(„Okami kodomo no ame to yuki“ directed by Mamoru Hosoda, 2012)

Ame & YukiWem es letzte Woche in Panik in der Pampa zu hektisch und unsinnig zuging, der darf sich in Teil 96 unseres fortlaufenden Animationsspecials wieder auf etwas gehaltvollere Kost freuen. Denn auch wenn wir uns dieses Mal in den Bereich der Fantasy begeben, hat der Anime doch sehr viel über das Leben an sich zu erzählen.

Als Hana in einer Vorlesung den mysteriösen, schweigsamen Kommilitonen trefft, ist es rasch um sie geschehen. Der Wunsch, mit ihm zusammen zu sein, bleibt selbst dann noch, als er ihr eröffnet, der letzte Nachkomme einer alten Wolfsfamilie zu sein. Mehr noch, es dauert nicht lange, da steht mit Tochter Yuki und Sohn Ame bereits Nachwuchs an. Das harmonische Leben nimmt jedoch ein jähes Ende, als der Vater stirbt. Anfangs meistert Hana die Doppelbelastung als Mutter und Studentin. Aber je älter die Kinder werden, umso schwieriger wird es, ihr altes Leben fortzusetzen, schließlich haben diese die Fähigkeit des Vaters geerbt, sich in Wölfe zu verwandeln. Fernab der Zivilisation, in einem alten Haus auf dem Land, will die Familie daher eine neue Existenz aufbauen – was für einen Stadtmenschen wie Hana aber völlig neue Probleme mit sich bringt.

Wenn es darum geht, würdige Nachfolger für die scheidenden Animegötter Hayao Miyazaki und Isao Takahata zu finden, taucht ein Name immer wieder weit oben auf: Mamoru Hosoda. Das mag auch an der geringen Konkurrenz liegen. Animefilme sind inzwischen ohnehin eine Seltenheit geworden, gute umso mehr. Lässt man Hosoda einmal weg, bleiben nur Makoto Shinkai (5 Centimers per Second, The Place Promised in Our Early Days) oder auch Keiichi Hara (Summer Days with Coo, Colorful) als ernstzunehmende Regisseure der Neuzeit übrig. Mehr noch als bei diesen lassen sich bei Hosoda aber thematische Gemeinsamkeiten finden, und nirgends mehr als bei Ame & Yuki.

Waren die vorangegangen beiden Filme von Hosodo Das Mädchen, das durch die Zeit sprang und Summer Wars von Science-Fiction-Elementen geprägt, wendet sich der Japaner dieses Mal dem Fantasybereich zu. Zwar ist der Schauplatz in Ame & Yuki das Hier und Jetzt, ähnlich wie bei Miyazaki sind die Grenzen zu anderen Welten jedoch fließend, unsichtbar für die Augen der Menschen gibt es auch hier Fabelwesen. Dabei hätte der Film die Wolfsthematik über weite Strecken gar nicht gebraucht, auch ohne diese Elemente wäre Hosoda eine bewegende Geschichte über eine alleinerziehende Mutter geglückt. Wenn etwa Hana und die Kinder zusammen im Schnee herumtollen, dann sind alle Gedanken an Probleme weggeblasen, es sind gerade die mitreißenden Familienmomente, welche Hosodas sechsten Film so sehenswert machen.

Wirklich kitschig wird es dabei nie, ein bisschen süßlich an manchen Stellen aber schon. So gibt es abgesehen von dem Tod des bis zum Schluss namenlosen Vaters keine Probleme, die sich nicht doch irgendwann in Wohlgefallen auflösen, egal ob das nun gerade glaubwürdig ist oder nicht. Aber das ist angesichts der ansonsten sehr authentisch erzählten Geschichte leicht zu verschmerzen. Vor allem das Aufwachsen der beiden Kinder ist Hosoda sehr geglückt: In der zweiten Hälfte stehen nun sie im Mittelpunkt, ihre Unterschiede, ihre Versuche, in der Welt einen Platz zu finden. Was als Fantasy-Romanze begann und zu einem Familiendrama überging wird nun zu einem Coming-of-Age-Film, der sich trotz seines ungewöhnlichen Szenarios an der Realität orientiert.

Und das gilt dann auch für die Optik, mit mal mehr, mal weniger gelungenen Ergebnissen. Die Hintergründe, gerade auch in der Natur, sind sehr ansehnlich geworden, im Gegensatz zum eigenartigen am Computer erstellten Wasser. Animationen und Designs sind in Ordnung, ein wirklicher Hingucker ist die Zusammenarbeit von Hosodas neu gegründetem Studio Chizu und seinen üblichen Partnern bei Madhouse (Robotic Angel, Millennium Actress) aber nicht. Muss sie jedoch auch nicht sein, selbst ohne große visuelle Höhepunkte gehört Ame & Yuki zu den schönsten Animes der letzten Jahre.

Ame & Yuki – Die Wolfskinder
4.19 (83.81%) 21 Artikel bewerten

Ame & Yuki – Die Wolfskinder
Ein Wolfsmann und eine Menschenfrau verlieben sich ... Nein, das ist nicht das Szenario einer weiteren Teenie-Fantasy-Romanze. Vielmehr wandelt sich „Ame & Yuki“ später zu einem Coming-of-Age-Drama, das statt großem Kitsch einige hinreißende Familienmomente zu bieten hat.
8von 10

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