Kritik

Hello World

„Hello World“ // Deutschland-Start: 26. November 2020 (DVD/Blu-ray)

Was für ein verrückter Tag das doch ist. Erst wird dem zurückhaltenden Bücherwurm Naomi Katagaki von einer aufdringlichen Krähe sein Buch stibitzt. Und dann begegnet er bei dem Versuch es zurückzubekommen einem mysteriösen Mann, der doch glatt von sich behauptet, sein älteres Ich zu sein. Mehr noch, der Fremde bittet ihn, Naomis Mitschülerin Ruri vor einem Unfall zu retten, der sich erst in drei Monaten zutragen wird, zu einem Zeitpunkt, als die beiden ein Paar geworden sind. Doch um das durchziehen zu können, muss Naomi das Herz der eher mürrischen Jugendlichen für sich gewinnen – was nur mit Hilfe seines zukünftigen Ichs geht …

Wir alle dürften Erlebnisse haben, die wir gerne ungeschehen machen würden, Entscheidungen, die wir rückwirkend anders treffen wollten. Wir alle dürften deshalb auch schon das eine oder andere Mal gewünscht haben, zurück in die Vergangenheit reisen zu können und es diesmal anders zu machen, richtig zu machen. Das ist dann auch eines der wiederkehrenden Motive in Filmen oder Serien, in denen die Möglichkeit der Zeitreise thematisiert wird. Klar, manche würden diese auch nutzen, um sich zu bereichern oder historischen Persönlichkeiten zu begegnen. Doch oft haben die Figuren solcher Werke emotionalere Gründe – siehe Zurück in die Zukunft, Es war einmal ein zweites Mal oder Steins;Gate, bei denen es darum ging, andere zu retten oder die große Liebe wiederzusehen.

Es geht auch anders
Hello World
 geht da grundsätzlich in eine ähnliche Richtung, verbindet das bekannte Motiv aber mit einem ungewöhnlichen Ansatz. Im Fall von Naomi, der seinem zehn Jahre jüngeren Ich einen Besuch abstattet, gibt es keine direkte Reise in die Vergangenheit. Stattdessen verbindet er sich auf digitalem Weg mit ihm, als Nebeneffekt einer komplett digital festgehaltenen Welt, die als Archiv fungieren soll. Das Konzept ist ein wenig eigenartig, baut auf den aktuellen Tendenzen eines Überwachungsstaates auf, ohne sich jedoch an einer dystopischen Wertung zu versuchen. Dass in Japan überall Drohnen herumfliegen und alles festhalten, das wird zwar registriert, jedoch kaum diskutiert. Ist halt so.

Auch sonst geht der Anime, der im Programm der Nippon Connection 2020 läuft, etwas unerwartete Wege. Verkauft wird der Film als Romanze. Das ist natürlich nicht falsch: Die Liebe zwischen Naomi und Ruri ist Ausgangspunkt der Alter-Ego-Zeitreise, die Annäherungen in der Vergangenheit machen einen größeren Teil der Geschichte aus. Und doch hat Hello World nicht wirklich viel mit den oft sehr dramatischen Liebesdramen gemeinsam, die im Bereich der japanischen Animation so produziert werden. Zum Ende hin wird zwar etwas dicker aufgetragen, aber nicht in dem manipulativen Ausmaß, wie man es von der Konkurrenz so kennt. Das kann dann je nach Ansicht ein Vorteil oder ein Nachteil sein. Auf der einen Seite ist es angenehm, dass hier mal nicht der Holzhammer geschwungen wird. Andererseits geht die zwischenmenschliche Entwicklung ein bisschen sehr schnell, richtig nachzuvollziehen ist das auf emotionaler Ebene nicht.

Surrealer Zeitrausch
Dafür wird später der Actionteil stark erhöht. Was zunächst als gemütlich-skurrile Liebesgeschichte mit Sci-Fi-Elementen beginnt, ist dann auf einmal einem Thriller näher. Damit einher geht auch eine betont surreale Note, ein bisschen wie in dem russischen Alternativ-Abenteuer Coma. Nur dass hier eben Zukunftsvision auf Bilder eines alten Japans stoßen, was eine interessante Mischung ist. Weniger reizvoll ist der Mix aus 3D- und 2D-Elementen, die das Studio Graphinica (Expelled from Paradise) so verwendet. Während die Hintergründe sehr schön und detailliert sind, lässt die Animation zu wünschen übrig. Der Wechsel zu einem 3D-Hintergrund, der zwecks größerer Dynamik eingebaut wird, hätte ebenfalls deutlich besser sein dürfen.

Doch auch wenn da diverse Irritationen in dem Film sind, inhaltlicher wie visueller Art, so ist er doch auf jeden Fall sehenswert. Das etwas eigenartige Szenario, welches Altbekanntes mit Ungewohntem kreuzt, sticht positiv aus der Anime-Masse hervor. Das hohe Tempo mag der Entwicklung schaden, führt aber dazu, dass man hier keine Zeit hat, sich groß zu langweilen. Obwohl es nun eigentlich nicht an Animes mangelt, die sich mit dem Thema Zeitreise befassen, ist Hello World eine würdige Ergänzung in dieser Ahnenreihe und damit eine kleine, positive Überraschung.

Credits

OT: „Hello World“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Tomohiko Itō
Drehbuch: Mado Nozaki
Musik: Official Hige Dandism, Nulbarich, Okamoto’s
Animation: Graphinica

Bilder

Trailer

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Hello World
Der Anime „Hello World“ kombiniert Zeitreisen-Thematik mit einem Liebesdrama, leicht dystopischem Überwachungssetting und späteren Thriller-Elementen. Das ist als Mischung interessant und sehenswert, auch wenn die kurze Laufzeit keinen größeren Tiefgang ermöglicht und vieles hier nur angekratzt wird.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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