(„Planetes“ directed by Gorō Taniguchi, 2003/2004)

Wer hat nicht schon einmal hinauf zu den Sternen geblickt und sich gefragt, wie ein Leben dort oben wohl sein könnte? Der 146. Teil unseres fortlaufenden Animationsspecials hat eine Antwort darauf. Eine Antwort, die sehr ungewöhnlich ist, gerade weil sie so gewöhnlich ist.

Im Jahr 2075 haben es die Menschen endlich geschafft: Die Raumfahrt ist so weit fortgeschritten, dass sie den Weltraum besiedeln können. Eine große Mondkolonie haben sie schon, nun steht eine Reise zum Jupiter bevor. Doch die Jahrzehnte in den Weiten des Weltalls haben ihre Spuren hinterlassen. Genauer Schrott. Alte Satelliten, abgeworfene Raketenteile, Raumstationen – all das hat dazu beigetragen, dass kleine wie große Gegenstände herumschwirren. Und wie gefährlich das ist, zeigte ein Unfall vor einigen Jahren, als eine Passagiermaschine von einer Schraube getroffen und zerstört wurde, viele Menschen dabei ums Leben kamen. Damit ein solches Unglück kein zweites Mal passieren kann, wurden Spezialabteilungen ins Leben gerufen, die den Weltraummüll aufsammeln und die Raumfahrt damit sicherer machen sollen. Abteilungen wie DS-12 von dem Unternehmen Technora.

Japan und Science Fiction, das ist seit vielen Jahrzehnten schon eine überaus produktive wie abwechslungsreiche Kombination: Ob nun große Space Operas (Captain Future, Space Pirate Captain Harlock), düstere Cyberpunk-Welten (Akira, Ghost in the Shell) bis zu riesigen Robotern (RahXephon, Gurren Lagann), die Auswahl ist enorm, je abgefahrener umso besser. Dass es aber auch eine ganze Spur kleiner und realitätsbezogener geht, das bewies 1999 Makoto Yukimura in seinem Manga „Planetes“, der von dem wenig rühmlichen Alltag der Weltraummüllsammler berichtete. Große Abenteuer? Ruhm? Die gibt es für die Crewmitglieder nicht, der Rest der Welt begegnet der Verlierertruppe allenfalls mit Spott, sofern er sie überhaupt irgendwo wahrnimmt.

Das ist bei der einige Jahre später von Gorō Taniguchi (Maria the Virgin Witch, Code Geass) inszenierten Animeserie ganz ähnlich. Eine direkte Umsetzung des Mangas war diese jedoch nicht, nahm zwar viele Elemente der Vorlage, ordnete sie aber anders an, veränderte sie zum Teil und erweiterte sie an mehreren Stellen. Kenner des Originals werden das gleich zu Beginn feststellen, als wir das erste Mal die Büroräume der Sammler betreten. Zum einen wurde die Crew um ein paar Mitglieder ergänzt, die der Geschichte von Anfang an noch mehr Humor verleihen – DS-12 ist nun endgültig ein Chaosverein geworden, in dem nichts so wirklich funktioniert. Zum anderen beginnt die Serie mit dem ersten Tag von Neuzugang Ai Tanabe, die sich gleich einmal mit Hachirota „Hachimaki“ Hoshino anlegt. Im Manga tauchte sie erst deutlich später auf.

Reine Willkür? Nein, natürlich nicht. Vielmehr wurde dem Zuschauer auf diese Weise eine Identifikationsfigur mit auf den Weg gegeben, die wie er das Leben dort oben langsam erst kennenlernen muss. Und genau darum geht es bei Planetes anfangs: Was bedeutet das eigentlich, sein Leben im Weltraum zu verbringen? Und was sind das für Leute, die ihr Erdendasein dagegen eingetauscht haben? Ohne große Eile werden viele der insgesamt 26 Episoden für die Einführung reserviert, die einem vor allen durch komische Momente auf das vorbereiten, was später kommt.

Was zunächst wie eine Weltall-Sitcom wirkt, wird dann deutlich dramatischer, sowohl im zwischenmenschlichen Bereich – dass Ai und Hachimaki zu mehr berufen sind, wird schnell klar –, wie aber auch in einem größeren Rahmen. Da schleichen sich gesellschaftskritische Elemente in die Geschichte, politische, sogar philosophische, die von allen Seiten unsere Rolle im Weltraum beleuchten. Was tun wir dort oben? Was sollten wir tun? Welche Verantwortung haben wir anderen Menschen gegenüber? Da werden auch persönliche Abgründe nicht aufgespart, Hachimaki etwa darf in an Neon Genesis Evangelion erinnernden Momenten an so ziemlich allem zweifeln. Vor allem sich selbst. Und doch vermeidet es Planetes, bei dieser Ernsthaftigkeit ins Melodram abzugleiten. So ungewöhnlich die Lebenssituation der Figuren auch ist, so absurd einige der komischen Szenen, das international zusammengewürfelte Team wirkt doch erstaunlich menschlich. Wenn hier Charaktere nach Träumen jagen, nach sich selbst, inmitten der Einsamkeit Weltsichten aufeinanderprallen, dann ist das dem hier und jetzt viel näher, als wir es meistens aus Science-Fiction-Geschichten gewohnt sind.

Es ist dann auch dieser Realismus, der sich in der unspektakulären Optik vom Animationsstudio Sunrise (Cowboy Bebop, Steamboy) widerspiegelt. Hier hat alles seinen Platz, seinen Sinn. Detaillierte Hintergründe gibt es keine, weil die in einer Raumstation auch nicht zu erwarten ist. Hin und wieder wird auch mit etwas abgehobeneren Ideen gespielt, im Großen und Ganzen überzeugt die Serie – neben ihren sorgfältig ausgearbeiteten Figuren – aber durch ihr authentisches Ambiente, dem auch Mitglieder der japanischen Raumfahrtbehörde JAXA mit Rat zur Seite standen. Auch wenn der Animeserie wie schon dem zugrundeliegenden Manga ein bisschen der rote Faden fehlt, oft einfach von Thema zu Thema gesprungen wird, gehört sie doch zu den lohnenswertesten Science-Fiction-Vertretern, die wir aus Fernost zu sehen bekommen durften.

Planetes
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Planetes
„Planetes“ ist eine Ausnahmeerscheinung im japanischen Science-Fiction-Bereich: Statt bizarrer Aliens oder großer Roboter gibt es hier tatsächliche Menschen, die im Weltraum das aufsammeln, was andere zurückgelassen haben. Der tragikomischen Geschichte fehlt es zwar an einem roten Faden, die Animeserie überzeugt aber durch ihren Realismus, viele interessante Themen und die gut ausgearbeiteten Figuren.
8von 10

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