(„Memories“ directed by Kōji Morimoto, Tensai Okamura and Katsuhiro Ôtomo , 1995)

MemoriesUnser fortlaufendes Animationsspecial erreicht die magische Teil-100-Marke. Dass wir hierfür nicht einfach nur irgendeinen Film oder eine beliebige Serie nehmen können, ist klar, da muss schon etwas Besonderes her. Und deshalb haben wir diesmal einen persönlichen Favoriten ausgepackt: eine Anthologie, die jeder Anime-Fan einmal gesehen haben sollte, über die heute aber kaum mehr einer spricht.

Memories ist einer dieser Animes, die quasi untrennbar mit den 90er Jahren verbunden sind. Nicht, weil er sich inhaltlich auf seine Zeit bezieht. Eigentlich ist die Anthologie sogar ausgesprochen zeitlos, sowohl was die Geschichten wie auch die optische Gestaltung betrifft. Es war vielmehr die Art und Weise, wie für ihn geworben wurde, die den historischen Kontext verrät. Ähnlich wie bei Roujin Z auch, wurde hier mit der großen Popularität des damals für den Westen neuartigen Akira geworben, indem dessen Schöpfer Katsuhiro Ôtomo in den Vordergrund gestellt wurde. Der hatte natürlich großen Einfluss, lieferte er doch die Mangavorlagen für alle drei Geschichten, war Ausführender Produzent, inszenierte und schrieb die letzte Episode. Heute, zwanzig Jahre später, da Akira zwar noch immer ein Klassiker ist, aber keine Ausnahmestellung mehr innehat, ist Memories dadurch jedoch auch etwas in Vergessenheit geraten.

Dabei sind da noch eine Reihe weiterer großer Namen beteiligt. Adaptiert wurden die Geschichten durch die beiden Edelstudios Madhouse (Robotic Angel, Das Mädchen, das durch die Zeit sprang) und Studio 4°C (Mind Game, Tekkonkinkreet), zwei der drei Drehbücher schrieb Satoshi Kon (Perfect Blue, Millennium Actress), die Ausnahmekomponistin Yoko Kanno (Cowboy Bebop, Ghost in the Shell: Stand Alone Complex) vertonte die erste Geschichte, Regie führten neben Ôtomo noch Kōji Morimoto (Animatrix) und Tensai Okamura (Wolf’s Rain). Allein dieses Allstar-Ensemble rechtfertigt, sich die Anthologie doch noch einmal genauer anzuschauen.

Der Höhepunkt wartet bereits in der ersten Folge: Magnetic Rose erzählt die Geschichte mehrerer Weltraummüllsammler, die eines Tages ein Notsignal erhalten und dem Raumschiff zur Hilfe eilen wollen. Dort angekommen stellen sie überrascht fest, dass dieses einer einst berühmten Opernsängerin gehört und opulent eingerichtet ist. Aber wo ist die Sängerin? Wo sind die anderen Menschen? Und wer hat das Notsignal abgegeben? Rund 45 Minuten ist dieser Einstieg lang, fesselt aber von Anfang bis zum Ende durch seine zunächst mysteriöse, später gleichermaßen furchteinflößende und todtraurige Stimmung, der Film ist irgendwo im Grenzgebiet von Science Fiction, Horror und Drama angesiedelt. Abgerundet wird die ausgesprochen düstere, teils surreale Episode, die sich dem Titel der Anthologie entsprechend intensiv mit der Bedeutung von Erinnerungen auseinandersetzt, durch den von Opern inspirierten Soundtrack von Kanno.

Stink Bomb ist da schon deutlich heiterer. Gewissermaßen. Hier steht ein junger Chemiker im Mittelpunkt, der an einer bösen Erkältung leidet und deshalb ein neues Produkt seines Unternehmens ausprobiert – mit fatalen Folgen. Böse ist auch der Film an sich, gibt es hier doch einen der höchsten Body Counts, die man jemals in einem Anime gesehen hat. Oder einem Film im allgemeinen. Die Todesszenen sind dabei jedoch nicht brutal, sondern komisch überhöht, oft sogar richtig absurd. Inhaltlich ist die recht albern gehaltene Episode die uninteressanteste der drei, auch wenn zum Ende hin die Geschichte deutlich satirischer wird und bewusst Stereotypen aufgreift. Als unterhaltsame Verschnaufpause taugt das 40-minütige witzige Intermezzo trotz seines vergleichsweise geringen Anspruchs aber allemal.

Und dann wäre da noch Cannon Fodder, der mit 22 Minuten deutlich kürzere Beitrag, der komplett von Ôtomo stammt. Hierin folgen wir einen Tag lang der Bevölkerung eines sich im Krieg befindenden Staates, der seinen kompletten Alltag auf die Kriegsmaschinerie ausgerichtet hat: Überall in der Stadt sind riesige Kanonen auf den Dächern montiert, die auf die Gegner feuern, die Menschen werden von klein auf dazu trainiert, die Kanonen zu warten, zu entwickeln oder zu benutzen. Wer der Gegner ist, wird jedoch nicht verraten, Cannon Fodder zeigt ähnlich wie der dystopische Klassiker „1984“ von George Orwell eine Gesellschaft, in der Krieg und Propaganda allgegenwärtig sind und sich verselbständigt haben, eigenes Nachdenken nicht erwünscht ist. Eine wirkliche Handlung gibt es dabei nicht, die Episode lebt von ihrer finsteren, gleichzeitig zynisch-satirischen Atmosphäre.

Viel gemeinsam haben die drei Geschichten damit nicht, außer dass sie grob im Science-Fiction-Genre angesiedelt sind und auf ihre jeweilige Weise zum Nachdenken anregen. Gemeinsam ist aber auch die sehr gute Optik, sowohl was den Detailreichtum wie auch die Animationen angeht. Während die ersten beiden Episoden dabei sehr realistisch gehalten sind, bietet der Abschluss mit seinen schraffierten, stilisierten Zeichnungen einen ungewöhnlichen Anblick, den man eher in einem westlichen Comic vermuten würde, nicht in einem Anime. Aber auch wenn Memories nicht viel mit den gängigen Darstellungsformen oder Inhalten der japanischen Zeichentrickkunst gemeinsam hat, so ist die Anthologie aufgrund des hohen Niveaus, das zwischen gut und fantastisch schwankt, ein absolut sehenswerter Klassiker seines Mediums.

Memories
3.85 (77%) 20 Artikel bewerten

Memories
Gut, sehr gut, fantastisch: Wie bei Anthologien üblich, schwankt die Qualität von „Memories“ ein wenig, ist aber auf einem so hohen Niveau, dass dies nichts mehr ausmacht. Gemeinsam ist den drei Episoden dabei das jeweilige Science-Fiction-Setting, die zum Nachdenken anregende Geschichte und die sehr gute Optik.
8von 10

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