Inhalt / Kritik

Tatort Luna frisst oder stirbt

„Tatort: Luna frisst oder stirbt“ // Deutschland-Start: 31. Oktober 2021 (Das Erste)

Luise Nathan (Jana McKinnon) hat das Zeug, der neue Star im Literaturhimmel zu werden, ihre Mischung aus Poesie und ungeschminkter Schilderung einer hässlichen Welt kommt an. Umso großer ist der Schock, als sie nur wenige Stunden nach der Release-Party ihres Debütromans tot aufgefunden wird. Ein Selbstmord, so scheint es. Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) kommen dabei aber schon bald Zweifel. Auf ihrer Suche nach Antworten fühlen sie nicht nur Verlagschef Roland Häbler (Clemens Schick) und Lektor Marvin Gess (Thomas Prenn) auf den Zahn. Vor allem Luises Freundin Nellie (Lena Urzendowsky) rückt in den Fokus der Ermittlungen, da sie mehr über den Roman zu wissen scheint, als sie zugeben will …

Inhaltlich etwas dünn

Zuletzt zeigte sich der oft gescholtene, aber noch immer unvermindert populäre Tatort nicht unbedingt von seiner besten Seite. Zwar gab es sowohl in Unsichtbar wie auch Blind Date interessante Ideen und Elemente, welche die Grundlage für spannende Filme hätten sein können. Der eine kombinierte Body Horror mit Science-Fiction, der andere beschäftigte sich vorrangig mit sozial gestörten Figuren. Bei der konkreten Ausführung haperte es jedoch gewaltig, das war zum Teil schon erschreckend plump. Vor allem Fans eher klassischer Krimis kamen dabei kaum auf ihre Kosten, da sich die jeweiligen Drehbuchteams wenig dafür interessierten. Fesselnd war keiner der Filme, vielmehr gingen sie einem viel zu schnell ziemlich auf die Nerven.

Bei Tatort: Luna frisst oder stirbt, dem 1176. Teil der ARD-Krimireihe, sieht es da schon wieder deutlich besser aus. An dem eigentlichen Fall liegt das aber nur bedingt. Zwar kommt das hier wieder einem traditionellen Whodunnit näher, wenn sich im Umfeld des Opfers mal wieder alle sehr verdächtig verhalten. Und natürlich trägt irgendwie jeder, denen Janneke und Brix begegnen, irgendwelche dunklen Geheimnisse mit sich herum. Glaubwürdig ist das weniger. Zum Ende hin wird es auch unnötig verworren, geradezu abstrus. Aber das muss ja noch nicht zwangsläufig schlecht sein. Nicht jeder Krimi wird dazu auserkoren, die Welt als solche zu zeigen und sich als Spiegel der Gesellschaft zu verstehen. Manchmal darf ein Krimi auch einfach nur unterhalten.

Ein Rausch roher Emotionalität

Tatort: Luna frisst oder stirbt tut das, zumindest streckenweise. Allerdings muss man sich schon auf die etwas spezielle Form der Darstellung einlassen können. So macht Regisseurin und Co-Autorin Katharina Bischof (Ein Schritt zu viel) früh klar, dass das Buch von Luise keine reine Fiktion ist, sondern ihre Quellen in der Welt da draußen hat. Das ist nicht sonderlich überraschend, braucht man solche Schnittstellen doch, um mögliche Motive zu basteln. Ungewöhnlich ist jedoch, wie die Realität der Welt und die Texte des Buches immer wieder ineinander übergreifen. Da mischen sich Gegenwartsaufnehmen mit Flashbacks, beide werden mit Voiceovers versehen, die Passagen aus dem Roman vorlesen. Wo da das eine aufhört und das andere anfängt, ist nicht immer ganz leicht zu erkennen.

Das kann schon ein wenig anstrengend sein, da der Film einem nur wenig Ruhepausen gönnt. Auch wenn die Handlung für sich genommen wenig spektakulär ist – ein bisschen herumlaufen, befragen, zwischendurch lesen –, durch die ständigen Sprünge droht da schon eine kleine Reizüberflutung. Aber eben auch ein Reiz: Tatort: Luna frisst oder stirbt hat schon etwas Rauschartiges, verbunden mit einer rohen Emotionalität, die sich hemmungslos zur Schau stellt. Selbst wenn die Figuren nicht unbedingt die großen Sympathieträger sind, eigentlich mag man hier praktischen niemanden, so hinterlässt die Tour de Force doch Spuren. Da sieht man dann sogar darüber hinweg, wie oberflächlich hier vieles gezeichnet ist, für Tiefgang ist in der Dauerbeschallung kein Platz.

Credits

OT: „Tatort: Luna frisst oder stirbt“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Katharina Bischof
Drehbuch: Katharina Bischof, Johanna Thalmann
Musik: Richard Ruzicka
Kamera: Julia Daschner
Besetzung: Margarita Broich, Wolfram Koch, Jana McKinnon, Lena Urzendowsky, Tinka Fürst, Nicole Marischka, Clemens Schick, Thomas Prenn

Bilder

Noch mehr Tatort

Wer noch weitere Tatort-Teile sehen möchte oder sich für die Geschichte der beliebten Krimireihe interessiert: In unserem Themenspecial erzählen wir euch mehr über den Dauerbrenner von den holprigen Anfängen bis heute, inklusive einer Liste zu sämtlichen bis heute ausgestrahlten Filmen! Dazu findet ihr unten noch eine Liste mit all unseren Tatort-Rezensionen.

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Tatort: Luna frisst oder stirbt
„Tatort: Luna frisst oder stirbt“ beginnt mit dem vermeintlichen Selbstmord einer Nachwuchsautorin und wird anschließend zu einer Tour de Force, in der geschriebene und gelebte Realität ständig ineinander übergehen. Der Fall selbst ergibt nicht sonderlich viel Sinn, die Dauerbeschallung und die rohe Emotionalität hinterlassen aber Eindruck.
6von 10
Leserwertung: (14 Votes)
4.7

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort