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Tatort Was wir erben

„Tatort: Was wir erben“ // Deutschland-Start: 25. April 2021 (Das Erste)

Als Elisabeth Klingler (Marie Anne Fliegel) ihre näheren Verwandten um sich schart, um die neue Erbfolge zu regeln, staunen diese nicht schlecht. Anstatt das Familienanwesen einem der Kinder zu vermachen, soll dieses an die bei ihr angestellte Gesellschafterin Elena Zelenko (Wieslawa Wesolowska) gehen. Tochter Gesine (Jenny Schily), Sohn Richard (Jan Messutat) und Enkelin Toni (Johanna Polley) sind außer sich vor Wut, fühlen sich um ihr Erbe betrogen. Kurze Zeit später liegt Klingler am Ende der Treppe, die sie hinabgestürzt sein muss. Doch wie kam es dazu? Hat die herzkranke Frau einen Schwächeanfall erlitten oder hat jemand nachgeholfen? Als Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) in der Sache ermitteln, erkennen sie bald, dass es auf beiden Seiten düstere Geheimnisse gibt …

Geld als Mordmotiv

Kaum ein Mordmotiv ist stärker als der Drang, einen finanziellen und wirtschaftlichen Vorteil zu ziehen. Geld regiert dabei nicht nur die Welt, wie wir wissen. Es tötet sie auch. In Krimis kann das viele Folgen annehmen, sei es ein Überfall oder der Schutz des eigenen Eigentums. Hoch im Kurs stehen in solchen Fällen Erbstreitigkeiten. Denn wo viel zu holen ist, da steigt auch die Bereitschaft Hand anzulegen – oder auch Messer und Pistole, je nach Ausrüstungslage. Wenn Tatort: Was wir erben damit beginnt, dass eine reiche Witwe aus heiterem Himmel den wertvollen Besitz an eine Quasi-Fremde überträgt, dann weiß man als Zuschauer bzw. Zuschauerin sofort: Die wird nicht lange leben. Ebenso klar ist, dass in Folge herausgefunden werden muss, wer der diversen Verdächtigen die Tat denn nun begangen hat. Und wie.

Referenzmaterial für solche Geschichten gibt es daher genug. Dieses Jahr gab es mit Der Zürich-Krimi: Borchert und die Zeit zu sterben und Tatort: Schoggiläbe im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon zwei weitere Fälle, bei denen ein Familienoberhaupt und Unternehmensvorstand vorzeitig aus dem Leben schied, was zu einem Gemetzel innerhalb der Verwandtschaft führt. Vor allem der zweite Film bietet sich als Vergleich an, da beide die reguläre Suche nach dem Täter oder der Täterin mit gesellschaftlichen Themen verbinden. Da wäre zum einen der naheliegende Gegensatz von Arm und Reich, wenn das nach außen hin so nett erscheinende Familienunternehmen – Spezialität Schokokirschen – in Wahrheit skrupellos agiert. Gerade Gesine und Richard blicken auf Leute aus einfachen Verhältnissen herab, mit zum Teil sehr ruppigem Umgangston.

Gut gemeinte Langeweile

Und für den Fall, dass das Publikum das nicht auf Anhieb erkennt, darf es sich diverse Metakommentare zum Thema anhören, vorgetragen vom Ermittlerduo. Das ist dann alles gut gemeint von Drehbuchautor Patrick Brunken. So richtig überzeugend ist der 1165. Fall der ARD-Krimireihe in der Hinsicht aber nicht. Oft sind diese Passagen zu gewollt, kümmern sich nicht darum, ob die Dialoge natürlich sind. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass Was wir erben eine dieser Tatort-Folgen ist, bei denen dem Publikum etwas beigebracht werden soll. Bei denen es mehr um eine Aussage geht, anstatt die Leute „nur“ unterhalten zu wollen. Das gilt insbesondere im späteren Verlauf, wenn die hässliche Vorgeschichte des Unternehmens beleuchtet wird und es wie so oft um Gräueltaten während des Dritten Reiches geht.

Das Problem ist dabei weniger, dass Tatort: Was wir erben mit Erbschaftstreitigkeiten und der Verdrängung von Vergangenheit keine besonders originelle Geschichte erzählt. Der Film findet auch keinen Weg, das alles auf interessante Weise zu erzählen. Die Figuren der Gegenseite entsprechen weitestgehend Klischees oder sind holprig beschrieben, das Ermittlerduo ist ebenfalls eher langweilig. Da war Tatort: Das fleißige Lieschen im letzten Jahr deutlich wuchtiger. Insgesamt sollte man sich von dem Krimi daher keine Hochspannung erwarten, man trottet hier etwas behäbig durch die Gegend. Es ist nicht einmal so, dass die Auflösung sonderlich überraschend ist. Das ist dann in der Summe alles noch irgendwie in Ordnung anzusehen, erfüllt den Zweck. Mehr aber auch nicht. In einem derart umkämpften Segment wie dem des TV-Krimis ist das hier nicht wirklich genug.

Credits

OT: „Tatort: Was wir erben“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Franziska Schlotterer
Drehbuch: Patrick Brunken
Musik: Johannes Lehniger, Sebastian Damerius
Kamera: Stefan Sommer
Besetzung: Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner, Jenny Schily, Jan Messutat, Johanna Polley, Janina Elkin, Wieslawa Wesolowska

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3.6/5 - (15 votes)
Tatort: Was wir erben
In „Tatort: Was wir erben“ vererbt eine reiche Matriarchin erst das Familienanwesen an eine Angestellte, kurze Zeit später stürzt sie eine Treppe herunter. Der Film kombiniert dabei einen typischen Krimifall mit der Aufarbeitung alter, düsterer Geheimnisse und gesellschaftlichen Kommentaren. Das ist dann alles gut gemeint, aber nicht sonderlich aufregend.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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