei Jahre später ist er zurück und gesteht Shun aus heiterem Himmel, dass er sich in ihn verliebt hat. Aber auch wenn dieser die Gefühle erwidert, fällt es ihm schwer, sich auf die Beziehung einzulassen …

Ein hartes Schicksal in jungen Jahren

Es ist schon ein bisschen hart, was Kanna Kii da ihrem Protagonisten zumutet. Beide Eltern zu verlieren, noch bevor man erwachsen ist, damit muss man erst einmal umzugehen lernen. Und dann kommt noch hinzu, dass er sich eingestehen muss, Gefühle für einen Mann entwickelt zu haben – das ist schon ein bisschen viel auf einmal. Wobei der Aspekt des Verlustes beim Anime Ein Fremder am Strand, der auf dem gleichnamigen Manga von Kii basiert, kaum eine Rolle spielt. Später taucht das Thema noch mal kurz auf, im Zusammenhang mit der Bedeutung von Familie. Prinzipiell hätte man dieses Element aber auch mehr oder weniger ganz streichen können: Für eine Alltagsgeschichte ist es zu dramatisch, als eigenständiges Thema ist das Ergebnis zu dünn.

Insgesamt erweckt der Film leider den Eindruck, dass da niemand wirklich näher nachdenken wollte oder sich die Zeit für Tiefe gab. Beispielsweise entstehen die Gefühle quasi auf Knopfdruck. Wo im einen Moment noch Ablehnung ist, da ist man sich im nächsten ganz nah. Wenn Mio nach seiner Rückkehr auf einmal seine große Liebe gesteht, dann kommt das schon mitten aus dem Nichts. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es bei Ein Fremder am Strand nicht um den Anfang solcher Gefühle geht, sondern die Frage, was man mit diesen anfängt. Wenn aber eine Liebe lediglich behauptet wird, ohne dass etwas dafür getan wird, dann ist das schon recht dürftig.

Viele Gefühle, aber wenig Feingefühl

Zumal es selbst nach dem Geständnis nicht übermäßig überzeugend weitergeht. Bei Ein Fremder am Strand ist zu viel einfach willkürlich, die Dialoge und Handlungen ergeben zuweilen nicht sonderlich viel Sinn. Das bedeutet nicht, dass dabei alles schlecht ist. Themen wie Selbstfindung oder der Umgang mit Homophobie sind wichtige Themen. Wenn beide nicht wissen, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollen, dann dürfte das einigen im Publikum aus den Herzen sprechen. Bemerkenswert ist zudem, wie offen der Anime über schmerzhafte Erfahrungen beim Analverkehr spricht – nicht unbedingt das, was man bei einem romantischen Drama erwarten durfte. Ansätze für eine interessante Geschichte sind also da, aber es fehlt das Feingefühl bei der Ausarbeitung und der Kombination dieser Einzelmomente.

Dafür sieht der Anime gut aus. Die eher wenig bekannten Künstler und Künstlerinnen von Studio Hibari haben recht schöne Bilder zusammengezaubert, welche die Besonderheiten der kleinen idyllischen Insel betonen, ohne sich dafür in Postkartenkitsch zu vergraben. Gerade die zum Teil an Gemälde erinnernden Hintergründe sind schon sehr schön anzusehen. In der Summe reicht das, um aus Ein Fremder am Strand einen durchschnittlichen Anime zu machen. Zudem ist er mit einer Laufzeit von nicht einmal einer Stunde recht kurz, weshalb man kaum Zeit zur Langeweile bekommt. Aber es ist schon schade, wie unausgereift der Inhalt ist. Da wäre doch deutlich mehr drin gewesen.

Credits

OT: „Umibe no Étranger“
Land: Japan
Jahr: 2020
Regie: Akiyo Ohashi
Drehbuch: Akiyo Ohashi
Vorlage: Kanna Kii
Musik: Mina Kubota
Animation: Studio Hibari

Bilder

Trailer

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Ein Fremder am Strand
„Ein Fremder am Strand“ erzählt davon, wie sich zwei junge Männer ineinander verlieben, aber mit ihren Gefühlen nicht wirklich zurechtkommen. Der Anime spricht diverse wichtige Themen an und hat auch schöne Bilder, hat jedoch deutliche inhaltliche Schwächen. Vor allem die Willkürlichkeit bei Dialogen und Handlungen führt dazu, dass der Film unter seinen Möglichkeiten bleibt.
5von 10
Leserwertung: (2 Votes)
9.6

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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