(„Byōsoku Go Senchimētoru“ directed by Makoto Shinkai, 2007)

5 Centimeters per SecondBei Makoto Shinkai muss man schon ein bisschen Geduld mitbringen. Nicht nur, dass der Regisseur sich gerne mal ein paar Jahre Zeit lässt für ein neues Projekt, die Filme selbst sind ebenfalls nicht unbedingt für ihr hohes Tempo bekannt. Das gilt dann auch für 5 Centimeters Per Second, seinem 2007 erschienenen zweiten Langfilm, in dem er dem Jungen Takaki Tōno vom Ende der Grundschule bis ins Erwachsenenalter folgt. Der Titel leitet sich dabei von der Geschwindigkeit ab, mit der Kirschblüten zu Boden fallen und gibt dadurch vor, was man hier erwarten kann. Und auch was nicht. Anders als zuvor bei The Voices of a Distant Star und The Place Promised in Our Early Days verzichtet der Japaner dieses Mal völlig auf Science-Fiction-Elemente, bleibt erstmals völlig in der Realität verhaftet. Genauer nimmt er drei Abschnitte aus dem Leben von Takaki und erzählt anhand dieser, wie dumme Zufälle oder auch verpasste Chancen uns jahrelang verfolgen können.

Der realistischere Inhalt hat jedoch nur recht wenig Auswirkungen auf die Atmosphäre, die es  – auch begleitet von der melancholischen Klaviermusik – vor allem auf die Herzen der Zuschauer abgesehen hat. Denn eigentlich dreht sich hier alles um Liebe. Liebe über Distanz. Liebe, über die niemand sprechen mag. Liebe, die nicht erwidert wird. Nein, fröhlich ist das nicht, manchmal möchte man als Zuschauer sogar verzweifeln angesichts der Ungerechtigkeit der Situation, aber auch an der Unfähigkeit der Protagonisten, sich einfach mal ihren Gefühlen zu stellen. Denn wenn uns 5 Centimeters per Second eines lehrt, dann ist es, den Augenblick zu nutzen, nicht einfach zuzusehen, wie Chancen an einem vorbeiziehen. Denn manchmal gibt es keine zweite Chance.

Und doch wird sich jeder irgendwo mit den Jugendlichen identifizieren können, schon einmal selbst in der Situation gewesen sein, in der die richtigen Worte einfach nicht über die Lippen wollen. In der man nicht einmal wirklich weiß, ob es so etwas wie die richtigen Worte gibt. Sonderlich komplex sind die Situationen an und für sich nicht, zumindest nicht so komplex, dass es keine Lösungen gäbe. Aber auch das ist relativ, gerade in einem Alter, in dem man erst zu lernen beginnt, was diese verwirrenden Gefühle eigentlich bedeuten und wie wir mit diesen umzugehen haben. Konkrete Anweisungen gibt einem Shinkai nicht mit auf den Weg, und auch keinen Trost. Vielmehr zeichnet sich das überraschend erwachsene 5 Centimeters per Second gerade dadurch aus, dass sich der Anime sehr zurück hält, sich weder großen Dramen ergibt, noch eine heile Welt vorgaukeln will, nicht so tut, als würde alles immer wie im Traum enden.

Traumhaft ist dafür, wie eigentlich immer bei dem Japaner, wie dieser sein Drama visuell umgesetzt hat. Zusammen mit seinem Stammstudio CoMix Wave Films zaubert er hier Bilder auf den Bildschirm, die wie überpinselte Fotografien wirken, nur noch schöner. Wenn dann noch die zuweilen recht ungewöhnlichen Perspektiven hinzukommen, braucht sich niemand zu wundern, warum Shinkai zu den bekanntesten Animeregisseuren unserer Zeit zählt. Style over substance mögen das manche nennen, nicht einmal zu Unrecht. Wenn das Ergebnis aber so atemberaubend ist wie hier, gerade auch im Vergleich zu den einfältigen und eintönigen Hintergründen, wie wir sie sonst oft in Animes zu sehen bekommen, dann verzeiht man das recht schnell: 5 Centimeters per Second lädt dazu ein, sich in den Bildern und der Melancholie zu verlieren, sich an die eigene erste Liebe zurückzuerinnern und darüber nachzudenken, wie schnell manchmal das Leben an einem vorbeirauscht.

5 Centimeters per Second
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5 Centimeters per Second
„5 Centimeters per Second“ erzählt mit spektakulären Bildern die unspektakuläre Geschichte eines Jungen und seiner ersten großen Liebe. Trotz einer sich über mehrere Jahre ziehenden Handlung passiert in dem Anime relativ wenig, der Film verlässt sich vielmehr auf seine melancholische Stimmung und das kennende Mitgefühl seiner Zuschauer.
7von 10

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