(„FLCL“ directed by Kazuya Tsurumaki, 2000)

Das Leben besteht doch immer wieder aus Überraschungen. Vor allem, wenn man Naota Nandaba ist. Dass sein älterer Bruder in Amerika eine professionelle Baseballlaufbahn verfolgt und ihn mit seinem Vater und Großvater allein in der Kleinstadt Masabe zurücklässt, ist eine Sache. Dass dessen Ex sich aber nun an den 12-Jährigen ranmacht eine andere. Aber es ist ohnehin ein weiteres Mädchen, das für das größte Chaos sorgt. Haruko. Die fährt den Jungen mit ihrer Vesper über den Haufen und schlägt ihn anschließend mit ihrer Gitarre. Während dort nun eine prächtige Beule wächst, aus der später ein Roboter schlüpft, arbeitet Haruko als Dienstmädchen für die Familie und kämpft gleichzeitig gegen die Firma Medical Mechanica.

Verständnis solle kein entscheidender Faktor bei FLCL sein, sagte Kazuya Tsurumaki einmal, der hier Regie führte und am Drehbuch mitschrieb. Und er muss es wissen. Aber was heißt schon wissen bei einer Serie, in der aus Beulen Roboter schlüpfen, die gegen Technik von bösen Unternehmen kämpfen? In der die Menschen nur Verhaltensweisen zwischen seltsam und sehr seltsam kennen? Wer versucht, hinter dem geballten Irrsinn des Animes einen Sind zu entdecken, der wird bald ebenso verrückt werden wie dieser. Oder vielleicht auch nicht, denn nicht einmal dessen kann man sich hier sicher sein.

Das Gemeine an FLCL ist: Man hat anfangs das Gefühl, dass es da durchaus ein System zu entdecken gibt, dass das Tohuwabohu auf einer tatsächlichen Geschichte basiert. Anders als die surrealen Bilderwelten von Cat Soup oder Angel’s Egg ist das hier zumindest teilweise der Realität nahe. Behauptet sogar, dass hier nie etwas Ungewöhnliches passiert. Doch je länger diese Wirrwarr anhält, umso mehr schwant einem: Das wird nichts mehr. Das kann frustrierend sein, zumindest für Leute mit dem Anspruch, dass eine Erzählung Sinn und Zweck hat. Oder wenigstens einen Rahmen. Besser ist es daher, völlig ohne Erwartungen an die Sache heranzugehen, sich zurückzulehnen und den Unsinn auf sich niederprasseln zu lassen. Und zu lachen. Denn mehr bleibt einem oft nicht übrig.

Man muss jedoch schon ein Faible für den japanischen Wahnsinnshumor haben, der sich einen Spaß daraus macht, Situationen und Figuren zusammenzufügen, die eigentlich gar nicht zusammengehören, und dabei jedwede Grenzen missachten. Anspruchsvoll ist das nicht, trotz der gelegentlichen Coming-of-Age-Elemente hat FLCL keine sichtbaren Ambitionen, den Charakteren ein emotionales Fundament zu geben oder etwas auszusagen. Hektisch, turbulent, durchgeknallt – der Anime ist eine Science-Fiction-Komödien-Tour-de-Force, grotesk, manchmal etwas anstrengend. Zusätzlich zu dem sehr physischen Humor kommen auch diverse Anspielungen, beispielsweise auf South Park oder Lupin III, die Fans erheitern sollen. An der Stelle zeigt sich auch, dass Gainax – neben Production I.G (Psycho-Pass, Eden Of The East) – seine Animationsfinger im Spiel hatte. Denn diese parodistischen Anleihen, die kennen wir auch aus Magical Shopping Arcade Abenobashi, dem zwei Jahre später erschienenen Supersonderling der Japaner.

Visuell wiederum erinnert FLCL teilweise an Kare Kano, eine der ersten (Co-)Produktionen von Gainax. Wie dort auch kommen hier immer mal wieder Comic-Panels zum Einsatz, um die Geschichte zu erzählen. Nicht weil es irgendwie in dem Zusammenhang besonders sinnvoll wäre, sondern weil es möglich ist. Erlaubt ist, was geht. Auch das versüßt einem die intellektuelle Grenzerfahrung: Bei der Direct-to-Video-Produktion wurde wild mit Stilen und Darstellungsformen experimentiert und mit Rockmusik unterlegt. Zur Ruhe kommt man dabei kaum, ständig passiert etwas Neues, ohne dass es erkennbare Übergänge geben. Als Erfahrung ist die mit interessanten Bildern und Perspektiven unterlegte Achterbahnfahrt faszinierend, manchmal auch absurd witzig. Aber eben auch eine, die einen mit einem leichten Schwindelgefühl zurücklässt, von dem man gar nicht so genau sagen kann, ob es die zweieinhalb Stunden wirklich wert war.

FLCL
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FLCL
„FLCL“ ist einer dieser Animes, die man nicht einmal glauben kann, nachdem man sie gesehen hat. Ob man die geballte Ladung an absurdem Nonsens witzig findet, ist Geschmackssache. Sehenswert ist die Miniserie aber schon: Neben den wahllos aneinandergereihten Verrücktheiten erwartet einen hier ein wilder Stilmix, der sich für kein Experiment zu schade ist.
7von 10

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