Tatort Stau
© SWR/Andreas Schäfauer /Alexander Kluge

Tatort: Stau

Tatort Stau
„Tatort: Stau“ // Deutschland-Start: 10. September 2017 (Das Erste)

Inhalt / Kritik

Eigentlich wollte Sebastian Bootz (Felix Klare) nur noch nach Hause, ist doch schließlich Feierabend. Stattdessen muss er sich plötzlich mit einem verschwundenen Zeugen herumplagen sowie einem Autounfall mit Todesfolge und anschließender Fahrerflucht. Immerhin: Wer auch immer den Unfall verursacht hat, kann nicht weit weg sein, führt die entsprechende Straße doch mitten in einen Stau. Während Bootz im Umfeld des Unfalls nach Spuren sucht und mögliche Zeugen befragt, schaut sich Thorsten Lannert (Richy Müller) gemeinsam mit zahlreichen anderen Polizisten und Polizistinnen in der Staukolonne um. Einfach ist das nicht, denn die Nerven liegen schnell blank …

Kein Entkommen!

In Krimis wird immer wieder gern das Prinzip angewendet, die Geschichte in einem in sich geschlossenen Ort spielen zu lassen, aus dem es kein Entkommen gibt – weder für Opfer noch für Täter. Agatha Christie hat dieses Prinzip oft und erfolgreich umgesetzt. Bei Mord im Orient-Express war es ein Zug, bei Tod auf dem Nil ein Schiff, bei Zehn kleine Negerlein – Das letzte Wochenende eine abgelegene Insel, auf der ein Mörder sein Unwesen treibt. Eine der ungewöhnlichsten Varianten findet sich ausgerechnet beim Tatort, der oft im Ruf steht, nur Dienst nach Vorschrift zu machen. So wird bei Stau ausgerechnet ein solcher Verkehrskollaps zum Schauplatz des Geschehens. Von vereinzelten Ausflügen zur Umgebung des Unfallortes abgesehen spielt die komplette Geschichte tatsächlich in, neben oder auf Autos.

So etwas kann schnell langweilig werden, wenn visuell zwangsläufig nichts geschieht. Auch bei der Handlung heißt es, bei einem derartigen Szenario Abstriche machen zu müssen. Schusswechsel oder Verfolgungsjagden sind einfach nicht drin, wenn alle auf der Stelle stehen. Hinzu kommt, dass keine richtige Spannung aufkommt: Die Tat war hier ein Autounfall, kein Mord. Dass ein weiterer Todesfall eintritt, ist auf diese Weise nahezu ausgeschlossen. Tatort: Stau nimmt also das Prinzip des Krimis, streicht aber vieles von dem, was das Publikum gewohnt und vielleicht auch erwartet. Der 1027. Fall der ARD-Krimireihe mutet auf diese Weise nicht nur den Unglückseligen, die in dem Stau feststecken, jede Menge zu. Die Zuschauer und Zuschauerinnen zu Hause müssen sich ebenfalls an die Situation anpassen und größere Geduld mitbringen.

Der Stau als Mikrokosmos

Und doch ist Regisseur und Co-Autor Dietrich Brüggemann (3 Zimmer/Küche/Bad, Renn, wenn du kannst) einer der unterhaltsameren Teile der Endlosreihe geglückt. Schon der Einstieg ist gelungen, wenn wir in einer Parallelmontage die diversen Männer, Frauen und Kinder kennenlernen, die in dem Stau feststecken und für die Tat in Frage kommen. Musik spielt dabei eine große Rolle, die Bandbreite der Lieder von Metallica über Billy Joel bis zu Peter Licht dient dazu, die Vielfalt der Leute zu verdeutlichen. Tatsächlich ist Tatort: Stau dann auch in erster Linie ein Mikrokosmos, in dem es um die verschiedenen Figuren und ihre jeweiligen Geschichten geht. Die können mal amüsant und skurril sein, dann wieder tieftraurig. Die meisten davon sind absolut gleichberechtigt, es handelt sich hier um einen Ensemblefilm im besten Sinn.

Klar ist das konstruiert ohne Ende, hier geht es um Zuspitzung, nicht Realismus. Das lässt sich aber verschmerzen. Enttäuschender ist da schon, dass Tatort: Stau als Krimi wenig befriedigend ist. Während Bootz und Lannert von Tür zu Tür gehen, gibt es zwar regelmäßig neue Hinweise, ohne aber dass es tatsächlich voranginge. Die Auflösung kommt dann völlig aus dem Nichts, so als wäre es Brüggemann letztendlich egal gewesen, wer es denn nun genau gewesen ist, und hätte an der Stelle nur den Vertrag erfüllen wollen. Auch darauf muss man sich bei diesem etwas anderen Krimi einlassen können. Dennoch, in der wöchentlichen Flut ewig gleicher TV-Krimis ist dieser hier einer der interessanteren und einfallsreicheren. Allein schon wegen der Bereitschaft, die Gesetze des Genres mal anders auszulegen, ist es gerechtfertigt, bei dieser nervlichen Tortur freiwillig mitzumachen.

Credits

OT: „Tatort: Stau“
Land: Deutschland
Jahr: 2017
Regie: Dietrich Brüggemann
Drehbuch: Dietrich Brüggemann, Daniel Bickermann
Musik: Dietrich Brüggemann
Kamera: Andreas Schäfauer
Besetzung: Richy Müller, Felix Klare, Rüdiger Vogler, Amelie Kiefer, Bernd Gnann, Susanne Wuest, Jacob Matschenz, Sanam Afrashteh, Julia Heinemann, Eckhard Greiner

Bilder

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Tatort: Stau
Fazit
„Tatort: Stau“ ist eine interessante Variante des bekannten Krimis, bei dem unter zahlreichen Leuten, die in einem Stau festhängen, der Täter oder die Täterin gefunden werden muss. Das lohnt sich vor allem als Mikrokosmos der unterschiedlichsten Typen. An den Krimi selbst sollte man hingegen keine zu großen Erwartungen haben.
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