(„Zankyō no Teroru“ directed by Shinichirō Watanabe, 2014)

Terror in Tokio

„Terror in Tokio“ ist seit 10. Juli komplett auf DVD und Blu-ray erhältlich

Diesen Tag wird man in Tokio so bald nicht wieder vergessen: Erst fällt der Strom aus, dann ertönt ein Feueralarm und schließlich bricht das Regierungsgebäude nach einer Reihe von Explosionen in sich zusammen. Opfer gab es zwar keine, dennoch geht seither die Angst in der Stadt um. Einziger Hinweis ist ein seltsames Video, das vorher die Runde machte und in dem genau dieses Ereignis vorhergesagt wurde. Und es soll nicht die letzte Nachricht der beiden Jugendlichen sein, die sich selbst Sphinx nennen: In immer neuen Videos stellen sie Rätsel, welche die Polizei lösen muss, um weitere Anschläge zu verhindern. Aber was wollen die beiden eigentlich? Und stecken sie tatsächlich hinter dem Plutoniumdiebstahl sechs Monate zuvor? Einzig der in Ungnade gefallene Polizist Shibazaki scheint die Rätsel lösen zu können und muss nun nicht nur gegen die Zeit kämpfen, sondern auch gegen Widerstand in den eigenen Reihen.

Lange Zeit musste man hierzulande auf neues Material von Shinichirō Watanabe warten, der einst mit seinen Kultserien Cowboy Bebop und Samurai Champloo der westlichen Welt zeigte, dass Anime mehr bieten können als kulleräugige Schulmädchen, Tentakelmonster und riesige Roboter. Nachdem letztes Jahr schon die von ihm betreute Nonsens-Space-Opera-Anthologie Space Dandy erschien, liegt seit Kurzem auch Terror in Tokio endlich auf Deutsch vor. Wer hierbei jedoch eine Rückkehr zu den bekannten Elementen seiner Erfolgstitel erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt, sein neuestes Werk hat nur wenig mit dem gemeinsam, wofür er seinerzeit große Bekanntheit erlangte.

Am ehesten wird man noch bei dem eklektischen Soundtrack der Komponistin Yoko Kanno Ähnlichkeiten entdecken, mit der Watanabe schon zuvor mehrfach zusammengearbeitet hatte und die hier eine Mischung aus Rock, Jazz, orchestralen Stücken und leicht schnulzigen Balladen zusammengestellt hat. Optisch hingegen ging der beliebte Regisseur neue Wege: Das extreme Stilbewusstsein seiner früheren Werke gehört der Vergangenheit an, Terror in Tokio wird von dunklen, oft graugetönten Bildern dominiert. Abwechslungsreich ist das nicht, ein paar mehr Details wären zuweilen auch schön gewesen, insgesamt hinterlässt die zuweilen fotorealistische Arbeit des Animationsstudios MAPPA (Rage of Bahamut: Genesis, Punch Line) jedoch einen guten, weil atmosphärischen Eindruck.

Und auch inhaltlich markiert Terror in Tokio – alternativ unter dem Titel Terror in Resonance bekannt – eine Abkehr vom Bekannten. Humor, sonst eine beständige Komponente bei Watanabe, wird man hier vergebens suchen. Stattdessen handelt die Serie von Schmerz, nicht verarbeiteten Traumata und dem Kampf um Anerkennung. Glücklicherweise wird auf allzu viel Melodram verzichtet, eine Eigenart, die man sonst sehr oft in „ernsten“ Animeserien findet. Es gibt keine übertriebenen Gefühlsausbrüche, stattdessen ist die Atmosphäre bedrückend und trübselig.

Interessant ist Terror in Tokio aber vor allem, weil die Terroristen nicht einfach als Gegner porträtiert werden, sondern sie noch vor Shibazaki die Hauptpersonen sind. Nur: Wirklich viel wird aus dem Perspektivenwechsel nicht gemacht, die Figuren bleiben in den elf Folgen zu sehr an der Oberfläche, sind letzten Endes recht langweilige Stereotypen. Psychologisch nachvollziehbar ist ebenfalls nicht alles, gerade die doch sehr erzwungene Figur der Mitschülerin Lisa hat dem Ganzen nichts hinzuzufügen. Schlimmer aber noch ist, dass man sich hier nicht wirklich mit dem Thema Terrorismus auseinandersetzt, sondern dieses nur als Vorwand benutzt, um eine von Verschwörungstheorien durchsetzte, sehr gewöhnliche Geschichte zu erzählen.

Ungewöhnlich ist die Serie insgesamt natürlich, weshalb sie wie schon Watanabes hierzulande nie veröffentlichtes Kids on the Slope im alternativen Animeblock noitaminA lief. An einigen Stellen darf auch mitgefiebert werden, schön sind zudem die Rätsel der Sphinx und die vielen Ausführungen zu alten Legenden und Sagen. Wer einen etwas anderen Anime sehen möchte, der zumindest versucht, etwas erwachsener zu sein, könnte genau das daher in Terror in Tokio finden. Etwas enttäuschend ist das Ergebnis aber schon, angesichts der beteiligten Personen und der Ausgangslage wäre da deutlich mehr drin gewesen.

Terror in Tokio
3.86 (77.14%) 14 Artikel bewerten

Terror in Tokio
Der Perspektivenwechsel hin zu zwei Terroristen ist ungewöhnlich, die bedrückende Atmosphäre und die düstere Optik gelungen. Dafür gibt es Schwächen auf der inhaltlichen Seite: Sowohl die Geschichte wie auch die Figuren werden dem interessanten Ansatz nicht gerecht, das große Potenzial insgesamt nicht genutzt.
6von 10

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