Kritik

Tatort Die Ferien des Monsieur Murot

„Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot“ // Deutschland-Start: 22. November 2020 (Das Erste)

Eigentlich wollte Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) nur mal so richtig schön Urlaub machen. Doch es kommt anders. Erst begegnet er in einem Restaurant dem verheirateten Gebrauchtwagenhändler Walter Boenfeld (ebenfalls Ulrich Tukur), der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Und dann muss er nach einer feuchtfröhlichen Nacht mit seinem Doppelgänger feststellen, dass dieser tot ist, auf der Landstraße muss ihn jemand überfahren haben. Um der Sache auf den Grund zu gehen, beschließt Murot, erst einmal die Identität des Verstorbenen anzunehmen und so heimlich ermitteln zu können. Einen ersten Verdacht hat er auch schon, wer dahinter stecken könnte: Monika (Anne Ratte-Polle), Walters Frau …

Dass Grzegorz Muskala ein Händchen für stilvolle Verneigungen vor vergangenen Filmen hat, das ist bekannt, das bewies er vor Jahren schon in seinem Mystery-Thriller Die Frau hinter der Wand, das mit betörenden Bildern das Seltsame zelebrierte. Der inzwischen zum TV-Krimifach gewechselte Regisseur und Co-Autor verzichtet bei Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot zwar auf das Unheilvoll-Klaustrophobische. Das Setting der beklemmenden Wohnung wurde gegen einen Urlaubsort eingetauscht, an dem immer die Sonne scheint, die Natur idyllisch und offen ist. Die Handschrift ist aber auch so wiederzuerkennen.

Erinnerung an Humor
Der Titel selbst spielt dabei natürlich an Die Ferien des Monsieur Hulot an, den Komödienklassiker des großen Humoristen Jacques Tati, der in seinen Filmen ganz beiläufig die Absurditäten des Alltags und die Marotten seiner Mitmenschen bloßlegte. Und auch eine Tennisszene im neuen Tatort versteht sich als Hommage an den französischen Film, der seinerzeit sogar eine Nominierung für das beste Drehbuch erhielt – bei fremdsprachigen Produktionen bekanntlich eine Seltenheit. Bei Muskala wird es dafür wohl kaum reichen, was nicht nur an der mangelnden Kinoauswertung liegt, sondern auch daran, dass das zusammen mit Ben Braeunlich (Agnes) geschriebene Drehbuch irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes ist.

Dass ein Tatort nicht auf einmal das Genre hinter sich lässt und zur Komödie wechselt, das war natürlich klar. Am Ende geht es dann doch in erster Linie darum, dem Publikum einen Mord zu liefern und diesen aufklären zu wollen. Dennoch schleicht sich immer wieder das Gefühl ein, dass Muskala daran eigentlich kein besonders großes Interesse hatte. Das war in Die Frau hinter der Wand natürlich ähnlich, wo der Inhalt gelinde gesagt sparsam war, der in Polen geborene Filmemacher vor allem Arbeit in die Atmosphäre investierte. Wenn Murot durch das Leben seines Doppelgängers schleicht, dann geht es mehr um den persönlichen Aspekt, weniger um den kriminologischen.

Die Suche nach dem Selbst
Das ist nicht ganz ohne Reiz, sowohl für den Polizisten wie auch das Publikum. Wie wäre es, sein eigenes Leben noch einmal komplett hinter sich zu lassen? Jemand anderes zu werden, mit einer neuen Geschichte? Der TV-Krimi, der beim Filmfestival Oldenburg 2020 Premiere hatte, wandelt sich mit der Zeit deshalb stärker in eine Dramarichtung, verbunden mit einer Liebesgeschichte. Schließlich ist da noch Monika, eine Frau, die plötzlich ohne Mann da steht. Warum also nicht einfach die Lücken schließen, die der Tod des anderen hinterlassen hat? Da schwingt durchaus eine Sehnsucht von Murot mit, einen anderen Platz zu haben, an den er gehört.

Auch aus diesem Aspekt hätte man einiges machen können. Leider bleiben die Fragen zur Identität und dem eigenen Einfluss darauf wie so vieles sehr oberflächlich. Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot mixt etwas skurrilen Humor mit Tätersuche, Selbstzweifeln mit Romantik, bis am Ende nicht mehr klar ist, was der Film eigentlich wollte oder sollte. Richtig spannend ist der Film damit nicht, so wie er von allem zu wenig bietet. Die Mischung ist so eigenartig, dass das zwar als Alternative für die handelsüblichen TV-Krimis durchgeht. Aber nur weil etwas anders ist, ist es nicht automatisch gut.

Credits

OT: „Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Grzegorz Muskala
Drehbuch: Grzegorz Muskala, Ben Braeunlich
Musik: Bertram Denzel
Kamera: Carol Burandt von Kameke
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Anne Ratte-Polle, Thorsten Merten, Carina Wiese, Michael Hanemann, Moritz Führmann, Lena Kalisch

Bilder

Trailer



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Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot
In „Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot“ begegnet der Kommissar einem Doppelgänger, der kurze Zeit später stirbt, und schlüpft in dessen Leben, um herauszufinden, was vorgefallen ist. Das Szenario ist ungewöhnlich. So richtig geht die Mischung aus skurrilem Humor, Drama, Liebesgeschichte, Identitätsfragen und Krimi aber nicht auf, da das alles zu sehr an der Oberfläche bleibt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. M.B.

    Für mich ist das kein Krimi, schon gar kein guter. Ein guter Krimi, indem des um die Aufklärung einer Straftat geht, sollte für mich durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Charakteren, die den Fall aufklären, auf jeden Fall den gesamten Film hindurch immer mal wieder zum Lachen oder zumindest Schmunzeln sein, aber wie gesagt, durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Charakteren.
    Dieser Tatort hat nichts davon. Hab nicht einmal geschmunzelt.
    Ulrich Tukur sollte besser depressive Rollen spielen, oder zumindest was Dramatisches oder Trauriges; lustig geht gar nicht.
    Ich könnte noch ganz viel negative Kritik zu
    Handlung und Kommunikation sagen , aber dafür ist mir meine Zeit zu schade.

    Antworten

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