Kritik

Weathering With You

„Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte“ // Deutschland-Start: 16. Januar 2020 (Kino)

Alles hinter sich lassen, noch einmal komplett von vorne anfangen – das ist der Plan von Hodaka, als er von zu Hause ausreißt, um in Tokio ein neues Leben zu beginnen. Doch das ist  gar nicht so leicht, wie er bald feststellen muss, denn so eine Großstadt ist verdammt teuer. Vor allem für einen Minderjährigen, dem niemand Arbeit geben will. Fast niemand. Keisuke, der ein kleines Skandalblättchen herausgibt, das er selbst kaum ernst nimmt, gibt dem Teenager einen Aushilfsjob und ein Dach über dem Kopf. Sehr viel einträglicher ist jedoch ein zweites Geschäft von Hodaka: Gemeinsam mit Hina, der er eines Tages über den Weg läuft, bietet er einen Sonnenscheindienst an. Schließlich ist sie ein Wettermädchen und kann nur durch ihre Gebete schönes Wetter herbeiführen. Und das können die Leute in Tokio gut gebrauchen, regnet es dort doch schon seit Ewigkeiten ununterbrochen. Diese spezielle Gabe von Hina hat jedoch einen Preis, wie die beiden irgendwann feststellen müssen …

Anime-Fans ist der Name Makoto Shinkai natürlich schon lange ein Begriff. Seit seinem Spielfilmdebüt The Place Promised in Our Early Days im Jahr 2004 hat sich der Regisseur und Drehbuchautor als einer der bedeutendsten Vertreter der aktuellen japanischen Animationskunst etabliert. Einem größeren Publikum wurde er endgültig durch Your Name (2016) bekannt, das auch aufgrund der Einspielergebnisse in China zum erfolgreichsten japanischen Film aller Zeiten wurde. Das bedeutet natürlich gesteigerte Erwartungen und die Frage, was Shinkai im Anschluss wohl als nächstes machen würde.

Der Zauber des Alltags
Die Antwort: Im Grunde dasselbe wie immer. Das bedeutet, dass Shinkai erneut von romantischen Gefühlen junger Menschen erzählt, die in der heutigen Welt leben, das Szenario aber mit fantastischen Elementen anreichert. Im Fall von Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte ist es die spezielle Gabe von Hina, allein durch ihre Gebete die Sonne herbeizurufen, zumindest temporär. Eine wirkliche Erklärung hierfür liefert der Film nicht, er nimmt diese Fähigkeit als gegeben hin, als Teil einer fernöstlichen Weltsicht. Auch die anderen Figuren zweifeln nicht wirklich daran, dass so etwas möglich ist, schließlich handelt es sich hier um eine überlieferte Folklore.

Dieses Nebeneinander einer spirituellen Grundeinstellung und des harschen Großstadtlebens, zu dem auch Armut, Prostitution und Gewalt zählen, gehört zu den Höhepunkten von Weathering With You. Eben weil Shinkai kein großes Aufheben von diesem Nebeneinander macht, gewährt er uns einen interessanten Blick auf unsere Welt. Am stärksten ist das Drama in den Phasen, wenn es eben genau das auch tut: den Alltag unserer Welt zeigen. Vor allem die Figuren sind dabei echte Stärken. Hodaka ist mit seinen typischen jugendlichen Selbstfindungsproblemen die Identifikationsfigur, Keisuke und dessen Nichte sorgen für die humorvollen Momente, dazu kommen viele Einzelgeschichten von Hinas Kundschaft, welche das Gefühl verstärken, Teil einer Stadt zu sein, so groß und kalt die auch erscheinen mag.

Das war jetzt nicht nötig …
Die Leichtigkeit des Films geht jedoch zunehmend verloren. Als Shinkai sich von seinem allgemeinen Slice-of-Life-Plauderstil verabschiedet und eine wirkliche Geschichte erzählen will, verrennt sich Weathering With You in eine gezwungene Dramatik. Das bedeutet nicht nur Bombast und Kitsch, was zu einem unschönen Stilbruch führt. Die Handlung wird zudem etwas unbeholfen vorangetrieben, wenn die Figuren einfach nur noch irgendetwas tun, das Ziel den Weg dorthin überlagert. Von der Illusion und Immersion des Animes bleibt dann nicht mehr so wahnsinnig viel übrig, die zarte Poesie wird ebenso ertränkt wie die japanische Metropole. Ein spannender Aspekt rund um die Themen Verantwortung und Aufopferung wird im Gegenzug zu wenig ausgearbeitet: Da hätte man gerne noch mehr Gedanken drauf verwenden können.

Aber der Geist wird bei Shinkai traditionell nur zweitrangig bedient, seine Werke sind in erster Linie Geschenke an die Augen. Das ist bei Weathering With You nicht anders, die Bilder, die er mit seiner Produktionsstätte CoMix Wave Films erschafft, sind unverkennbar in ihrer fotorealistischen Detailverliebtheit. Vieles würde hier auch als Foto durchgehen. Und dass sich der Filmemacher auf die Darstellung von Wetter versteht, das wissen Fans seit seinem The Garden of Words ohnehin. Bei den Animationen gibt es vereinzelt Stellen, welche nicht die überragende Qualität der Standbilder einhalten. Dennoch, allein schon der visuellen Kraft wegen, technisch wie atmosphärisch, gehört der neueste Titel zum Pflichtprogramm von Animationsliebhaber*innen. Als Nachfolger von Your Name hat es der Anime erwartungsgemäß schwer, dafür funktioniert das mit der Geschichte nicht gut genug. Für sich genommen ist das mit Coming-of-Age-Elementen angesetzte Drama aber zweifelsfrei sehenswert.

Credits

OT: „Tenki no Ko“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Musik: Radwimps
Animation: CoMix Wave Films

Bilder

Trailer

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Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte
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Weathering With You – Das Mädchen, das die Sonne berührte
Bei „Weathering With You“ macht Makoto Shinkai das, was er am besten kann: Er kombiniert gefühlvolle Alltagsgeschichten mit fantastischen Elementen, und bannt das Ganze in atemberaubend fotorealistische Bilder. Inhaltlich hat das Drama so seine Mühen, gerade zum Ende hin. Insgesamt ist der Anime über ein Mädchen, welche das Wetter beeinflussen kann, aber definitiv sehenswert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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