Monster
© 2004 Naoki Urasawa, Studio Nuts/Shogakukan, VAP, NTV

(„Monster“ directed by Masayuki Kojima, 2004)

Das Ende naht: Im 148. Teil unseres fortlaufenden Animationsspecials packen wir noch einmal einen dicken Brocken aus. Nicht nur, dass die Serie recht umfangreich ist, sie fordert auch unseren Glauben an das Gute im Menschen heraus. Denn hier blicken wir in Abgründe, die man schnell wieder vergessen möchte – gleichzeitig aber auch nicht.

Für Kenzo Tenma stand die Entscheidung schnell fest: Es ist der Junge, um den er sich kümmert. Immer hatte der talentierte Arzt die Anweisungen seines Chefs strikt befolgt. Doch das zuerst eingelieferte Kind zugunsten des Bürgermeisters zu ignorieren, der ebenfalls Tenmas chirurgische Fertigkeiten erfordert, das kommt für ihn nicht in Frage. Tatsächlich gelingt es ihm, das Leben des Jungen zu retten. Doch da der Bürgermeister, ein wichtiger Gönner des Krankenhauses, zeitgleich stirbt, ist die vielversprechende berufliche Laufbahn des Japaners jäh beendet. So dachte er zumindest. Bis auch der Krankenhaus-Direktor und andere Ärzte unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen. BKA-Inspektor Lunge hat Tenma als Nutznießer der Morde zwar im Verdacht, Beweise findet er jedoch keine. Jahre später sollen sich beide wieder über den Weg laufen, als eine rätselhafte Mordserie Düsseldorf in Angst und Schrecken versetzt und Tenma ein böser Verdacht kommt: Johann, der damals so spurlos verschwundene Junge, ist wieder zurück und steckt hinter den Verbrechen. Aber was bezweckt er damit? Und was ist aus dessen Zwillingsschwester Anna geworden, die seinerzeit zeitgleich verschwand?

Die Frage, welche Animeserie man unbedingt gesehen haben müsste, löst grundsätzlich immer eine hitzige Diskussion aus. Kein Wunder, bei Hunderten, die es zur Auswahl gibt. Einige wenige finden aber doch recht regelmäßig ihren Weg auf die Empfehlungslisten. Meistens weil sie so anders sind als das, was wir sonst aus Fernost bekommen. Da wäre der genreübergreifende Weltraumwestern Cowboy Bebop, die psychisch zerstörte Mechaapokalypse Neon Genesis Evangelion, die visionäre Virtualität in Serial Experiments Lain, das alptraumhafte Jugenddrama Aku no hana – Die Blumen des Bösen oder das meditativ-atmosphärische Mushi-Shi. Und auch Monster taucht immer wieder dort auf, wird von nicht wenigen gar als Meisterwerk angesehen.

In Deutschland ist der Anime zwar bis heute nicht erschienen, die Geschichte dürfte so manchem dennoch vertraut sein: Monster basiert auf dem hierzulande erhältlichen, gleichnamigen Manga von Naoki Urasawa (Yawara!, Master Keaton) und hält sich sehr eng an die Vorlage. Wer diese kennt, weiß daher um die Vorzüge der Serie, die tatsächlich mit kaum einem anderen Zeichentrickwerk aus dem Land der aufgehenden Sonne vergleichbar ist. Der grobe Rahmen ist dabei eigentlich gar nicht so wahnsinnig originell. 74 Folgen lang wird hier Jagd auf einen Serienmörder gemacht. Die Hauptfigur wiederum wird zu Unrecht für dessen Verbrechen gesucht: Wenn Tenma Johan hinterherreist und seine Unschuld beweisen will, dann ist das klassisches Thrillermaterial, wie wir es von Hitchcock & Co. kennen.

Einige Punkte unterscheiden Monster dann aber doch von den Realfilmkollegen. Mit einer moralisch unangenehmen Frage beginnt die Geschichte: Wenn ich nur einem von zwei Menschen das Leben retten kann, nach welchem Kriterium gehe ich da vor? Das ist im vorliegenden Fall zwar ein bisschen dick aufgetragen, geht auch nicht so ins Detail wie beispielsweise The Philosophers – Wer überlebt?. An der Brisanz ändert dies jedoch nichts. Richtig gemein wird es aber, als klar wird, dass Tenmas damalige Entscheidung immer mehr Menschen das Leben kostet. Ist eine gute Tat dann noch gut, wenn sie lauter schlechte nach sich zieht? Ist es gar Tenmas Schuld, dass all die anderen Menschen nun tot sind?

