Kritik

Fragtime

„Fragtime“ // Deutschland-Start: 25. August 2020 (Kino) // 1. April 2021 (DVD/Blu-ray)

Die schüchterne Moritani hat eine ganz besondere Fähigkeit: Sie kann jeden Tag für drei Minuten die Zeit anhalten! Bislang hat sie dies vor allem genutzt, um andere Menschen zu beobachten, besonders ihre Mitschülerinnen. Als sie dabei eines Tages jedoch unter den Rock von Murakami schaut, um zu sehen, was sie darunter trägt, stellt sie schockiert fest, dass diese von der Fähigkeit nicht betroffen ist. Trotz des wenig geglückten Auftakts verbringen die beiden Jugendlichen anschließend viel Zeit miteinander, treiben in den gemeinsamen drei Minuten allerlei Schabernack. Dabei müssen sie feststellen, dass sie längst Gefühle füreinander entwickelt haben …

Zu wenig Zeit
In einer Zeit, die sich gerade dadurch definiert, dass eigentlich niemand mehr Zeit hat, dürften nicht wenige davon träumen, diese doch einfach mal anzuhalten. Zeit haben für sich, für Erholung. Oder wenigstens Zeit, um die Arbeit fertigzumachen, die sich immer höher auftürmt. Die Zeit jedoch nur für drei Minuten anhalten zu können, das ist dann schon gemein. Was soll man damit schon groß anfangen können? Doch um Pragmatismus geht es in Fragtime nicht. Die Fähigkeit an sich ist auch eher Nebensache, weshalb der Anime sich nicht wirklich mit einer Erklärung aufhält, warum Moritani nun derartig begabt ist.

Stattdessen ist die Adaption von Satos gleichnamigem Manga in erster Linie eine Liebesgeschichte bzw. die Geschichte einer Selbstfindung. Genauer geht es um das Thema einer gleichgeschlechtlichen Liebe, welche noch immer mit Schwierigkeiten und Ausgrenzung einhergehen kann. Vor allem aber mit einer größeren Unsicherheit. Fragtime handelt dann auch nicht davon, dass die beiden Jugendlichen von anderen unterdrückt oder angefeindet werden. Der Kniff der drei Minuten, die nur ihnen gehören, erlaubt es ihnen, eine geheime Beziehung zu entwickeln, von der niemand anderes etwas mitbekommt. Die anderen spielen in dem Film praktisch keine Rolle, die wenigsten dürfen hier überhaupt mal etwas sagen und mehr sein als Gesichter im Klassenraum.

Die Suche nach den eigenen Gefühlen
Das Fantasy-Element des Zeitstopps ist in dem Zusammenhang dann auch nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Sato versteht es eher symbolisch als einen Schutzraum, in dem sich Gefühle entwickeln dürfen, es Platz für die Suche nach sich selbst gibt. Mit dem Unterschied, dass der Raum keine räumliche, sondern zeitliche Ausdehnung hat. Das ist als Idee schön und originell, wenngleich irgendwie gemogelt. Die Annäherung findet natürlich nicht allein während dieser Zwangspause statt, sondern dehnt sich bald weit darüber hinaus, bis vom Szenario nicht mehr viel übrig bleibt. Allgemein tut sich Fragtime ein bisschen schwer mit der Balance aus Besonderheit und Banalität, findet innerhalb des ungewöhnlichen Rahmens Szenen, die mal alltäglich sind, dann wieder sehr konstruiert.

Daran sollte man sich besser nicht stören, ebenso wenig an der episodenhaften Struktur, die mehr mit den Figuren als einer Geschichte beschäftigt ist. Fragtime ist ein sanfter Anime rund um komplizierte Gefühle und die Suche nach Antworten, ohne sich dabei in den Kitsch zu stürzen, wie es manche andere Filme in dem Bereich gerne mal machen. Auch die Optik ist angenehm, wenngleich wenig spektakulär. Da es hier mehr um Worte als um Taten geht und die Schauplätze eingeschränkt sind, musste nicht so wahnsinnig viel investiert werden, um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen. Das Ergebnis ist nicht unbedingt tiefschürfend, dafür ist die Laufzeit von einer Stunde auch einfach nicht genug. Aber es ist ein süßer Film, der mit seiner zeitlosen Darstellung junger, unsicherer Liebe vielen aus dem Herzen sprechen dürfte – unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung.

Credits

OT: „Fragtime“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Takuya Satō
Drehbuch: Takuya Satō
Vorlage: Sato
Musik: Rionos
Animation: Tear Studio

Bilder

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Fragtime
In „Fragtime“ kann eine Jugendliche die Zeit für drei Minuten anhalten und kommt auf diese Weise einer Mitschülerin näher. Der Fantasy-Aspekt wird dabei schnell zur Nebensache. Wichtiger ist es dem leisen Anime, die unsichere und unschuldige Liebe junger Menschen zu zeigen, die mit ihren eigenen Gefühlen noch nicht umgehen können.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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