(„Baccano!“ directed by Takahiro Omori, 2007)

BaccanoVerbrechen kommen doch nie aus der Mode, egal ob wir wie letzte Woche in Renaissance ins Paris aus dem Jahr 2054 reisen oder heute ins Amerika der 1930er. Ein alter Hut ist der 106. Teil unseres fortlaufenden Animationsspecials jedoch nicht, vielmehr eine kuriose Genremischung, bei dem einen oft nicht ganz klar ist, was da eigentlich vor sich geht.

Als im Winter 1931 der transkontinentale Zug Flying Pussyfoot seine Reise beginnt, hätte wohl niemand gedacht, dass diese so blutig endet. Es ist aber auch schon ein ziemliches Pech, wenn zwei große Gangs gleichzeitig an Bord einen Coup planen, dazu diverse Kleinverbrecher unterwegs sind und auch der sagenumwobene Rail Tracer sein Unwesen treiben soll, ein Monster, das sich von Passagieren ernährt und vor dem es kein Entkommen gibt. Es sei denn, sie sind unsterblich. Was hin und wieder mal vorkommen soll.

Man solle doch einfach mit dem Anfang beginnen, heißt es gerne, wenn es darum geht eine Geschichte zu erzählen. Aber wo genau ist dieser Anfang? Gibt es ihn überhaupt? Das sind Fragen, die sich nicht nur jeder Autor oder Regisseur stellt, auch zwei Figuren diskutieren zu Beginn bei Baccano! das für und wider, wer hier am besten als Hauptperson in Frage kommt. Das ist mehr als eine bloße Spielerei mit der vierten Wand, sondern tatsächlich bezeichnend für eine Serie, die so viele Charaktere und Handlungsstränge hat, dass normale Erzählstrukturen nicht mehr wirklich funktionieren.

Zum Glück fand sich für die Adaption einer Light Novel von Ryōgo Narita (Durarara!!) mit Takahiro Omori der geeignete Regisseur: Der zeigte auch in Samurai Flamenco und Princess Jellyfish, dass er sich auf ungewöhnliche Geschichten versteht. Ungewöhnlich bezieht sich hier in erster Linie auf die Art und Weise der Erzählung. Chronologisch ist hier nur wenig, ständig wird zwischen mehreren Zeitzonen und den mehr als Dutzend Figuren hin und hergesprungen. Das ist vor allem am Anfang eine harte Nuss, eine, die man manchmal frustriert in die Ecke werfen will. Doch wer dran bleibt und genau aufpasst, erkennt schnell, wie clever dieses vermeintliche Chaos aufgebaut ist. So werden Situationen, die im einen Moment noch unverständlich sind, in einer späteren Situation wieder aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive erzählt. Und auch die Charaktere erhalten mit der Zeit Tiefe, wenn beim munteren Zeitensprung deren Hintergründe beleuchtet werden. Das macht nicht nur Spaß, sondern ist mit einer unheimlichen Befriedigung verbunden, wenn man tatsächlich nach und nach dahinter steigt, was auf dem Weg zum großen Showdown im Zug alles passiert ist.

Dass Baccano! einer kunterbunten Wundertüte gleicht, hat aber auch zwei andere Gründe. Zum einen wäre da die komplette Missachtung von Genregrenzen. Legen das Gangstermilieu während der Prohibition in den USA ein Krimiumfeld nahe, sorgen zwei clowneske Figuren immer wieder für humorvolle Stimmungsschwankungen, die im nächsten Moment in blanken Horror umschlagen – was sowohl der erstaunlichen Brutalität wie auch dem Inhalt geschuldet ist. Denn der macht später einen Schlenker ins Übernatürliche, aus dem er immer seltener zurückkehrt, und wird dabei zuweilen völlig absurd und over the top. Auch das hat seinen Reiz, zumal die Mischung aus Comedy, Horror und Action Animefans nicht ganz fremd ist. Nachdem der Groschen gefallen, die einzelnen Puzzleteile zusammengesetzt sind, ist das nach 16 Folgen vorliegende Ergebnis aber schon ein wenig ernüchternd, weit weniger einfallsreich, als es die Struktur verspricht.

Aber selbst ohne den Mysteryfaktor ist es schon ein spaßiger Anime, den das Studio Brain’s Base (Blood Lad, One Week Friends) hier auf die Beine gestellt hat. Die Gestaltung ist eher unauffällig, hat nicht so viele Details, wie man sie gern hätte, die Animationen sind von schwankender Qualität. Dafür wurde schön das Flair des alten Gangster-Chicagos eingefangen, durch leichte Sepiatöne wie auch durch die stimmige Jazzmusik, welche das Ganze unterlegt. Wer genug hat von den vielen doch sehr ähnlichen Vertretern der japanischen Zeichentrickkunst, der findet hier einen, der durch sein frisches Szenario und die vertrackte Erzählweise große Eigenständigkeit beweist, abgerundet durch die unterhaltsamen, durchgeknallten Figuren. Auf Deutsch ist das gute Stück jedoch nicht erhalten, da hilft nur der Griff zu den recht günstigen Importen aus England oder Frankreich.

Baccano!
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Baccano!
Anime sind alle gleich? „Baccano!“ beweist mit einer irrwitzigen Geschichte, einer schönen 30er Jahre Gangster-Chicago-Atmosphäre und einer komplexen Erzählstruktur, die ständig zwischen Perspektiven wechselt, dass es auch anders geht.
7von 10

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