(„The Cockpit“ directed by Yoshiaki Kawajiri, Takashi Imanishi, Ryousuke Takahashi, 1993)

The CockpitWer sich auch nur ansatzweise im Manga- oder Animesegment auskennt, der kennt Leiji Matsumoto, jenen Großmeister des Science Fiction, der uns Klassiker wie Space Battleship Yamato und Die Königin der tausend Jahre geschenkt hat. Aber selbst dann wird einem The Cockpit nicht unbedingt etwas sagen, eine Direct-to-Video-Produktion, welche 1993 auf den Markt kam und Matsumotos „Battlefield“ adaptierte. Anders als bei seinen meisten anderen Werken entwarf er hier keine Zukunftsvision, sondern richtete seinen Blick zurück in die Vergangenheit. Eine unschöne Vergangenheit: Die drei Episoden spielen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und bringen uns Menschenschicksale auf Seiten der Deutschen und Japaner wieder. Letzteres ist im Animebereich durchaus schon mehrfach vorgekommen, etwa bei Die letzten Glühwürmchen oder Barfuß durch Hiroshima. Ungewöhnlich hier ist jedoch, dass ausnahmsweise keine Opfer des Krieges gezeigt werden, sondern Beteiligte. Soldaten.

Slipstream etwa, das von Yoshiaki Kawajiri (Wicked City, Vampire Hunter D: Bloodlust) inszeniert wurde, erzählt die Geschichte des Deutschen Erhardt Von Rheindars. Der war zuvor in Ungnade gefallen, weil er aus einem Luftkampf geflohen war. Eine Chance zur Rehabilitierung hat er jedoch: Er soll einen Bomber eskortieren und vor feindlichen Angriffen schützen. So weit so gut. Erschwert wird diese Aufgabe jedoch dadurch, dass sich an Bord sowohl eine Atombombe wie auch seine Jugendliebe befinden. Erfüllt er die Aufgabe, werden Zigtausende einen qualvollen Tod sterben. Lässt er den Bomber abschießen, opfert er die Frau. Das Szenario ist natürlich recht konstruiert, veranschaulicht aber doch, in welche moralischen Dilemmata Kriege ihre Soldaten stürzen können. Es ist ein tragischer Auftakt in eine etwas andere Kriegsanthologie, düster und traurig, wenn auch aufgrund der aufdringlich dramatischen Musik und des Hangs zum Pathos unnötig manipulativ.

Sonic Boom Squadron (Regie: Takashi Imanishi) verzichtet auf beides, beginn mit Sonnenstrahlen, flirrender Hitze sogar, dem Zirpen von Grillen, später kommen Klänge des traditionellen Koto-Instruments dazu. Inhaltlich bewegt man sich aber auch hier nicht unbedingt auf der Sonnenseite. Dieses Mal ist es der junge Japaner Ensign Nogami, der eine unangenehme Aufgabe zu erfüllen hat: An Bord einer Ohka soll er im Rahmen eines Kamikazeangriffs einen amerikanischen Flugzeugträger versenken. Das schlägt beim ersten Versuch fehl, doch Nogami ist fest davon überzeugt, seinem Vaterland durch einen zweiten Angriff dienen zu müssen. Der Mittelteil ist vermutlich der verstörendste Part in einer inhaltlich ohnehin oft schwierigen, weil romantisierenden Anthologie. Gleichzeitig fasziniert aber eben auch, gerade da uns diese Denkweise, sein eigenes Leben aus Pflichtbewusstsein und Ehrempfinden gezielt beenden zu wollen, doch recht fremd ist. Zumal The Cockpit auch hier nicht mit Tragik spart, die Sinnlosigkeit des Unterfangens mit einem hundsgemeinen Ende aufzeigt.

Beides ist auch im Abschluss Knight of the Iron Dragon – Regie: Ryousuke Takahashi (Flag) – zu finden. Dieses Mal befinden wir uns in den Philippinen, einem Nebenschauplatz des Krieges, und begleiten japanische Soldaten, die aufgrund eines Versprechens einen Flugstützpunkt zu erreichen versuchen. Dass dieses Versprechen aufgrund des Kriegsverlaufs unsinnig geworden ist, das ist ihnen bewusst. Aber das Versprechen zählt in diesem Fall mehr als der Inhalt. Auch die dritte Episode macht es einem als Zuschauer daher nicht einfach, konfrontiert einen mit dem Wahnsinn des Krieges, gekoppelt an persönliche Schicksale und Fragen, die jeder für sich selbst zu beantworten hat. Und das ist hier gleich doppelt schwierig, da der Ton der Geschichte eigentlich heiter ist, die Folge auch als Buddy Movie durchgehen würde – wäre da nicht der harte Rahmen.

Über besagte Romantisierungen muss man hinwegsehen können, darüber wie hier Kriegshandlungen Helden hervorbringen, die im Grunde nur Leben vergeudet haben. Vielleicht wurde The Cockpit deshalb nie in Deutschland veröffentlicht, unserer eigenen Kriegsvergangenheit wegen. Oder eben doch, da Matsumoto hierzulande nie die große Berühmtheit erlangte, die er im Ausland genießt. So oder so lohnt es sich, die Anthologie aus England oder Frankreich zu importieren, wo sie antiquarisch noch zu bekommen ist. Abgerundet wird der zum Nachdenken anregende, kontroverse Kriegsanime durch eine feine Optik des Animationsstudios Madhouse (WXIII: Patlabor 3, The Wind of Amnesia). Gewöhnungsbedürftig sind jedoch die für Matsumoto typischen Figurendesigns. Während die Protagonisten aus Slipstream mehr oder weniger seine beiden berühmtesten Helden Captain Harlock (Captain Harlock) und Maetel (Galaxy Express 999) kopieren, sind die sehr comichaft gestalteten Charaktere der beiden anderen Episoden komplett unpassend, was gerade in der zweiten zu einem extremen Kontrast führt.

The Cockpit
4.11 (82.22%) 18 Artikel bewerten

The Cockpit
„The Cockpit“ ist eine eher weniger bekannte Kriegsanthologie, die unverkennbar auf einem Manga von Leiji Matsumoto basiert. Von den ungewöhnlichen Figurendesigns abgesehen ist die Optik auf einem guten Niveau. Bemerkenswert ist der Anime aber seines Inhalts wegen, der tragische Geschichten auf Seiten der Deutschen und Japaner erzählt und dabei oft zum Nachdenken anregt.
7von 10

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