(„Samurai Flamenco“ directed by Takahiro Omori, 2013)

Samurai FlamencoWer gemeint hat, dass wir letzte Woche mit den grotesken Monstern aus Mutant Aliens bereits den Gipfel der Absurdität erreicht haben, der darf sich hier auf etwas gefasst machen: Teil 58 unseres fortlaufenden Animationsspecials hat mit seinen extrem unerwarteten Wendungen und verrückten Ideen schon jetzt Animegeschichte geschrieben.

Ein Model muss gut aussehen und einigermaßen geradeaus laufen können. Aber kämpfen? Das gehört gewöhnlich nicht zu den Jobanforderungen. Doch Masayoshi Hazama ist nun mal nicht gewöhnlich, sondern verfolgt seit seiner Kindheit den Traum, als Superheld Unrecht zu bekämpfen. Besondere Fähigkeiten hat er zwar nicht, aber einen unkaputtbaren Glauben an Gerechtigkeit. Und so lässt er sich auch nicht davon abhalten, als maskierter Held mit dem Namen „Samurai Flamenco“ fürs Gute zu kämpfen, und das sogar recht erfolgreich. Doch diese neue Berufung ist ein zweischneidiges Schwert, erregt der so doch das Interesse von deutlich größeren Verbrechern. Und auch von anderen Leuten, die gerne in ihrer Freizeit mal den Helden spielen.

Ein bisschen hat die nächtliche Fuji-TV-Programmschiene noitaminA schon an Renommee einbüßen müssen in der letzten Zeit. War sie früher für ihre alternativen Animes geschätzt, beklagen Fans immer häufiger, dass es der Nachschub weder an Qualität noch Kreativität mit den früheren Beiträgen aufnehmen kann. Doch dann und wann schafft es doch noch jemand, das kritische Publikum zu überrumpeln. Samurai Flamenco, im Oktober 2013 als 43. Serie zeitgleich mit Galilei Donna gestartet, ist eine solche. Und das Beste: Sie ist im Gegensatz zu anderen Fanfavoriten wie Mononoke, Katanagatari und Ping Pong auch komplett in Deutschland erhältlich.

Vor allem für Kenner japanischer Popkultur ist das eine gute Nachricht, denn Samurai Flamenco ist in erster Linie eine Parodie auf herkömmliche Superhelden und das Magical-Girl-Genre, aber auch auf den Idol-Wahn und die geldgeile Medienlandschaft. Vor allem in den ersten Folgen schleicht sich jedoch auch Melancholie in die Geschichte, wenn wir erfahren, woher Masayoshis Wunsch nach Gerechtigkeit kommt. Halten sich zunächst komische wie traurige Momente die Waage, wird es jedoch nach einem Viertel auf einmal so richtig abgefahren, streckenweise auch überraschend brutal. Mit dem komplett unerwartbaren Twist in Folge 7 hat die Serie schon jetzt Animegeschichte geschrieben, denn was hier an grotesken Ideen verfeuert wird, sorgte weltweit für offene Münder. Und das ist erst der Anfang für einen der absurdesten und wendungsreichsten Trips, die man je in einem Anime gesehen hat.

Genau daran scheiden sich jedoch auch wenig die Geister. Nicht wenige bedauerten, dass die bittersüßen Elemente so stark in den Hintergrund gedrängt werden, für andere fing der Spaß da erst an. Vor allem Fans klassischer Superheldengeschichten japanischer Machart wird  im weiteren Verlauf das Herz übergehen, dürfen voller Nostalgie an die völlig übertriebenen Shows der 80er zurückdenken, die hier parodiert werden. Bemerkenswert ist dabei die überbordende Kreativität, mit der die Gegner gestaltet wurden. Und das, obwohl sie so schnell gehen, wie sie gekommen sind. Einige von ihnen sind so abwegig, andere Serien hätten ihnen ganze Handlungsstränge gewidmet. Nicht so hier, wo das Rampenlicht oft nur wenige Sekunden scheint, man von so manchem Feind gern mehr gesehen hätte.

Während die Stimmungsschwankungen noch unter „Geschmackssache“ verbucht werden können, sind andere Probleme etwas universeller. Da wäre zum einen der starke Fokus auf Kämpfe im Mittelteil, denen es an Abwechslung mangelt und zusammen mit den zwischenzeitlich weniger interessanten Sidekicks dafür sorgen, dass das sehr hohe Anfangsniveau kontinuierlich absinkt. Und auch die ständigen Wendungen und Twists, so witzig sie im Einzelnen auch sein mögen, haben einen Nachteil: Man hat den Eindruck, dass sie irgendwann zum Selbstzweck werden. Dass es gar nicht mehr darum geht, eine tatsächliche Geschichte zu erzählen. Vor allem das Ende ist irgendwo schon ziemlich willkürlich gesetzt, so als hätte man die Episodenquote noch erfüllen müssen und deshalb einfach weitererzählt.

Optisch gibt sich die Serie hingegen über weite Strecken keine Blöße: Regisseur Takahiro Omori (Baccano!, Durarara!!) und das Animationsstudio Manglobe (Ergo Proxy, Deadman Wonderland) packten die temporeiche Actionkomödie in unspektakuläre, dafür aber gut animierte und realistische Bilder. Lediglich zum Ende hin drängt sich der Eindruck auf, dass auf den letzten Metern Geld und Zeit etwas fehlten, da sind schon recht viele billig aussehende Szenen dabei. Doch trotz der kleinen inhaltlichen und audiovisuellen Einschränkungen ist Samurai Flamenco eine der bemerkenswertesten und unterhaltsamsten Animeserien der letzten Zeit. Für Fans wahnwitziger Geschichten ist die 22-teilige Fernsehproduktion sogar ein Muss, vor allem für solche, die damals selbst mit Superheldenshows aufgewachsen sind und die vielen Anspielungen verstehen.

Samurai Flamenco
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Samurai Flamenco
Ein Model jagt nachts als maskierter Held Verbrecher? Das ist ungewöhnlich, aber nur der Auftakt für einen der absurdesten und wendungsreichsten Trips aller Zeiten. An manchen Stellen verkommen die Twists zwar zu einem Selbstzweck, auch die Optik baut zum Schluss etwas ab. Dennoch ist die Superheldenparodie ein Muss für die Freunde wahnwitziger Anime.
7von 10

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