Fragen der Moral sind in Monster immer wieder zu finden, auch solche zu Identität und der Bedeutung von Erinnerungen, während wir nach und nach mehr über Johann erfahren. Über seine Vorgeschichte. Seine Motive. Das erfordert jedoch recht viel Geduld. Nicht nur, dass die Folgen für eine fortlaufende Geschichte ungewöhnlich zahlreich sind, sie sind oft auch nicht wirklich zielgerichtet. Immer wieder baut Urasawa neue Nebenhandlungen ein, ersinnt weitere Figuren, ohne dass erkenntlich würde, wozu das dienen soll. Manches wird später fortgeführt, anderes schnell fallengelassen. Zwischenzeitlich verschwindet selbst die Hauptfigur für ein paar Folgen. Das bedeutet auch, dass sich das Tempo mittendrin stark verlangsamt: Anstatt Fragen zu beantworten, kommen immer mehr hinzu, einiges bleibt über den Schluss hinaus ungeklärt. Und als wäre das nicht schon frustrierend genug, sind die Antworten auch nicht immer befriedigend. Dann und wann, wenn jegliche Form von Plausibilität mal wieder mit Füßen getreten wird, fallen einem vor lauter Augenrollen diese beinahe aus dem Kopf.

Doch trotz der gelegentlichen inhaltlichen Mängel: Monster ist eine der spannendsten Animeserien da draußen. Mit der Zeit offenbaren sich immer mehr Querverbindungen, neue Protagonisten betreten die Bühne, die aus unterschiedlichen Gründen ähnliche Ziele verfolgen. Wer davon die Mörderjagd überlebt, ist dabei in den meisten Fällen offen. Vor allem aber der kontinuierliche Blick in die menschlichen Abgründe fasziniert. Wo Kollegen ganz gerne mal recht plump mit diesen flirten, sich böser geben, als sie sind, gibt es bei Urasawa kein Halten. Von den Alltagsabgründen wie Alkoholsucht und Kindesmissbrauch bis zu der Manipulation hin zum Mord, der Anime leuchtet viele Facetten der Finsternis aus. Einer der wichtigsten Aspekte der Serie ist dann auch, was diese mit normalen Menschen macht. Wie tief werden sie sinken? Wird Tenma selbst zum Mörder, um weitere Morde zu verhindern?

Passend dazu gibt es einen Soundtrack, der oft wie aus einem Horrorfilm entnommen zu sein scheint. Überlebensgroß, dramatisch, bedrohlich. Ohnehin ist die audiovisuelle Umsetzung durch Madhouse (Texhnolyze, Paranoia Agent) fantastisch. Vor allem für eine derart lange Serie. Bei Action- oder Laufszenen wird es erwartungsgemäß manchmal etwas holprig. Ansonsten sind die Animationen aber sehr gut, es wird viel mit Perspektiven gespielt, die Designs sind wie beim Original ungewöhnlich. Und doch auch realistisch. Überhaupt besticht Monster durch seinen optischen Realismus, was gerade aus deutscher Sicht interessant ist: Ein Großteil der Geschichte spielt hierzulande, viele Hintergründe wurden tatsächlichen Städten entnommen und sehen so sehr authentisch aus. Selbst deutsche Texte wurden immer wieder eingebaut, auf Inschriften, Geschäften oder in Zeitungsartikeln, die meisten sogar korrekt. Umso bedauerlicher ist, dass man hier auf wenige Importmöglichkeiten angewiesen ist. In Australien ist die komplette Serie auf fünf Volumes verteilt erschienen. Frankreich lockt mit einer spärlich aufgemachten Komplettbox, die neben der französischen Sprachfassung auch niederländische Untertitel enthält.



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Monster (2004)
fazit
Die Antworten sind manchmal etwas unbefriedigend, wenn nicht gar komplett unglaubwürdig, zwischenzeitlich wird das Tempo durch viele Nebenhandlungen rausgenommen. Und doch ist „Monster“ eine der besten und spannendsten Animeserien, die neben einer audiovisuell fantastischen Mörderjagd auch zahlreiche Blicke in die menschlichen Abgründe und diverse interessante moralische wie philosophische Fragen stellt.
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