(„Hakaba Kitarō“ directed by Kimitoshi Chioki, 2008)

hakaba-kitaroIn der letzten Ausgabe unseres fortlaufenden Animationsspecials erinnerten wir uns bei The Maxx an eine der seltsamsten Zeichentrickserien zurück, die in den 90ern über unsere Bildschirme liefen. Dem steht der 128. Teil nicht wirklich nach, auch wenn ihn hierzulande kaum einer kennen wird. Zeit das zu ändern.

Man würde nicht unbedingt behaupten wollen, dass Kitarōs Geburt unter einem guten Stern stattfand. Sich durch die Erde buddeln zu müssen, in der seine kurz zuvor verstorbene Mutter beerdigt wurde, das wünscht man keinem Menschen. Andererseits ist er das ja auch nicht, sondern vielmehr der letzte Nachfahre des einst ruhmreichen Geistervolkes, welches von den Menschen gejagt und ausgelöscht wurde. Es ist daher fast schon ironisch, dass es ausgerechnet ein Mensch ist, der dem Säugling das Leben rettet: Ein Nachbar kommt gerade rechtzeitig, um Kitarō zu retten und bei sich aufzunehmen. Aber auch der leibliche Vater versucht weiterhin, über den Sohn zu wachen, wenngleich er nur noch die Form eines unsterblichen Augapfels hat.

Toei Animation steht wohl wie kein zweites für den Anime-Mainstream: Ob Dragon Ball, Sailor Moon, One Piece oder Digimon, die optisch meist wenig anspruchsvollen Serien brachten es oft auf mehrere Hundert Folgen, waren für viele die Einstiegsdroge in die Welt der japanischen Zeichentrickkunst. Dass man sich bei dem nunmehr 60 Jahre alten Traditionsstudio aber auf Animes versteht, die ganz weit weg von Massenware sind, das ist vielen nicht bekannt. Vor allem die vier Serien, welche sie für den alternativen Animeblock noitaminA produzierten, sind ein Beispiel dafür, wie man sich dem Medium auch ganz anders annähern kann: die Horroranthologie Ayakashi: Samurai Horror Tales, dessen psychedelisches Spin-off Mononoke, die irrwitzige Therapeutengroteske Welcome to Irabu’s Office und eben auch Hakaba Kitarō. Und das ist im letzteren Fall eine ziemliche Überraschung, hatte Toei den Mangaklassiker von Shigeru Mizuki zuvor schon fünf Mal in Animeserienform gepresst – die ersten beiden Male sogar in Zusammenarbeit mit Studio-Ghibli-Mitbegründer Isao Takahata.

Was Hakaba Kitarō von den GeGeGe no Kitarō betitelten Vorgängern unterscheidet: Der Anime basiert auf den früheren Werken von Mizuki. Und die waren noch nicht ganz so sehr auf ein junges Publikum zugeschnitten. Eigentlich ist die Serie sogar richtig brutal: Ständig muss hier jemand sein Leben lassen, wir besuchen mehrfach eine alptraumhafte Hölle, begegnen unterwegs den bizarrsten Wesen, welche größtenteils der japanischen Folklore entnommen sind. Und doch ist die Manga-Adaption nur teilweise Horror, wirkt mit seinem oftmals auch derben Humor wie eine Parodie, ist zuweilen auch Satire auf eine sich verändernde japanische Gesellschaft – wie im Original spielt auch die animierte Version in den 1950ern.

Dass Hakaba Kitarō wie aus einer anderen Zeit wirkt, liegt aber auch an der ungewöhnlichen visuellen Gestaltung. Wie bei Mononoke vorher arbeitet Toei hier mit interessanten Filtern, die den Bildern eine papierartige Textur verleihen. War diese dort jedoch mit knalligen Farben verbunden, die im starken Kontrast zu den düsteren Geschichten stand, ist hier vieles trüb und dreckig gehalten, eine Mischung aus Braun und Grau. Zusammen mit den sehr realistisch und westlich gehaltenen Menschen meint man hier, einen alten amerikanischen Comic in den Händen zu halten. Wären da nur nicht die Monster und Geister, Vampire und Wassergötter, welche durchs Bild laufen, fliegen, wabern und zwischen skurril und furchteinflößend schwanken.

Dieses Miteinander von Menschen und den Fabelwesen ist es auch, was hier immer mal wieder im Mittelpunkt steht. Anders als bei den späteren Mangas bzw. den sonstigen Adaptionen ist Kitarō jedoch weniger um eine friedliche und respektvolle Koexistenz bemüht. Eigentlich ist ihm dieser Aspekt hier egal, der Junge mit dem Riesenauge kümmert sich mehr um seine Interessen – Geld, Essen, Mädchen –, hilft anderen nur, wenn es ihm in den Kram passt. Zusammen mit seiner sehr schelmischen Art, von seinem berühmten leicht unheimlichen Lachen ganz zu schweigen, entsteht so eine Figur, die man zwar vielleicht nicht immer mag, die aber doch deutlich eigenständiger ist als das, was man meistens heute in Animes vorgesetzt bekommt. Und auch die anderen Charaktere schwanken zwischen liebenswürdig und abstoßend, sind auch da nicht ganz von dieser Welt.

Und noch etwas ist anders bei Hakaba Kitarō: die Kontinuität. Eigentlich sind die meisten der elf Folgen völlig unabhängig voneinander, können auch so angeschaut werden. Und doch gibt es zumindest in den ersten zwei Dritteln clevere Verbindungen von Episode zu Episode. Genauer werden sie immer von Ereignissen ausgelöst, die zuvor passiert sind. So beginnt etwa in der zweiten Folge eine Geschichte, welche den Grundstein für Folge drei legt, auch wenn beide Folgen eigentlich keine fortlaufende Geschichte haben. Auf die Weise wird ein roter Faden gesponnen, der im Grunde keiner ist. Leider wird dieses Prinzip nicht bis zum Schluss beibehalten, wie auch andere kleine Tricks und Eigenheiten sich mit der Zeit abnutzen – das Miteinander von Horror und Komödie funktioniert nicht immer ganz, es fehlt ein wenig die Richtung. Aber bevor man sich versieht, ist alles ohnehin bereits vorbei. Es ist ein lohnenswerter Kurztrip, den man so schnell nicht vergessen wird, der jedoch mit einigen Anfangshürden verbunden ist. Gerade weil die Serie so ungewöhnlich und stark in der japanischen Mythologie verbunden ist, hatten westliche Publisher bis heute kein Interesse an ihr. Lediglich ein Australien-Import steht zur Verfügung, den man aber vergleichsweise günstig per eBay bekommt.

Hakaba Kitarō
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Hakaba Kitarō
„Hakaba Kitarō“ mag auf dem bekannten Manga basieren, ist aber doch anders, als man es von den diversen Anime-Adaptionen her kennt. Düsterer und gemeiner, dazu noch eine bemerkenswerte visuelle Umsetzung machen die Serie zu einem Geheimtipp für die Freunde etwas anderer Horrorgeschichten.
7von 10

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