Tatort: Kehraus
© BR/Lieblingsfilm GmbH/Luis Zeno Kuhn/Peter Nix

Tatort: Kehraus

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„Tatort: Kehraus“ // Deutschland-Start: 27. Februar 2022 (Das Erste)

Inhalt / Kritik

Bunt verkleidete Menschen, ganz viel Luftschlangen und komische Musik und noch mehr Alkohol: Ganz München ist auf, um mal wieder so richtig Fasching zu feiern. Nur bei Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) hält sich die Feierlaune sehr in Grenzen, schließlich wurde die Leiche eines 70-jährigen Mannes gefunden. Eine Spur führt in Irmis Stüberl, wo das Opfer zuvor kräftig Streit hatte. Auch das Rotkäppchen war in diesen Streit verwickelt, ist aber so besoffen, dass es nicht mehr wirklich ansprechbar ist. Eine Nacht in der Ausnüchterungszelle später stellt sich die Verdächtige als Silke Weinzierl (Nina Proll) heraus, eine ambitionierte nicht mehr ganz junge Jungunternehmerin, die unter finanziellen und privaten Problemen zu leiden hat. Und offensichtlich nicht alles verrät, was sie weiß …

Die Tragik der Narren

Nachdem die Dortmunder Ausgabe vom Tatort vergangene Woche mit Liebe mich! einen der wohl tragischsten Teile der letzten Jahre vorgelegt hat, war es erwartungsgemäß ein bisschen schwierig für die Münchner, an die emotionale Wucht der Kollegen anknüpfen zu können. Und zumindest anfangs sieht es auch gar nicht danach aus, als würde Kehraus überhaupt in eine ernste Richtung gehen wollen. Krachend polternde Faschingsfeiern sind nicht unbedingt ein naheliegendes Szenario für ein bisschen Nachdenklichkeit. Aber das täuscht, wie schon der Titel ein wenig ankündigt. „Kehraus“ bezeichnet schließlich die Endphase der Feierlichkeiten, wo es noch einmal richtig doll zugeht, bevor dann der Müll entsorgt werden kann.

Der gleichnamige Film von 1983 nutzte dieses Setting, um sich satirisch mit der Versicherungsbranche auseinanderzusetzen. Bei Tatort: Kehraus fehlt etwas Vergleichbares. Überhaupt ist Humor hier eine sehr seltene Angelegenheit, auch wenn der Einstieg eine komische Richtung nahelegt. Da sind zwar groteske Kostüme, in denen sich die Leute ins Getümmel stürzen. Und auch die Ausführungen von Weinzierl, die immer noch davon träumt, irgendwie eine ganz große Geschäftsfrau zu werden, darf man belächeln. Gleichzeitig ist es aber auch tragisch, wie hier eine Frau, die so langsam auf die fünfzig zugeht, noch immer kindischen Träumen hinterherläuft. Wie sie an einem Bild festhält, von dem so ziemlich alle anderen wissen, dass es nicht funktioniert – und damit das zu verlieren droht, was sie noch hat. Vor allem ihr Sohn aus der gescheiterten Ehe bleibt dabei auf der Strecke.

Gutes Drama, schwacher Krimi

Das erinnert ein wenig an das zwei Wochen zuvor ausgestrahlte Saras Geständnis. Auch dort folgten wir einem Partygirl, das in eine mörderische Angelegenheit hineingezogen wurde. In beiden Fällen gleicht der Film zudem mehr einem Psychodrama, bei dem die  Protagonistin auf der Suche nach sich selbst ist. Tatort: Kehraus ist die Geschichte eines Scheiterns. Während bei obigen Film jedoch zumindest versucht wird, ein Leben danach anzugehen, ist Weinzierl in einer Dauerschleife gefangen aus Hoffen und Bangen, aus Absturz und Neuanfang. Das kann man dann bewundernswert finden, wie sie sich von der Realität nicht beeindrucken lässt, zumal Nina Proll die geborene Verliererin ist. Wie sie gegen die eigene Bedeutungslosigkeit ankämpft, das ist schon bemerkenswert traurig.

Als Krimi ist der 1191. Fall der ARD-Krimireihe jedoch kaum zu empfehlen. So erfährt man schon viel zu früh, worum es bei dem Ganzen geht. Außerdem ist die Geschichte ein irgendwie plumper Versuch, das alles größer aufzuziehen. Da wollte man sich mal wieder als mehr verkaufen, als man ist. Dadurch ist Tatort: Kehraus nicht mehr als ein durchschnittlicher Film innerhalb des Dauerbrenners, der zwischendurch zwar zeigt, dass da mehr drin gewesen wäre, am Ende an den eigenen Ambitionen scheitert. Wenn er wenigstens interessant scheitern würde, so wie es ein paar experimentelleren Teilen ergangen ist. Aber das hier ist dann doch eine recht biedere Veranstaltung, von der nicht mal ein Kater bleibt.

Credits

OT: „Tatort: Kehraus“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Christine Hartmann
Drehbuch: Stefan Betz, Stefan Holtz
Musik: Fabian Römer
Kamera: Peter Nix
Besetzung: Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Ferdinand Hofer, Nina Proll, Moritz Vierboom, Lennox Völklein, Johanna Bittenbinder, Thomas Unger

Bilder

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Tatort: Kehraus
Fazit
Während Fasching wird ein Mann ermordet, die Ermittlungen konzentrieren sich auf ein besoffenes Rotkäppchen. Das hätte sich eigentlich als Komödie angeboten. Stattdessen ist „Tatort: Kehraus“ ein Drama über eine Verliererin, die immer noch glaubt, sie könne es schaffen. Während das zum Teil sehenswert sind, ist der Krimipart völlig uninteressant.
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