(„Kaguya-hime no Monogatari“ directed by Isao Takahata, 2013)

Die Legende der Prinzessin Kaguya

„Die Legende der Prinzessin Kaguya“ ist ab 24. April auf DVD und Blu-ray erhältlich

So klein ist sie, dass man sie fast übersehen kann: Als der alte Bambussammler eines Tages seiner Arbeit im Wald nachgeht, entdeckt er dabei ein daumengroßes kleines Mädchen. Überglücklich nimmt er das Findelkind mit nach Hause, wo er es zusammen mit seiner Frau wie eine eigene Tochter aufzieht. Doch der alte Mann ist davon überzeugt, dass es sich bei ihr um eine Prinzessin handelt, auch dank des vielen Goldes, das er daraufhin findet. Und so beschließt er, mit seiner Familie in die Hauptstadt zu ziehen, wo Kaguya einen würdigen Mann finden soll.

Lange hat man auf den neuesten Film von Isao Takahata warten müssen, so manch einer wird die Hoffnung längst aufgegeben haben. Sonderlich produktiv war er ja nie gewesen: Gerade einmal bei vier Filmen hatte das Gründungsmitglied des japanischen Animationsstudios Ghibli Regie geführt: Die letzten Glühwürmchen (1988), Tränen der Erinnerung (1991), Pom Poko (1994), Meine Nachbarn die Yamadas (1999). Danach? Funkstille. Sieht man einmal von dem Gemeinschaftswerk Winter Days ab, hieß es, sich ganze 14 Jahre gedulden zu müssen, bis mit Die Legende der Prinzessin Kaguya doch noch ein fünfter Ghibli-Film folgte. Doch die lange Wartezeit, die ist es wert gewesen.

Wer etwas mit der japanischen Kultur vertraut ist, der wird an der einen oder anderen Stelle schon mit Kaguya in Berührung gekommen sein. Irgendwann im 10. Jahrhundert niedergeschrieben wurde die Geschichte um die Mondprinzessin und ihre Verehrer zu einem der bekanntesten Volksmärchen im Land der aufgehenden Sonne. Takahata hielt sich eng an die überlieferte Vorlage, setzte aber auch eigene Akzente. Schon das Original ließ sich durchaus feministisch lesen, erzählt es doch, wie eine gewitzte junge Frau eine Reihe mächtiger Männer austrickst. Hier wird dieser Aspekt durch eine Idealisierung der Natur erweitert, die sich gerade im Kontrast mit dem steifen, durchreglementierten Leben in der Hauptstadt äußert. Auf der einen Seite haben wir Kaguya, die sich an Blumen erfreut, an Tieren, am Herumtoben. Auf der anderen Seite die vornehmen Prinzen und Kaguyas Lehrerin, die sich die Zähne schwarz färbt und die Augenbrauen durch Striche ersetzt.

Das erinnert an mehr als einer Stelle an Heidi, jene Serie, mit der Takahata seinerzeit Berühmtheit erlangte. Beide Protagonistinnen sind Kinder der Natur, die an der städtischen Willkür verzweifeln, an der Entfremdung der Menschen. Während das Schweizer Mädchen dabei aber regelmäßig zu Wein- oder Schreikämpfen neigte, ist Die Legende der Prinzessin Kaguya deutlich zurückhaltender. Und auch witziger. Tatsächlich nutzte der Animealtmeister die Adoptiveltern ausgiebig als Comic Relief: Wenn das aus einfachen Verhältnissen stammende Paar versucht, Teil der oberen Gesellschaft zu werden, dabei aber nicht immer eine gute Figur macht, darf trotz der insgesamt traurigen Ausrichtung des Anime herzhaft gelacht werden. Zwischenzeitlich ist der Film jedoch weder dramatisch noch komisch, die Erzählweise ist sehr ruhig. Ganz so langatmig wie Miyazakis Abschlusswerk Wie der Wind sich hebt wird es zwar nicht, aber auch bei dem fast 140 Minuten langen und kontemplativen Kaguya braucht es zwischendurch Geduld.

Die Betonung von Schlichtheit, sie findet in der visuellen Umsetzung ein passendes und wunderschönes Pendant. Schon bei den Yamadas hatte Takahata mit einem sehr reduzierten Stil experimentiert: Die Figuren sind einfach gehalten, die Hintergründe oft schemenhaft. Dies wird hier noch weiter verfeinert, zusammen mit den zarten Pastellfarben wirken die aquarellartigen Bilder sehr einfach, so als wären sie von Kindern angefertigt, ein bisschen wie beim französischen Kollegen Ernest & Célestine. Das soll jedoch nicht heißen, dass Kaguya primitiv ist, vielmehr gehört der Film zu den herausragendsten Beispielen der neueren Animationskunst. Die Bewegungen sind fantastisch, die Figuren sehr ausdrucksstark, auch Licht- und Schattenspiele sind auf der Höhe der Zeit. Oder besser: Sie sind abseits der Zeit. Während die heutigen computerberechneten Blockbuster schon in wenigen Jahren technisch veraltet sein werden, ist die Märchenverfilmung optisch, aber auch inhaltlich zeitlos.

Genutzt hat diese jahrelange Kleinstarbeit wenig, an den Kinokassen enttäuschte Die Legende der Prinzessin Kaguya. Und auch bei der Oscarverleihung ging der Film leer aus, konnte sich am Ende nicht gegen den Favoriten Baymax durchsetzen. Doch selbst wenn es das nun gewesen sein sollte und der bald 80-jährige Takahata sich tatsächlich zur Ruhe setzt, so verabschiedet er sich doch mit einem zauberhaften und sehr kunstvollen Film, der sich nahtlos in das 50-jährige Lebenswerk einfügt und würdevoll abschließt.

Die Legende der Prinzessin Kaguya
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Die Legende der Prinzessin Kaguya
In seiner Verfilmung des bekannten Volksmärchens wählt Isao Takahata einen bewusst reduzierten Weg. Die Erzählweise ist ruhig, die Figuren einfach, die Hintergründe ebenso. Und doch ist „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ alles andere als primitiv, sondern viel mehr ein inhaltlich und optisch zeitloses Kunstwerk, das den Animealtmeister auf der Höhe seines Könnens zeigt.
8von 10

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