(„Kurenai no buta“ directed by Hayao Miyazaki, 1992)

Porco RossoAlles Gute hat einmal ein Ende, so auch unser Special über Studio Ghibli. Im zwölften und vorerst letzten Teil der Reihe über das japanische Animationsstudio nehmen wir uns aus aktuellem Anlass einen Film vor, der im Gesamtwerk von Hayao Miyazaki immer etwas unterging: Porto Rosso. Wie schade das ist, davon können sich Zeichentrickfreunde dank der lange überfälligen Blu-ray-Version selbst ein Bild machen, die kürzlich in Deutschland erschien.

Einer für alle und alle gegen das Schwein – so könnte man die Situation wohl zusammenfassen. Im ersten Weltkrieg noch ein gefeierter Pilot, sieht Marcos Zukunft inzwischen nicht mehr ganz so rosig aus, seine Haut dafür umso mehr. Denn auf dem einst stattlichen Mann liegt ein Fluch, der seinen Kopf in den eines Schweines verwandelte. Unter seinem Namen kennt Marco deshalb kaum einer mehr. „Porco Rosso“, italienisch für rotes Schwein, so wird er inzwischen nur genannt. Die Farbe bezieht sich dabei auf seinen großen Stolz: das feuerrote Flugzeug.

Noch immer ist das Fliegerass bevorzugt in der Luft unterwegs. Doch offiziell ist damit kein Geld mehr zu verdienen. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Bevölkerung an der Adria muss selbst schauen, wo sie bleibt. Viele der Piloten wechselten daher die Seite und halten sich als Luftpiraten über Wasser. Und Marco? Der ist als Kopfgeldjäger der natürliche Feind und seinen „Kollegen“ ein Riesendorn im Auge. Da keiner der Räuber es aber mit seinem Flugtalent aufnehmen kann, suchen sie sich mit dem Amerikaner Curtis Hilfe von außen. Der schafft es sogar, das fliegende Borstenvieh vom Himmel zu holen. Und mehr noch: Er macht sich an Gina ran, Marcos heimliche Liebe. Klar, dass ein Schwein von Welt das nicht auf sich sitzen lassen kann.

Porco Rosso Szene 1

Als 1992 Porco Rosso in den japanischen Kinos anlief, war der Kontrast zu Miyazakis beiden vorangegangenen Filmen enorm: Sowohl Mein Nachbar Totoro als auch Kikis kleiner Lieferservice waren im Grunde Coming-of-Age-Geschichten, die in einer Welt spielten, wo sich Realität und Magie die Hand geben. Herausforderungen des Erwachsenwerdens? Erste Liebe? Das hat Marco schon lange hinter sich. Und auch Magie ist hier fast keine zu finden, von seiner Verzauberung in ein Schwein einmal abgesehen. Doch auf die Handlung hat diese ohnehin erstaunlich wenig Einfluss. Weshalb er sein menschliches Gesicht verlor, wird im Laufe des Films ebenso wenig verraten wie den Urheber des Zaubers. Für sein Umfeld ist das aber auch egal, abgesehen von einigen Seitenhieben wird Marco behandelt wie jeder andere auch.

Und auch von der Atmosphäre unterscheidet sich Porco Rosso deutlich von den beiden Vorgängern. Durch die Perspektive eines Kindes erzählt, lernten wir dort die Welt mit großen, staunenden Augen kennen. Hier jedoch kehrte Miyazaki zu seinen Anfängen zurück und präsentierte einen Abenteuerfilm ganz im Stil seines Erstlings Das Schloss von Cagliostro. So wie dort geht es hier also vor allem um launige Raufereien, angereichert mit viel Humor und sympathischen Figuren. Selbst die Piraten – also die Gegenspieler Marcos – sind nicht wirklich böse. Ein bisschen ungehobelt vielleicht, grob und nicht sonderlich helle. Aber ganz ähnlich wie die Kollegen aus Das Schloss im Himmel haben sie eigentlich ihr Herz am rechten Fleck, wären die Umstände der Wirtschaftskrise nicht ganz so erdrückend.Porco Rosso Szene 2

Auf diese Weise schleichen sich immer wieder ernste Untertöne in Porco Rosso. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Vorlage – wie schon in Nausicaä aus dem Tal der Winde verarbeitete Miyazaki hier einen eigenen Manga – noch deutlich unbeschwerter war. Doch die Jugoslawienkriege Anfang der 90er veranlassten den überzeugten Pazifisten dazu, eine düsterere Variante seiner Geschichte zu drehen. Und eine, die oft genug eine melancholische Note anschlägt, unterstützt durch die französischen Chansons. Diese Mischung ist es auch, von gradliniger Komik und Melancholie, Fantastischem und trübem Alltag, die Porco Rosso zu etwas ganz eigenem macht.

Und wer weiß, vielleicht bewahrheiten sich die Gerüchte ja doch irgendwann, laut denen Hiromasa Yonebayashi (Arrietty – Die wundersame Welt der Borger) einen zweiten Teil drehen wird, basierend auf einem Drehbuch von Miyazaki. In der Zwischenzeit sollten Animefans den Blu-ray-Release zum Anlass nehmen, mit dem roten Schwein ein paar Flugstunden zu nehmen. Auch wenn es vielleicht nicht zu den besten Titeln im umfangreichen Werk des Altmeisters gehört – dafür gibt die Handlung dann doch nicht genug her – für sich genommen kann man hier dann doch einen saumäßigen Spaß haben.

Porto Rosso ist seit 24. Januar auf Blu-ray erhältlich

Porco Rosso
4.29 (85.83%) 24 Artikel bewerten

Porco Rosso
In seiner Mangaverfilmung Porco Rosso erzählt Hayao Miyazaki eine klassische Abenteuergeschichte um einen schweinsköpfigen Piloten. Die ernsten und melancholischen Untertöne sind überraschend, machen zusammen mit den launigen Raufereien und dem Humor aber mit den Reiz des Films aus.
7von 10

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