Kritik

Tatort Der feine Geist

„Tatort: Der feine Geist“ // Deutschland-Start: 1. Januar 2021 (Das Erste)

Als Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) Zeuge werden, wie vor einem Juwelier ein Geldbote erschossen wird, heißt es nichts wie hinterher. Doch obwohl die beiden großen Einsatz zeigen, am Ende konnte der Täter entkommen. Während ihr Chef Kurt Stich (Thorsten Merten) überzeugt ist, dass es sich bei der Tat um einen Raubmord handelt, vermutet Kira, dass mehr hinter der Sache steckt. Die Spurensuche führt bald zu dem Sicherheitsunternehmen „Geist Security“ von John Geist (Ronald Zehrfeld), dessen Geschäftsführer der Verstorbene war. Doch weshalb sollte man es auf ihn abgesehen haben?

Zeit für einen Neuanfang

Neues Jahr, neues Glück. Nachdem das Jubiläumsjahr des Dauerbrenners Tatort mit dem leider fatal missglückten Unter Wölfen endete, geht es 2021 dafür mit einem echten Knaller los. Das war ein bisschen mit Ansage, schließlich ließ es sich ein Boulevardblättchen im gewohnt schlechten Stil nicht nehmen, eine Wendung des Krimis vorab zu verraten. Und die hat es tatsächlich in sich. Doch man würde dem elften Fall des Teams Dorn und Lessing unrecht tun, würde man ihn nur auf Plottwists reduzieren wollen. Dafür ist er schon vorher zu interessant und eigenwillig, teils auch zu überraschend.

Dabei gibt es einiges, was man bereits aus den vorangegangenen Teilen kennt. Ein Höhepunkt der Reihe waren beispielsweise immer die Interaktionen zwischen dem Ermittlerduo, das auch privat liiert ist. Das gilt prinzipiell auch für Der feine Geist, selbst wenn hier die humoristischen Lasten gleichmäßiger verteilt sind. So gibt es etwa regelmäßig Diskussionen zwischen Dorn und Stich, die nicht minder absurd sind. Da wird ganz gern mal auf eine Weise aneinander vorbei geredet, als würden sich die Leute nicht am selben Ort befinden. Ohnehin sind in dem Film viele der Figuren in erster Linie mit sich selbst beschäftigt, weswegen der Fall da schon mal in Vergessenheit geraten kann.

Dabei gibt es hier ja noch einen Mord aufzuklären. Genauer sind es sogar mehrere. Zumindest in Grundzügen ist Tatort: Der feine Geist ein klassischer Whodunnit, wenn auf eine Leiche mehrere Verdächtige kommen und die Frage geklärt werden muss: Und wer davon war es jetzt? Wobei die interessantere Frage diesmal die nach dem „warum“ ist, da die Figurenzahl schon recht überschaubar ist, nahezu alle, die für die Tat in Frage kommen, arbeiten in besagtem Sicherheitsunternehmen. Das macht die Auswahl nicht besonders vielseitig. Aber dafür gibt es andere Faktoren, welche die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen, darunter ein doch recht spezielles Hobby von Geist.

Ein geistreicher Mix

Ein Humor, der zwischen Sprachwitz, Kalauern, Spott und Kuriosem hin und her tänzelt, verbunden mit einem klassischen Krimi, das klingt schon nach einer gewissen Herausforderung. Und das ist noch nicht mal alles. Genauer baute Drehbuchautor Murmel Clausen, der an nahezu allen Ausgaben vom Tatort Weimar beteiligt war, auch noch dramatische Elemente ein. An manchen Stellen wird es darüber hinaus richtig surreal, was durch die unwirklichen, sehr atmosphärischen Bilder noch weiter verstärkt wird. Nicht nur an diesen Stellen dürften sich so manche im Publikum fragen: Was genau ist das jetzt? Was will dieser Film eigentlich? Und was will er von mir?

Dass der Tatort entgegen seines Rufes, ein steifer, überholter TV-Dino zu sein, immer mal wieder ein wenig Genregrenzen austestet, das dürften regelmäßige Zuschauer und Zuschauerinnen wissen. Das geht nicht immer gut, wie vor einigen Wochen Die Ferien des Monsieur Murot zeigte, eine unentschlossene Mischung aus Romanze, Groteske und Krimi. Der feine Geist ist in der Hinsicht zwar noch etwas konfuser, aber ungleich unterhaltsamer. Das wird einigen zu weit gehen, da werden sich sicherlich in mehrfacher Hinsicht die Geister scheiden. Zumindest aber bleibt die 1151. Folge in Erinnerung und zeigt auf, dass man noch immer dazu bereit ist, einmal etwas Neues auszuprobieren. Insofern ist es recht schade, dass im Schluss Dorn und Lessing pausieren werden und kein weiterer Fall für 2021 geplant ist.

Credits

OT: „Tatort: Der feine Geist“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Mira Thiel
Drehbuch: Murmel Clausen
Musik: Dürbeck & Dohmen
Kamera: Moritz Anton
Besetzung: Nora Tschirner, Christian Ulmen, Ronald Zehrfeld, Inga Busch, Jördis Trauer, Florian Kroop, Thorsten Merten, Arndt Schwering-Sohnrey

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Tatort: Der feine Geist
Mal Komödie, dann klassischer Krimi, zwischendurch auch Drama: „Tatort: Der feine Geist“ wandelt zwischen den Genres, scheut sich dabei nicht davor zurück, kurios, albern, teils surreal zu sein. Das wird sicher nicht jedem gefallen. Doch wer sich auf den eigenwilligen Mix einlassen kann und ein Faible für das Sonderbare hat, der sieht hier einen der spannendsten Fälle der letzten Zeit.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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