Do You Love Me
© Rapid Eye Movies
Do You Love Me
„Do You Love Me“ // Deutschland-Start: 7. Mai 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Es gibt Filme über Städte – und es gibt Filme, die selbst wie eine Stadt funktionieren. Do You Love Me, das Langfilmdebüt von Lana Daher, gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Von der ersten Einstellung an ist klar: Dies ist ein Film über ihre Heimatstadt Beirut. Aber keiner, der die Hauptstadt des Libanons ordnet, historisiert oder erklärt. Stattdessen entfaltet sich Beirut hier als flirrendes Geflecht aus Erinnerungen, Bildern und Emotionen – widersprüchlich, fragmentiert, überwältigend lebendig. 

Was Daher aus über 20.000 Stunden Archivmaterial – aus Spiel- und Dokumentarfilmen, aus TV-Material und privat gedrehten Home Videos – destilliert hat, ist weniger eine lineare Erzählung als ein zärtlicher und zugleich schonungsloser Blick auf eine Stadt, die sich jeder eindeutigen Erzählung entzieht. Gemeinsam mit ihrem Cutter Qutaiba Barhamji entsteht ein Werk, das nicht nur von Beirut handelt, sondern sich seiner Logik anpasst: sprunghaft, assoziativ, voller Brüche. 

Kaum überschaubares Ausgangsmaterial 

Es wäre dabei zu kurz gegriffen, den Film schlicht als Archivarbeit zu würdigen. Seine eigentliche Qualität liegt in der Präzision der Auswahl. Aus der kaum überschaubaren Materialfülle werden nicht einfach illustrative oder ikonische Bilder herausgegriffen, sondern solche, die Reibung erzeugen. Ein glitzernder Fernsehauftritt kippt unvermittelt in eine zerstörte Straßenschlucht, ein beiläufiger Flirt auf der Tanzfläche steht neben den Spuren einer Explosion. Diese Übergänge sind oft abrupt, manchmal beinahe schroff – und gerade darin von bestechender Genauigkeit. 

Die Montage ist das eigentliche Denkorgan des Films. Sie folgt keiner Chronologie, sondern einer emotionalen Dramaturgie, in der Motive zirkulieren und sich gegenseitig kommentieren. Wiederkehrende Bilder – tanzende Körper, beschädigte Häuser, flüchtige Gesten der Zärtlichkeit – verschieben mit jedem Auftauchen ihre Bedeutung. Beirut erscheint so nicht als historisch fixierbare Größe, sondern als permanenter Zustand der Gleichzeitigkeit: Krieg und Nachtleben, Intimität und Öffentlichkeit, Zerstörung und Wiederaufbau existieren nebeneinander, oft im selben Atemzug. 

Dass dieser Ansatz nicht ins Beliebige abgleitet, ist der Strenge der Auswahl zu verdanken. Jede Einstellung wirkt, als sei sie auf ihre Resonanz hin geprüft worden: Trägt sie zur Verdichtung bei? Öffnet sie einen neuen Assoziationsraum? Oder würde sie das Gefüge nur redundanter machen? Diese kuratorische Disziplin ist spürbar – und sie ist es, die dem Film seine bemerkenswerte Geschlossenheit verleiht. 

Beirut wird erfahren nicht erklärt 

Der titelgebende Liebesbegriff erweist sich dabei als ebenso zentral wie trügerisch. Das dem Titel des libanesischen Popsongs entnommene „Do you love me?“ richtet sich als Leitmotiv weniger an eine Person als an die Stadt selbst – und an diejenigen, die in ihr leben. Die Antwort bleibt offen, aber der Film umkreist sie beharrlich: in Bildern von Zärtlichkeit und Erschöpfung, von Trotz und tiefer Verbundenheit. Liebe erscheint hier nicht als harmonischer Zustand, sondern als widersprüchliche Praxis des Aushaltens. 

Am Ende ist Do You Love Me ein Film, der Beirut nicht erklärt, sondern erfahrbar macht – als emotionales Gelände, als Archiv der Brüche, als Ort, der sich jeder eindeutigen Erzählung entzieht. Dass daraus ein so konzentriertes, formal präzises und zugleich bewegendes Werk entsteht, ist vor allem der außergewöhnlichen Montageleistung zu verdanken. Sie macht aus einem disparaten Bilderarchipel ein vibrierendes Ganzes – nicht, indem sie Ordnung erzwingt, sondern indem sie Bedeutung freilegt. 

Credits

OT:Do You Love Me
Land: Frankreich, Libanon, Deutschland, Katar
Jahr: 2025
Regie: Lana Daher
Buch: Lana Daher, Qutaiba Barhamji
Musik: Maxence Dussère
Kamera: Anonymous

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 2025
Filmfest Hamburg 2025
CPH:DOX 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Do You Love Me
fazit
“Do You Love Me” verdichtet Beiruts zersplitterte Geschichte zu einem sinnlichen Erinnerungsraum. Dank präziser Auswahl und herausragender Montage wird aus disparatem Archivmaterial ein kohärentes, emotional vielschichtiges Stadtporträt – eine widersprüchliche, berührende Liebeserklärung an einen Ort, der sich jeder eindeutigen Erzählung entzieht.
Leserwertung0 Bewertungen
0
8
von 10