Kritik

Violet Evergarden und das Band der Freundschaft

„Violet Evergarden und das Band der Freundschaft“ // Deutschland-Start: 28. Januar 2020 (Kino)

Der Krieg ist vorbei, für Violet Evergarden bedeutet dies, dass sie nun anderen Tätigkeiten nachgehen muss. Eine davon führt sie in ein Internat, wo sie den jungen Mädchen dabei helfen soll, zu ehrbaren Damen zu werden. Schließlich sollen sie alle einmal verheiratet werden und Teil der Elite werden, müssen entsprechend darauf gut vorbereitet werden. Ganz einfach ist die Aufgabe nicht, vor allem nicht beim ehemaligen Straßenkind Amy, das nur wenig mit der ganzen Geschichte anfangen kann. Aber weshalb ist sie dann hier? Woher hat sie überhaupt das Geld für das feine Internat? Je mehr Zeit Violet und Amy miteinander verbringen, umso näher kommen sie sich – und damit auch den traurigen Erfahrungen, welche die junge Frau früher gesammelt hat …

Das Warten hat ein Ende, für die Fans der beliebten Animeserie Violet Evergarden gibt es jetzt endlich Nachschub. Um eine direkte Fortsetzung handelt es sich bei Violet Evergarden und das Band der Freundschaft jedoch nicht. Es ist – was manche etwas verwirren könnte –auch nicht der lang erwartete neue Film, der schon seit 2018 im Gespräch ist. Der folgt zwar auch bald, im April startet er in den japanischen Kinos. Bis das hiesige Publikum an der Reihe ist, kann es jedoch noch dauern. Aber dafür gibt es ja erst einmal diesen Film, der im Originaltitel durch den Zusatz „Gaiden“ bereits deutlich macht, dass es sich um eine Nebengeschichte handelt. Das heißt, es gibt ein Wiedersehen mit der Titelheldin und ihrer Welt, ohne dass dadurch aber die Haupthandlung fortgesetzt würde.

Kleine Geschichten auf der großen Leinwand
Für das Anime-Publikum dürfte das kein Problem sein, solche letztendlich irrelevanten Neben-Filme finden sich von Pokémon über Naruto bis zu One Piece ja bei vielen namhaften Serien. Sinn und Zweck ist dort eben nicht, etwas tatsächlich Relevantes zu erzählen, sondern die Fans bei Laune zu halten und dabei noch etwas Kasse zu machen. Wobei, einen Vorteil haben diese Titel natürlich schon: Sie haben meistens ein größeres Budget, wodurch sie besser aussehen als die Folgen der jeweiligen Serien. Violet Evergarden ist hier eine kleine Ausnahme: Im Gegensatz zu den oft eher billig produzierten Endlosveranstaltungen war rein visuell nichts an der Serie auszusetzen, das Potenzial für Verbesserung ist dadurch geringer.

Und doch ist es natürlich schön, den Film dadurch auf einer großen Leinwand genießen zu können. Kyoto Animation (A Silent Voice, Liz und der blaue Vogel), eines der derzeit verlässlichsten Animestudios, zeigt in Violet Evergarden und das Band der Freundschaft mal wieder die eigene technische Klasse. Vor allem die Hintergründe bieten schon sehr viel fürs Auge, sind sehr detailliert und zeichnen das sehenswerte Bild einer Art alternativen Vergangenheit. Die Welt erinnert dabei an das viktorianische England, ergänzt um ein bisschen technologischen Schnickschnack, allen voran die Roboterarme, welche aus der Titelheldin eine überaus begabte und flinke Schreibmaschinenschreiberin machen.

Die plötzliche Sprachlosigkeit
Im Vergleich zur Serie sind diese Steampunk-Anleihen jedoch noch einmal ein ganzes Stück mehr in den Hintergrund getreten. Der Krieg wird beispielsweise kaum mehr erwähnt, auch Violets rasanten Arme kommen nicht zum Einsatz. Während sich das noch verschmerzen ließ, ist ein anderer Verzicht deutlich bedauerlicher. In Violet Evergarden war Sprache ein wichtiges Thema gewesen, wenn die Ex-Soldatin zwar die Technik des Schreibens beherrscht – anders als viele Zeitgenossen –, jedoch nicht mit Worten umgehen kann. Dadurch war sie oft mit Ideen und Konzepten konfrontiert, mit denen sie nichts anzufangen wusste. Umgekehrt musste sie lernen, dass Kommunikation mehr ist als nur Worte.

Dieses interessante Alleinstellungsmerkmal – Sprachphilosophie ist nun wirklich kein häufiges Anime-Thema – wurde aber schon in der Serie zu wenig genutzt. Im Film interessiert man sich praktisch gar nicht mehr dafür. Stattdessen will Violet Evergarden und das Band der Freundschaft in erster Linie ein Drama sein über Menschen mit traurigen, wenigstens bewegenden Geschichten. So richtig überzeugend ist das Ergebnis aber nicht. Während die Beschäftigung mit Frauenbildern bzw. ihren Rollen in der Gesellschaft durchaus relevant sind, fielen dem Drehbuchteam sonst nur ein paar Klischees ein, die des Öfteren am Rande des Kitsches sind. Das kann man natürlich schön finden und emotional, ist letztendlich aber schon reichlich künstlich geworden, nicht zuletzt wegen der an den Haaren herbeigezogenen Geschichte, die Teil der Herzkino-Reihe sein könnte und so sehr auf Gefühle macht, dass am Ende nicht viel mehr übrig bleibt als eine schöne Verpackung.

Credits

OT: „Violet Evergarden Gaiden: Eien to Jidō Shuki Ningyō“
IT: „Violet Evergarden – Eternity and the Auto Memory Doll“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Haruka Fujita
Drehbuch: Reiko Yoshida, Takaaki Suzuki, Tatsuhiko Urahata
Vorlage: Kana Akatsuki
Musik: Evan Call
Animation: Kyoto Animation

Bilder

Trailer



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Violet Evergarden und das Band der Freundschaft
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Violet Evergarden und das Band der Freundschaft
In „Violet Evergarden und das Band der Freundschaft“ gibt es ein Wiedersehen mit der Titelheldin der gleichnamigen Hit-Anime-Serie, die dieses Mal junge Mädchen auf ihre Rollen als Ladys vorbereitet. Die Ausführungen zu Geschlechterrollen sind relevant, ansonsten konzentriert sich der Film auf Gefühle, wird dabei aber so künstlich, dass von diesen nicht viel bleibt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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