(„Haibane Renmei“ directed by Tomokazu Tokoro, 2002)

haibane-renmeiUnsere existenzielle Reihe hält an: Nachdem wir zuletzt schon in Galaxy Express 999 und The Prophet anhand gezeichneter Bilder über uns, das Leben und den Tod nachgedacht haben, gilt das auch für den 124. Teil unseres fortlaufenden Animationsspecials. Nur dass das bei der heutigen Animeserie zunächst nicht ganz klar ist, wie so vieles hier etwas anders ist, als es den Anschein hat.

„Rakka“ soll das Mädchen in Zukunft heißen, „fallen“, weil es sich nur daran erinnern kann, dass sie im Traum gefallen ist. Was es sonst während seiner Zeit im Kokon geträumt hat, das weiß es nicht mehr. Ohnehin gibt aber erst einmal wichtigeres. Die neuen Flügel beispielsweise, die Rakka aus dem Rücken wachsen. Der Heiligenschein, der nicht wirklich halten will. Außerdem braucht sie eine Arbeit, denn auch wenn in der Stadt Glie für sie gesorgt wird, ganz ohne Gegenleistung geht das nicht. Zum Glück steht ihr dabei aber Reki zur Seite, die schon seit einigen Jahren dort lebt und ebenfalls wie sie eine aus dem Kokon geschlüpfte Haibane ist. Doch es gibt auch Fragen, die selbst ihre neue Freundin nicht beantworten kann: Was liegt außerhalb der Stadtmauern? Weshalb darf sie nicht hinaus? Und was hat es mit den seltsam maskierten Männern auf sich, die von Stadt zu Stadt reisen und mit denen niemand direkt sprechen darf?

Seltsam sind bei Haibane Renmei aber nicht nur diese Männer, so einiges stellt einen als Zuschauer hier vor große Rätsel. Und eines vorweg: Yoshitoshi ABe, den die meisten wohl für seine Designs im Science-Fiction-Klassiker Serial Experiments Lain kennen dürften, hat nicht vor, diese Rätsel selbst zu lösen, das überlässt er seinem Publikum. Ursprünglich wollte der japanische Künstler nur Engel in Alltagskleidung zeichnen. Aus dieser Idee wurde zunächst eine selbstveröffentlichte Mangareihe, die er aber schon bald abbrach, um sich ganz dem Anime zu widmen, der 2002 unter der Regie von Tomokazu Tokoro (NieA_7, Hellsing Ultimate) entstand.

Und anfangs meint man dann auch, dass der Anime nicht viel mehr als eine typische, recht ruhige Slice-of-Life-Serie ist, mit dem Unterschied, dass hier eben engelähnliche Figuren die Hauptrolle spielen. Denn die sind uns gar nicht so unähnlich, müssen sich irgendwie ihren Unterhalt verdienen, sind eifersüchtig auf die Erfolge der anderen, essen ungern Gemüse, wenn sie klein sind, rauchen, fahren auf Rollern umher. Komisch? Manchmal schon, etwa wenn Rakka mit widerspenstigen Haaren zu kämpfen hat oder damit, dass ihr Heiligenschein am Anfang immer vom Kopf zu fallen droht. Wäre da nicht die anfangs so dramatische Streicher-Musik, man würde gar nicht vermuten wollen, dass es hier einmal etwas heftiger zur Sache gehen könnte.

Doch das tut es, nach einer täuschend fröhlichen ersten Hälfte wird es bei Haibane Renmei im Laufe der 13 Folgen immer dunkler und trauriger. Tod, Krankheit, Verlust, Selbstzweifel – der Anime bringt so ziemlich alles auf den Tisch, was einen als junger Mensch aus der Bahn werfen kann. Dies geschieht jedoch größtenteils angenehm zurückhaltend, anstatt mit dem Melodram-Hammer auf sein Publikum einschlagen zu wollen, lässt er dieses nach und nach selbst drauf kommen, dass da etwas nicht stimmt mit den Protagonisten. Natürlich wird die Serie trotz allem später gefühlsbetont, denn sie handelt eben nicht nur von Verzweiflung und Abgründen, sondern auch davon, sich aus diesen zu befreien. Dass es keine Schande ist, so abzustürzen, man müssen nur bereit dazu sein, wieder aufzustehen und sich auch von anderen dabei helfen zu lassen.

Haibane Renmei hat darüber hinaus aber noch diverse andere Elemente zu bieten, welche den Anime zu einem kleinen Geheimtipp werden lassen. Da wäre zum einen die Auseinandersetzungen mit Erinnerungen und der Bedeutung von Namen, die fest mit einer Identität und Persönlichkeit verbunden sind – vergleichbar zu Chihiros Reise ins Zauberland. Vor allem fesselt der Anime aber durch die sehr gelungene Mystery-Atmosphäre: Ähnlich zu dem zwei Jahre später erschienenen The Village von M. Night Shyamalan dürfen die Figuren aus unbekannten Gründen die Stadt nicht verlassen. Theorien gibt es, dazu noch einige interessante Legenden und Mythologien, dazu rätselhafte Träume und schweigsame Männer in grotesken Masken, die mehr wissen, als sie verraten wollen.

Diese Masken sind dann auch das auffälligste Elemente in einer ansonsten eher unauffälligen Produktion. Die Hintergrundbilder aus Glie sind nett, unterscheiden sich aber kaum von den Städten der Konkurrenz – da hätte man von einem Visionär wie ABe dann doch ein bisschen mehr erwarten können. Die Designs sind denen aus Serial Experiments Lain ebenfalls zu ähnlich, es gelingt dem Anime einfach nicht, hier wirklich eine eigene Note zu zeigen. Und auch die holprigen Animationen des Studios Radix (Silent Möbius) sowie die seltsam unpassenden CGI-Windräder, an denen die Figuren immer wieder vorbeilaufen, machen nicht unbedingt Lust auf mehr. Von dieser meist nur brauchbaren Optik sollte man sich aber nicht abhalten lassen, dafür ist Haibane Renmei atmosphärisch, vor allem aber inhaltlich viel zu gut. Wer ganz gern bei seinen Animeserien ein bisschen das Hirn mitbeschäftigt, der ist hier an der richtigen Stelle. Trotz der vielen offenen Fragen zum Schluss ist die Geschichte um Pseudo-Engel und Selbstsuche zwar keine annähernd so harte und verwirrende Nuss wie Lain, dafür aber universeller und lässt auch das Herz nicht außen vor.

Haibane Renmei
4.22 (84.44%) 9 Artikel bewerten

Haibane Renmei
Eine Gruppe von engelgleichen Wesen muss sich in einer neuen Stadt zurechtfinden: Das ist anfangs eher komisch und betont unspektakulär, entwickelt sich mit der Zeit aber zu einem inhaltlich sehr interessanten Anime über Leben, Tod und Selbstakzeptanz, der Hirn und Herz gleichermaßen bedient.
8von 10

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