(„Tenshi no Tamago“ directed by Mamoru Oshii, 1985)

Angekündigt hatten wir es schon, nun ist es tatsächlich da: das Ende unseres fortlaufenden Animationsspecials. 150 Folgen lang haben wir euch mitgenommen auf eine Reise, die uns an die unterschiedlichsten Orte geführt hat, zu den unterschiedlichsten Künstlern. Eine Reise durch die Zeit, Genres und Animationstechniken. Mit Der phantastische Planet ging es vor knapp drei Jahren los, dem großen französischen Vertreter des Surrealen. Abschließen werden wir das Special mit dem fernöstlichen Pendant. Einem Film, den ich das erste Mal gesehen habe in der Nacht, in der ich selbst aus Japan zurückgekommen war. Nicht mehr dort war, aber noch nicht hier, zwischen zwei Orten und Zeiten verloren. Und das war sehr passend für ein Werk, das sich ebenfalls jeglichem Raum und jeglicher Zeit entzieht. Und jeglichem rationalen Verständnis.

Keiner kann sagen, was sich in diesem riesigen Ei verbirgt. Auch nicht das weißhaarige Mädchen, welches es mit sich rumträgt. Aber es weiß, dass es dieses beschützen muss. Vor allen Gefahren, die da draußen in der dunklen Welt lauern. Vor den Männern, die durch die Stadt streifen. Und vor dem Soldaten, der eines Tages auftaucht und wissen will, was es mit dem Ei auf sich hat.

Bei der Frage nach den einflussreichsten Animeregisseuren fällt fast immer der Name Mamoru Oshii. Meistens geschieht das im Zusammenhang mit dem bahnbrechenden Cyberpunk-Klassiker Ghost in the Shell, vereinzelt auch für Patlabor. Science-Fiction-Werke, die weniger Wert auf Action legen, vielmehr nachdenkliche, leicht esoterische Auseinandersetzungen mit der Rolle des Menschen in einer technologisierten Welt sind. Doch so fordernd diese Filme auch im Vergleich zu so manch japanischem Zeichentrickkollegen auch gewesen sein mögen, so waren sie doch harmlos, wenn man die früheren Werke des Altmeisters daneben stellt. Dort ließ er seinem Hang zu kryptischen Fantastereien freien Lauf. Und nirgends mehr als bei Angel’s Egg.

Ein Mädchen läuft mit einem Ei durch eine verlassene Stadt, wird später von einem Soldaten begleitet. Mehr Handlung hat der Anime nicht, was selbst für eine kurze Laufzeit von rund 70 Minuten nicht sehr viel ist. Man könnte sie beschreiben, jede einzelne Szene des Films, und würde dem Ergebnis auf dem Bildschirm doch nicht näherkommen. Das liegt auch daran, dass in Angel’s Egg kaum gesprochen wird, sämtliche Dialoge zusammen auf eine Seite passen würden. „Wer bist du?“, will das Mädchen von dem Soldaten wissen. Eine Antwort gibt es aber nicht. Nicht für das Mädchen. Nicht für den Zuschauer. Nicht für den Soldaten selbst, der wie das Mädchen auch vergeblich nach Erinnerungen sucht. Oder einem Namen.

Und selbst wenn doch einmal gesprochen wird, dienen die Worte nicht wirklich dazu, Licht in diese finstere Welt zu bringen. Von träumenden Vögeln ist dann die Rede. Von Bäumen, die der Erde die Kraft entziehen. Von Engeln. Und von der Sintflut. Christliche Themen und Symbole tauchen immer wieder auf, so trägt der Soldat eine Waffe auf der Schulter, die einem riesigen Kreuz gleicht. Aber was diese zu bedeuten haben, das lässt Oshii offen. So wie er alles vermeidet, was konkreten Informationen ähneln könnte. Ort? Zeit? Figuren? Nichts davon ist greifbar, nichts wird je erklärt.

Das macht Angel’s Egg mindestens zu einer Herausforderung, für viele sogar zu einer Zumutung. Umso mehr, da hier kaum etwas geschieht. Wo andere surreale Zeichentrickfilme wie eben Der phantastische Planet, Cat Soup oder Gwen et le livre de sable bei aller Rätselhaftigkeit doch zumindest eine erkennbare Entwicklung haben, ist man hier in einer Zeitblase gefangen. Dass der Film dennoch so sehenswert ist, bei vielen älteren Anime-Zuschauern sogar absoluter Kult, das liegt nicht nur an dem seltsamen „was“, sondern auch an dem ebenso fremdartigen „wie“. Gemeinsam mit Yoshitaka Amano, der als Illustrator der frühen „Final Fantasy“-Spiele bekannt ist, aber auch bei diversen Animes mitgewirkt hat (Vampire Hunter D, Ayakashi: Samurai Horror Tales), schuf er eine Welt, die gleichzeitig vertraut ist und doch ihresgleichen sucht. Düster ist sie, von gelegentlichen Rottönen abgesehen ein Schatten aus Blau und Schwarz. Niemand scheint mehr in der Stadt zu leben, auch wenn die Straßenlaternen und Brunnen nach wie vor funktionieren. Die Gebäude sind verlassen, größtenteils zu Ruinen verfallen.

Nur hin und wieder funkelt etwas Leben. Aber vielleicht ist auch das nur ein Traum, eine Erinnerung. Die gesichtslosen Männer beispielsweise, die mit Harpunen Jagd auf riesige Fische machen, von denen nur Schatten noch geblieben sind. Technisch bleibt der Anime überschaubar, atmosphärisch ist die Direct-to-Video-Produktion von Studio Deen (Higurashi – When They Cry, Hakuoki: Demon of the Fleeting Blossom – Wild Dance of Kyoto) jedoch ein Ausnahmewerk. Ein Kunstwerk. Vielleicht gar ein Meisterwerk. Begleitet von einem hypnotischen Klangteppich aus Klavier, Geige, wortlosen Gesängen und dem allgegenwärtigen Wind verliert man sich hier in einem Labyrinth aus Bildern und Eindrücke voller Melancholie, aber auch voll des Schreckens. Science Fiction, Fantasy, gar Horror? Man könnte viele Genrekategorien bemühen, ohne aber der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Sofern es die überhaupt gibt. Mehr als 30 Jahre ist Angel’s Egg inzwischen alt, gibt aber noch immer mehr symbolisch-surreale Rätsel auf, als man sie je beantworten könnte. Aber das muss man auch nicht. Der Film ist nicht dazu da, erklärt zu werden. Er muss erlebt werden. Erfühlt. Eine persönliche Reise, die jeder nur für sich antreten kann. Dass einem diese aufgrund eines fehlenden Releases im Westen erschwert wird, ist bedauerlich. Die Mühe eines japanischen Imports plus Script aus dem Internet lohnt aber. Wer sich nicht an dem geringen Tempo und der fehlenden Erklärung stört, taucht hier tief in eine Welt ein, die poetisch und unheimlich zugleich ist. Eine Welt, wie man sie im Anschluss nie wieder vergessen wird. Weil sie immer schon da war. Und gleichzeitig auch nicht.

Angel’s Egg
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Angel’s Egg
„Angel’s Egg“ ist ein Film, der im Animebereich, aber auch außerhalb seinesgleichen sucht: melancholisch, poetisch, unheimlich, vor allem aber sehr rätselhaft. Die kunstvolle Atmosphäre zusammen mit den wortlosen, symbolbehafteten Bildern und dem hypnotischen Klangteppich nehmen einen mit auf eine surreale Reise, in der es nur Fragen, aber keine Antworten gibt.
9von 10

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