Ride Your Wave

„Ride Your Wave“ // Deutschland-Start: 28. Juli 2020 (Kino)

Für Hinako Mukaimizu gibt es nur eins im Leben: das Surfen! Wann immer sie kann, schwingt sie sich auf das Brett, immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Ansonsten macht sich die 19-Jährige nur wenig Gedanken um die Welt oder was sie mit ihrem Leben anfangen will. Das ändert sich, als eines Tages ein Feuer in ihrer Wohnung ausbricht und sie dadurch den zwei Jahre älteren Minato Hinageshi kennenlernt. Richtig viel gemeinsam haben die beiden eigentlich nicht, sind auch von der Persönlichkeit her sehr unterschiedlich. Und doch funkt es zwischen ihnen, sie werden ein unzertrennliches Paar und schmieden gemeinsame Pläne für die Zukunft. Bis es zur Tragödie kommt …

Im Reigen der bedeutenden Anime-Regisseure der Neuzeit hatte Masaaki Yuasa immer eine Sonderposition inne. Kollegen wie Mamoru Hosoda oder Makoto Shinkai mögen ein deutlich größeres Publikum angezogen haben, ihre Filme begeisterten die Massen. Satoshi Kon war der große Kritikerstar, der auch über das Medium hinaus renommiert war. Yuasa genoss hingegen vor allem Kultstatus aufgrund seiner durch die Bank weg durchgeknallten Titel. Ob nun sein psychedelischer Filmtrip Mind Game war oder die eigenwillige Uni-Serie The Tatami Galaxy, er war immer die Adresse Nummer eins für ein Publikum, das es besonders ausgefallen und schräg mochte.

Zug zur Mitte
Offensichtlich war ihm das auf Dauer aber nicht genug. Und so war der Ausnahmeregisseur zuletzt nicht nur auffallend umtriebig, arbeitet derzeit an gleich mehreren Projekten. Er nähert sich zudem immer mehr dem Mainstream an, indem er nun doch geradlinigere Geschichten erzählt mit vergleichsweise konventionellen Themen und Strukturen. Das zeigte sich bei seinen letzten beiden Filmen, dem musikalischen Meerjungfrau-Abenteuer Lu Over the Wall und der herumstreunenden Romanadaption Night Is Short, Walk On Girl, die trotz diverser skurriler Elemente leichter konsumierbar waren. Sein neuestes Werk Ride Your Wave geht sogar noch einen ganzen Schritt weiter, ist anfänglich so real, dass man gar nicht auf die Idee kommen könnte, der Film sei von ihm.

Die Geschichte geht dabei auf die Drehbuchautorin Reiko Yoshida (Das Königreich der Katzen, A Silent Voice) zurück und beginnt als herkömmliche Romanze zwischen zwei jungen Menschen. Die Art und Weise der Begegnung ist ungewöhnlich – wie viele verlieben sich schon, während deine Wohnung abbrennt? –, das danach ist es weniger. Das mag man schade finden, eine Verschwendung gar. Ride Your Wave nähert sich manchmal sogar gefährlich dem Kitsch an. Und doch ist es irgendwie süß, wie hier zwei junge Menschen sich gefunden haben, sich gegenseitig inspirieren und weiterhelfen wollen oder auch mal unbeholfen Karaoke-Lieder trällern.

Zwischen Spektakel und Rührung
Interessant wird es jedoch in der zweiten Hälfte, nach dem größeren Wendepunkt, der so eigenartig ist, wie man es von einem Yuasa-Film erhofft. Nicht nur, dass die Idee dahinter tatsächlich wie aus dem Nichts kommt, Ride Your Wave nutzt diese, um der Geschichte deutlich mehr Tiefgang zu verleihen. In Folge dürfen nicht nur die Schmetterlinge im Bauch gefüttert werden. Stattdessen wandelt sich der Anime in ein Drama, das viel über Eigenverantwortung und innere Stärke zu sagen hat. Emotional ist auch das, aber auf eine andere Weise. Es wechseln sich kuriose und tragische Szenen ab, der Film tut gleichzeitig weh und ist doch aufbauend, wenn Hinako lernen muss, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Diese ernste Inhalt steht dabei in einem reizvollen Kontrast zu der sehr verspielten Verpackung. Yuasa und das von ihm gegründete Animationsstudio Science Saru greifen einerseits auf realistische, erwachsene Designs zurück, machen daraus aber erneut einen farbenfrohen Trip, der sehr viel fürs Auge zu bieten hat. Vor allem der Umgang mit dem Wasser ist sehr schön geworden, Spielereien mit Licht und Farben sorgen dafür, dass keine Langeweile auftritt. Ride Your Wave, das auf dem Annecy Animationsfestival 2019 Weltpremiere feierte und 2020 regulär nach Deutschland kommen soll, ist erneut ein stilistisches bemerkenswertes Anime-Highlight geworden, das trotz der weniger ausgeprägten Wildheit und Verrücktheit einen mehr als würdigen Neuzugang in Yuasas Gesamtwerk darstellt.



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Ride Your Wave
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Ride Your Wave
Mit „Ride Your Wave“ erzählt Masaaki Yuasa seine bislang geradlinigste Geschichte. Gerade zu Beginn scheint die Begegnung zweier junger Menschen eine zwar rührende, aber doch wenig auffällige Angelegenheit zu werden. Erst später wird der Anime fordernder und auch verrückter, ist traurig und aufbauend zugleich und wird dabei von farbenfrohen, verspielten Bildern begleitet.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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