Children of the Sea

„Children of the Sea“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Schlimmer hätten die Sommerferien für die 14-jährige Ruka wohl kaum beginnen können. Zuhause klappt es schon seit längerem nicht mehr, ihre Eltern stehen davor, sich jetzt wohl endgültig zu trennen. Und ohnehin, Beachtung findet sie keine, weder von ihrem Vater, der ständig bei der Arbeit ist, noch bei der trinkenden Mutter. Als sie dann auch noch beim Handball-Spiel mit einer Mitschülerin aneinandergerät und suspendiert wird, weiß sie endgültig nicht mehr, was sie tun soll. Da begegnet sie beim Aquarium ihres Vaters dem Jungen Umi und dessen Bruder Sora, die im Meer von Dugongs aufgezogen worden sein sollen und sich nun nur noch im Wasser zu Hause fühlen. Während Ruka mit den beiden Freundschaft schließt, scheint sich da draußen im Meer etwas zusammenzubrauen …

Im Literaturbereich stößt man immer wieder auf Beispiele, die – aus den verschiedensten Gründen – als unverfilmbar gelten. Irgendwann findet sich dann aber doch noch jemand, der sich daran versucht, sollten die Erfolgsaussichten groß genug sein. Das kann mal gut gehen, wie bei Der Herr der Ringe oder Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger. Manche scheitern jedoch an dieser Aufgabe wie zuletzt Der Distelfink. Bei Mangas gibt es diese Befürchtung normalerweise nicht, sind sie doch von vornherein als visuelles Medium ausgelegt. Und wo es bereits Bilder gibt, da sollte es nicht so schwierig sein, diese auch noch das Laufen beizubringen.

Eine Galerie in Bewegtform
Bei Children of the Sea von Daisuke Igarashi war dennoch die Skepsis groß, ob ein Film der Vorlage gerecht werden könnte. Das lag jedoch weniger an einer etwaigen komplexen Handlung. Auch innere Monologe oder Zeitwechsel, häufige Knackpunkte solcher unverfilmbarer Werke, sind hier kein Thema. Stattdessen ist die zwischen 2006 und 2011 erschienene fünfbändige Mangareihe für ihre detailverliebten, oft fotorealistisch anmutenden Zeichnungen berühmt, die eher an Artworks als an herkömmliche Comics erinnern, wurde dafür auch mit mehreren Preisen gewürdigt. Ein solcher Titel ist natürlich eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Regisseur Ayumu Watanabe nahm sich dieser Herausforderung an und schuf zusammen mit dem Animationsstudio Studio 4 °C (Mind Game, Tekkonkinkreet) einen der visuell betörendsten Animes der letzten Jahre. Von den ersten Augenblicken an überwältigt Children of the Sea mit ausgefeilten Hintergründen, schüttelt Spezialeffekte mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit aus den Ärmeln, gefällt auch im Hinblick auf die ungewöhnlichen Designs und die Animationen. Seine wahre Stärke zeigt der Film jedoch erst, als er den reinen Realismus hinter sich lässt und mit einer mystischen Welt verbindet, aus dem unschuldigen Sommerabenteuer ein Trip wird, den man kaum je zu fassen bekommt.

Ein Trip ohne feste Grenzen
Das liegt auch daran, dass Children of the Sea auf eine klar zu durchdringende Handlung verzichtet. Viele Fragen, die im Laufe der knapp 110 Minuten aufkommen – und das sind jede Menge – werden keine Antwort finden, sondern nur noch weitere Fragen. Der Beitrag vom Animation Is Film Festival 2019 ist keiner, dem man sich auf einem rationalen Weg nähern sollte oder mit traditionellen Vorstellungen einer Geschichte im Gepäck. Stattdessen erinnert der Anime an die Sagen und Legenden von einst, in der die Natur selbst ein Wesen ist, alles in irgendeiner Form miteinander verbunden ist, man das um einen herum noch intuitiv zu klären versuchte. Nicht ohne Grund heißen die beiden Jungen Umi (japanisch für Meer) und Sora (Himmel).

Wie viel man aus dem Film für sich selbst herausholt, hängt daher maßgeblich damit zusammen, ob man sich auf diese alternative Form des Geschichtenerzählens einlassen kann. Hier passiert sehr viel und gleichzeitig irgendwie nichts, manch einer wird vor der Leinwand sitzen und sich fragen: Was genau sollte das jetzt? Und doch ist dieses psychedelisch-spirituelle Abenteuer eines, das man kaum vergessen kann, selbst wenn man sich nicht daran erinnert. Einmal darin eingetaucht, wird man zu einem Teil davon, so wie es Teil von einem selbst wurde, während um uns herum Farben fangen spielen, Kometen vom Himmel fallen und wir schon längst nicht mehr wissen, ob wir am Anfang oder am Ende stehen – sofern es diesen Unterschied je gegeben hat.



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Children of the Sea
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Children of the Sea
„Children of the Sea“ ist ein Anime, wie man ihn wohl kaum ein zweites Mal zu Gesicht bekommt. Was anfänglich wie ein gewöhnliches Sommerabenteuer wirkt, wird bald zu einem gerade auch visuell berauschenden Trip, dem man sich nur intuitiv, nicht rational nähern kann, und der an die Mythen von einst erinnert, wenn alles eins ist, Anfang und Ende Teil desselben Bildes.
7von 10

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