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„Tatort: Wo ist Mike?“ // Deutschland-Start: 16. Mai 2021 (Das Erste)

Als der 5-jährige Mike spurlos verschwindet, ist die Aufregung groß bei dessen Eltern (Linda Pöppel, Andreas Pietschmann) – umso mehr, da sie jeweils davon ausgegangen waren, dass der Junge beim jeweils anderen ist. Als Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) in dem Fall ermitteln, stoßen sie bald auf die Spur des Lehrers Rolf Glawogger (Sylvester Groth), dem vorgeworfen wird, sich an mehreren Schülern vergriffen zu haben. Für Ringelhahn bedeutet das einen großen Schock, schließlich ist sie selbst ausgerechnet mit diesem liiert und hatte keine Ahnung von dem Vorwurf. Währenddessen wird der 17-jährige Titus (Simon Frühwirth) unbekleidet aufgegriffen, nachdem der wieder einen psychotischen Anfall hatte …

Zwischen Suchen und Finden

Ein Junge geht verloren, ein anderer wird dafür gefunden: Tatort: Wo ist Mike? beginnt mit zwei Handlungssträngen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und die doch offensichtlich zusammengehören. Überhaupt: In dem 1168. Fall der ARD-Krimireihe geht es viel um das Verlieren und Finden. Manchmal auch nur das Gefühl, verloren zu sein. Wenn wir am Anfang Voss sehen, der sich in einem virtuellen „Spiel“ verliert, welches die Realität von Kindesmissbrauch verdeutlichen soll, dann verschwimmen schon mal die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Alles ist echt und nichts ist echt. Vielleicht nicht einmal die Liebe.

Regisseur Andreas Kleinert setzt dabei auch auf visuelle Verfremdungen. Das betrifft insbesondere den Strang um Titus, der sich immer wieder in Wahnvorstellungen verliert. Ähnlich zum vorangegangenen Tatort: Verschwörung verändern sich in diesen Szenen schon einmal die Umgebung und die Menschen, die wir sehen, werden zu einer surrealen, teils furchteinflößenden Fratze. Der reale Horror, ein Kind zu verlieren – sei es weil es wie Mike verschwindet oder wie Titus zum Gefangenen von Wahnvorstellungen wird – verbindet sich auf diese Weise mit einem Horror, der nie ganz von dieser Welt zu sein scheint. Wo ist Mike? versucht das Unaussprechliche anzusprechen, das nicht Sichtbare zu zeigen. Auch dann, wenn man es eigentlich gar nicht sehen will.

Mehr Drama als Krimi

Krimifans werden mit Tatort: Wo ist Mike? daher eher weniger glücklich werden. Natürlich gibt es die Frage, wo der Junge geblieben ist. Gibt es Verdächtige, allen voran der Vater, von dem es heißt, er könnte vielleicht gewalttätig sein. Der Lehrer, der Kinder missbrauchen soll. So richtig viel gerätselt wird aber trotzdem nicht. Was genau vorgefallen ist, das wird eigentlich recht früh klar. Man wartet vielmehr auf das Unvermeidliche, wenn Vermutungen zu Gewissheit werden und die Antworten vorliegen, die eine Erklärung liefern, ohne wirklich einen emotionalen Abschluss zu ermöglichen. Manchmal ist die Welt einfach nur ein hässlicher Ort, bei dem nichts stimmt und aus Egoismus auch noch der Rest kaputt gemacht wird.

Das erinnert unter anderem an Tatort: Goldbach. Auch da ging es um verschwundene und tote Kinder, trat die Frage nach dem Tatvorgang hinter die zurück, wie es danach eigentlich weitergehen soll. Das wird für manche sicherlich zu langweilig sein. Der Film ist mehr Drama als Krimi, beschäftigt sich mit den Menschen und ihren tragischen Geschichten, nicht mit Verbrechen. Wer sich darauf einlassen kann, auf diese Trauer und Verzweiflung, auf eigene und unverschuldete Abgründe, der wird in Wo ist Mike? wie nur selten in dieser Reihe emotional durch die Mangel genommen. Am Ende wartet höchstens der Trost, dass nicht jeder Verlust ein solcher sein muss. Dass es manchmal vielleicht besser ist, die Wahrheit nicht zu kennen und in seiner eigenen Welt zu bleiben.

Credits

OT: „Tatort: Wo ist Mike?“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Andreas Kleinert
Drehbuch: Thomas Wendrich
Musik: Daniel Michael Kaiser
Kamera: Michael Hammon
Besetzung: Fabian Hinrichs, Dagmar Manzel, Sylvester Groth, Simon Frühwirth, Andreas Pietschmann, Linda Pöppel, Bettina Hoppe, Tilo Nest

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Tatort: Wo ist Mike?
„Tatort: Wo ist Mike?“ handelt zwar von einem verschwundenen Jungen, ist aber kein Thriller. Auch der kriminologische Aspekt hält sich in Grenzen. Stattdessen geht es hier um Wahrnehmung und Wahrheit, aber auch darum, in dieser Welt verloren zu gehen. Das ist weniger spannend als vielmehr tragisch, nimmt einen stärker mit als viele andere Teile des Dauerbrenners.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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