Kritik

Tatort Unter Wölfen

„Tatort: Unter Wölfen“ // Deutschland-Start: 26. Dezember 2020 (Das Erste)

Der Baggerfahrer staunt nicht schlecht, als er bei der Arbeit auf einmal eine Leiche in der Schaufel findet. Die stellt sich bald als Timur Kerala heraus, der einen aufstrebenden Sicherheitsdienst betrieb, bevor er von jemandem ermordet wurde. Die Ermittlungen der Ludwigshafener Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) führen sie schnell auf die Spur von Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein), der derzeitige Platzhirsch in dem Milieu. Gleichzeitig wächst bei Odentahl die Sorge um Daphne Kerala (Annika Blendl), die Exfrau des Verstorbenen, und deren junge Tochter Lucy (Lucy Loona), die in diese Geschichte hineingezogen werden …

Krimiwestern in Ludwigshafen

Unter den vielen Ermittlern und Ermittlerinnen, die im Auftrag der Tatort-Reihe den deutschsprachigen Raum nach Kriminalfällen abklappern, ist sie die dienstälteste: Seit 1989 ist Lena Odenthal bereits unterwegs, viele Dutzend Male hat sie bereits in Ludwigshafen und Umgebung Morde und andere Verbrechen aufgeklärt. Nun führt sie ihre Berufung in das Milieu der Sicherheitsdienste und Türsteher. Denn auch wenn kurz der Verdacht im Raum steht, dass es jemand auf den Ferrari des Verstorbenen abgesehen haben könnte oder vielleicht auch private Motive vorlagen, eigentlich lässt Unter Wölfen von Anfang an keinen Zweifel daran, dass die Antwort im beruflichen Umfeld zu suchen ist.

Um einen klassischen Whodunnit wie die Woche zuvor Unten handelt es sich bei Unter Wölfen daher nicht, nicht die Suche nach dem „wer“ steht im Mittelpunkt. Vielmehr verlagert sich der Schwerpunkt bald darauf, wie der Täter zu überführen ist. Aber auch: Wie lassen sich weitere Verbrechen von diesem verhindern? Damit geht auch eine Genreverschiebung einher. Was anfangs noch stark im Krimibereich verwurzelt ist, wandelt sich in einen Thriller. Hinzu kommen Western-Anleihen, wenn es auf einen Showdown zwischen Odentahl und Arentzen hinausläuft. Da wird kräftig gedroht, von beiden Seiten aus, Waffen dürfen auch nicht fehlen, die braucht man schließlich sowohl beim Begehen von Verbrechen wie auch bei deren Bekämpfung.

Klischees und weitere Mängel

Während diese leichten Westernanleihen nicht ohne Reiz sind, gerade auch verbunden mit dem Schauplatz Ludwigshafen, der einem in der Hinsicht nicht unbedingt als erstes einfällt, mangelt es jedoch ansonsten an allen Ecken und Enden. So ist der besagte Showdown beispielsweise eine herbe Enttäuschung. Da wird dann zwar versucht, durch Quantität irgendwie Spannung zu erzeugen, was aber so gar nicht funktioniert. Geradezu amateurhaft wirkt es, wie hier Polizei und organisiertes Verbrechen sich gegenüberstehen, sowohl auf den Inhalt wie auch die Inszenierung bezogen. Sicher braucht man in einem Tatort kein Hollywood-Schnittgewitter, um Rasanz vorzutäuschen, wo keine ist. Wenn die Alternative aber so aussieht, dann kann man es auch gleich bleiben lassen. Das ist bestenfalls unfreiwillig komisch.

Wobei die Probleme schon viel früher anfangen. So sind Regisseur und Drehbuchautor Thomas Bohn nur reihenweise Klischees eingefallen, egal ob es nun um die Charaktere geht oder die Geschichte. Da wurden lediglich lieblos Elemente zusammengeklatscht, wie sie sich Laien eben so vorstellen. Die Dialoge sind teilweise eine Katastrophe, wobei nicht immer ganz klar ist, ob das nun an dem Text oder den schauspielerischen Leistungen liegt. Dafür ist beides letztendlich zu dürftig. Gerade für eine derart langlebige Reihe schockiert Unter Wölfen mit Szenen, für die sich selbst B-Movies schämen würden. Am überzeugendsten ist noch Folkerts mit ihrem Auftritt als No-Nonsense-Sheriff, der jeden anpflaumt, der ihm in den Weg kommt – abgesehen vom kleinen Mädchen, welches einem weiteren Klischee entsprechend ihr Herz erweicht. Doch auch sie kann nicht verhindern, dass der 72. Fall der Ludwigshafenerin ein sehr schwacher Teil des Dauerbrenners geworden ist, der am ehesten noch durch die fragwürdigen Law-and-Order-Ausführungen in Erinnerung bleibt.

Credits

OT: „Tatort: Unter Wölfen“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Thomas Bohn
Drehbuch: Thomas Bohn
Musik: Hans Franek
Kamera: Cornelia Janssen
Besetzung: Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Thure Riefenstein, Nils Düwell, Annika Blendl, Lucy Loona

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Tatort: Unter Wölfen
Ein Krimiwestern mit Ludwigshafen und Türstehern als Kulisse für einen Showdown? Das hätte eigentlich ganz interessant werden können. Leider stellt sich „Tatort: Unter Wölfen“ aber als Katastrophe heraus, die inhaltlich und inszenatorisch versagt. Dialoge und schauspielerische Leistungen sind dürftig, die Geschichte langweilig, selbst das Finale ist missglückt.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

2 Responses

  1. Manfred Heinz

    Kann die schlechte Kritik nicht nachvollziehen.
    Sollen wir nur noch vermeintlich intellektuell anspruchsvolle oder
    völlig Lebensfreude Totorte gut finden dürfen, nur weil Spiegel Autoren
    Meinungen vorgeben wollen.
    Nein!
    Der Krimi war unterhaltsam und spannend. Mehr soll ein Tatort nicht sein.

    Antworten
    • Thomas Mildenberger

      Auch ich empfand den Tatort als sehr spannend. Und das Ludwigshafener Team ist insgesamt sehenswert. Dass der „Auftraggeber“ am Schluss auch gestellt wurde, fand ich ebenfalls befriedigend: Normalerweise gehen Tatorts mit „dunklen Mächten“ in der Regel ja ohne Stellen der Täter aus…

      Antworten

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