The House of Small Cubes

The House of Small Cubes

(OT: „Tsumiki no Ie“, Regie: Kunio Katō, Japan, 2016)

The House of Small CubesDer schrecklichen Flut ist der alte Mann ja entkommen. Doch wie soll es nun weitergehen? Ein Großteil seines Hauses steht nach wie vor unter Wasser, vom Rest des Ortes ganz zu schweigen. Um sein Heim nicht aufgeben zu müssen, beschließt er deshalb, es nach und nach zu erweitern, indem er zusätzliche Stockwerke baut. Als ihm dabei jedoch seine Pfeife ins Wasser fällt, ist er gezwungen, doch noch die überfluteten unteren Zimmer zu betreten, was in ihm viele Erinnerungen weckt. Erinnerungen an die Zeit vor der Flut. Erinnerungen an seine Frau, die vor einiger Zeit gestorben ist.

Ein Anime ist ein Anime ist ein Anime. Oder etwa doch nicht? Es gibt ja nicht gerade einen Mangel an Klischees, mit denen die japanische Animationskunst konfrontiert wird. Noch immer. Mal sind sie zu kindisch, dann wieder zu brutal, tendenziell immer knallbunt und durchgeknallt, handeln von Schulmädchen und Tentakelmonstern. Und gleich sehen sie ohnehin alle aus: Kulleraugen, zum Himmel ragende Beine und Gesichtszüge, die so androgyn sind, dass man nur anhand der Kleidung sagen kann, welches Geschlecht die Figur haben soll. Gegenbeispiele gibt es natürlich genügend, etwa die Meisterwerke von Studio Ghibli. Aber auch The House of Small Cubes ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass außerhalb der Animeschmuddelecke interessante Künstler ihrer Arbeit nachgehen.

Dass es sich hierbei um einen Anime handelt, dürfte dabei kaum einer bemerkt haben. Ob es die realistisch dargestellten Figuren sind oder auch die Hintergründe, der Vergleich zu westlichen Kollegen liegt viel näher – so als ob Bill Plympton (Idiots and Angels) und Sylvain Chomet (Der Illusionist, Das große Rennen von Belleville) gemeinsame Sache gemacht hätten. Das große Technikfeuerwerk sollte hier keiner erwarten, handelt es sich doch um ein Independentwerk mit vermutlich eher geringem Budget. Geschmeidige Animationen? Bewegte Hintergründe? Spezialeffekte? All das gibt es hier nicht.

Düster, traurig, aber voller Leben
Sehenswert ist The House of Small Cubes dennoch. Das Zuhause des Mannes ist zwar eher grob gehalten und auch in sehr dunklen Farben, dafür aber voller Details. Vor allem steckt es voller Leben – immer dann, wenn der Protagonist in Erinnerungen schwelgt. Das tut er recht oft, ähnlich zu Another Forever – Die Stille um Alice oder dem Animationskollegen Louise en Hiver gehen Szenen aus dem Hier und Jetzt nahtlos in die aus vergangenen Zeiten über. Schönere Zeiten, wie auch anhand der sich ändernden Farbgebung klar wird.

Kein einziges Wort wird in dem mehrfach prämierten Animekurzfilm (u.a. bei den Oscars und in Annecy) gesprochen. Kein einziges Wort wäre aber auch notwendig: Regisseur Kunio Katō gelingt es, mit minimalen Mitteln ein Maximum an Emotionen hervorzurufen. Man muss kein alter Mann sein wie der Protagonist, um bei ihm mitfühlen zu können. Man muss auch nicht verwitwet sein oder in einem überfluteten Haus wohnen. Es reicht, etwas in seinem Leben zu haben, das einem wichtig ist – oder auch verloren zu haben –, damit es einem hier das Herz zerreißt. Unterstützt wird die emotionale Mangel durch einen klavierbestimmten Score, der die nostalgisch-melancholische Atmosphäre noch weiter betont.



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„The House of Small Cubes“ ist ein kleines Kunstwerk, das in nur 12 Minuten und mit wenigen Mitteln große Gefühle weckt. Worte braucht der westlich wirkende Anime dafür nicht, die Geschichte um einen alten Mann, der an sein früheres Leben denkt, ist auch so herzzerreißend genug.
8
von 10