Kritik

Her Blue Sky

„Her Blue Sky“ // Deutschland-Start: 17. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Das Verhältnis zwischen Akane und ihrer jüngeren Schwester Aoi war immer sehr eng gewesen, seit Kindheitstagen schon. Vor allem der frühe Tod der Eltern hatte die zwei zusammengeschweißt. Aus diesem Grund verzichtete Akane auch darauf, mit ihrem Freund Shinnosuke nach Tokio zu gehen, wo er von einer großen Karriere als Musiker träumte. Stattdessen blieb sie in ihrer kleinen Heimatstadt, kümmerte sich um Aoi und baute sich ein eigenes, bescheidenes Leben auf. 13 Jahre später träumt Aoi nun selbst davon, es als Rock-Musikerin zu schaffen, will als Bassistin auf der Bühne stehen. Doch dann wird sie von ihrer Vergangenheit heimgesucht, und das gleich doppelt. Als wäre es nicht schon verwirrend genug, dass sie in einem Übungsraum einem Mann begegnet, der genauso aussieht wie Shinnosuke damals, auch der wahre Shinnosuke ist wieder zurück – und ganz anders als früher …

Auch wenn der Anime-Bereich, wie bei Filmen bislang allgemein üblich, fest in Männerhand ist, die großen Namen dem männlichen Geschlecht angehören, ein paar wenigen Frauen ist es dann doch gelungen, selbst zu Stars zu werden. Mari Okada ist eine davon. Das ist auch deshalb eine Rarität, weil die Japanerin von Haus aus keine Regisseurin ist und damit nicht dem Beruf angehört, der noch am ehesten für Aufmerksamkeit sorgt. Tatsächlich hat sie bislang erst einmal bei einem Werk auch selbst Regie geführt, bei dem 2018 veröffentlichten Fantasydrama Maquia – Eine unsterbliche Liebesgeschichte. Ansonsten schrieb sie Drehbücher und entwickelte Serien, etablierte sich durch fantasievolle, sehr gefühlsbetonte Geschichten.

Ein eingespieltes Team
Das gilt dann auch für Her Blue Sky, den neuesten Film der Autorin. Erneut arbeitet sie hier mit Regisseur Tatsuyuki Nagai und dem Charakter Designer Masayoshi Tanaka zusammen, das unter dem Namen Super Peace Busters bekannte Trio hatte zuvor schon bei der Serie AnoHana – Die Blume, die wir an jenem Tag sahen und dem Film The Anthem of the Heart kooperiert. Wer diese Werke kennt, wird sich hier dann auch wie zu Hause fühlen. Erneut geht es um junge Menschen im ländlichen Japan, geht es um unerfüllte Träume und unausgesprochene Gefühle. Und auch die befreiende Kraft von Musik oder künstlerischer Arbeit allgemein als Spiegel der Seele ist wieder mit von der Partie.

Wie in vielen anderen Werken Okadas wird die Geschichte, die sehr stark auf den Figuren aufbaut und eine zwischenmenschliche Komponente hat, um Elemente aus dem Bereich der Fantasie erweitert. Im Fall von Her Blue Sky geschieht das in Form des doppelten Shinnosukes, der einmal als jugendliches Ich, einmal als Erwachsener auftaucht. Das bedeutet für die Autorin eine kleine Abkehr vom Gewohnten, weg von den allein jungen Protagonisten und Protagonistinnen, die in Animes dominieren. Der Film kreiert einerseits eine Art Liebesdreieck, wenn sich Akane und Aoi in denselben Mann verlieben, nur zu unterschiedlichen Zeiten. Sie spricht aber vor allem auch davon, was es heißt, als Erwachsener noch einmal mit seinem jüngeren Ich konfrontiert zu werden, mit den Träumen und Zielen, die man einmal hatte.

Leise Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
Das gilt gleich doppelt, haben doch weder Akane noch Shinnosuke das aus ihrem Leben gemacht, was sie sich mal gewünscht haben. Her Blue Sky geht dabei erstaunlich differenziert vor: Auch wenn die Sympathien Okadas eindeutig der Jugend gelten, sie zeigt die Veränderungen, die ein Erwachsenenleben mit sich bringt, als etwas, das Teil des Lebens ist. So schön es ist, diese Träume zu haben, die Welt ist dann doch etwas komplizierter und erfordert es Kompromisse einzugehen. Der Anime, der bei der Nippon Connection 2020 Deutschlandpremiere feiert, glorifiziert nicht die jugendlichen Träume, sondern ermuntert dazu, beides in Einklang zu bringen, sein Glück zu suchen, wo auch immer man es finden kann.

Das geschieht hier glücklicherweise mal ohne das große Melodram, welches Okada früher immer wieder gesucht hat. Zum Finale wird da dann zwar auch wieder aufgetrumpft, begleitet von der obligatorischen Power-Pop-Ballade. Von dieser kurzen Entgleisung einmal abgesehen ist Her Blue Sky aber ein erstaunlich zurückhaltendes Werk, das sich stärker auf die Geschichte, das originelle Szenario und die Figuren verlässt und damit selbst erwachsener ist als so manches Frühwerk der Japanerin. Und auch die Optik des noch jungen Animationsstudios CloverWorks ist sympathisch, arbeitet mit stimmungsvollen Hintergründen und soliden Animationen. Wer mal wieder einen schönen Anime sehen will, der ist damit hier an einer guten Adresse.

Credits

OT: „Sora no Aosa o Shiru Hito yo“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Tatsuyuki Nagai
Drehbuch: Mari Okada
Musik: Masaru Yokoyama
Animation: CloverWorks

Bilder

Trailer

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Her Blue Sky
In „Her Blue Sky“ müssen zwei Schwestern und ein Ex-Freund sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, mit unerfüllten Träumen und der Verantwortung für sich und andere. Der auch visuell angenehme Anime nutzt dafür ein originelles Szenario und ermuntert mit diesem, eine Balance aus jugendlichen Ambitionen und erwachsener Realität zu suchen, und zeigt sich dabei erstaunlich differenziert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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