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Tatort Hetzjagd

„Tatort: Hetzjagd“ // Deutschland-Start: 14. Februar 2021 (Das Erste)

Durch seine „Rock gegen rechts“-Konzerte ist Tillmann Meinecke (Tom Sommerlatte) schon seit einer Weile in rechten Kreisen zur Zielscheibe geworden. Ein Antrag für Polizeischutz wurde dennoch abgelehnt, aus Personalmangel. Als Meinecke eines Tages erschossen aufgefunden wird, liegt deshalb auch der Verdacht nahe, dass Rechtsradikale ihn auf dem Gewissen haben. Schnell rücken bei den Ermittlungen Ludger Rehns (Daniel Noël Fleischmann) und dessen Freundin Hedwig Joerges (Anne-Marie Lux) in den Mittelpunkt. Währenddessen forschen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) im privaten Umfeld des Verstorbenen nach und befragen dabei dessen Freundin Maria Karich (Anna Herrmann) und ihre Mutter Julia (Valerie Niehaus) …

Die Politik des Verbrechens

Auch wenn gern immer von „dem“ Tatort die Rede ist, so werden unter dem Deckmantel der ARD-Krimireihe doch die unterschiedlichsten Interpretationen des Genres zusammengefasst, von heiter bis düster, von zeitlos bis brandaktuell. Die Ludwigshafener Ausgabe gehört dabei zu der Strömung, die sich gern ein wenig politischer und gesellschaftlich relevanter gibt. Ging es beim letzten Mal in Unter Wölfen noch um die Privatisierung von Sicherheit, weil die Polizei dieser Ausgabe nicht mehr nachkommen kann, steht bei Hetzjagd, dem inzwischen 73. Fall von Lena Odenthal, das Thema Rassismus auf dem Programm.

Das geht erneut mit einer Kritik am öffentlichen Dienst einher. Wieder mal wird jemand ermordet, weil die von knappen Budgets geplagte Polizei ihre Schutzaufgaben nicht ausüben kann. Hinzu kommt dieses Mal noch der Verfassungsschutz, der beim Thema rechte Gewalt natürlich immer eine Rolle spielt, wenngleich nicht immer eine besonders rühmliche. Tatsächlich spielt Tatort: Hetzjagd beide Seiten gegenseitig aus, wenn irgendwann die Vermutung im Raum steht, der Verfassungsschutz selbst könnte etwas mit dem Mord zu tun haben. Prinzipiell ist das durchaus eine Richtung, die man verfolgen kann: Institutionen, die sich von Haus aus in den Schatten bewegen und dabei auch schon mal auf fragwürdige Weise vorgehen, sind schließlich ein dankbares Thema. Hier verkommt das aber zu sehr zu einer platten Verschwörungstheorie.

Kein Interesse an Tiefgang

Insgesamt ist es etwas befremdlich, wie wenig sich Tatort: Hetzjagd tatsächlich mit den Themen auseinandersetzt. Ludger ist nicht mehr als ein primitiver Idiot, aus seiner Freundin Hedwig wird man hingegen nicht schlau. Was genau bringt sie dazu, einem rechtsradikalen Zirkel anzugehören? Etwas ergiebiger ist wider Erwarten die Auseinandersetzung mit dem Toten, dessen Kampf gegen rechts als Egotrip inszeniert wird, als eine Art Lebensstil. Auch daraus hätte man etwas machen können, um das starre gut-böse-Schema aufzubrechen und etwas genauer hinzusehen. Doch daran hat Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn offensichtlich kein Interesse. Stattdessen reduziert er seinen Fall auf peinliche Banalitäten, die in einer Seifenoper Platz hätten und dem eigenen Anspruch nicht genügen.

Theoretisch wäre Tatort: Hetzjagd damit ein passender Kandidat, um sich ganz allgemein über den Gebrauch so wichtiger Themen wie rechter Gewalt auszutauschen. Sollte bei solchen Geschichten das Politische überwiegen? Darf man in diesem Kontext das Gesellschaftliche durch das rein Persönliche ersetzen? Leider kommt es aber erst gar nicht so weit, da der Film eben nicht nur unter der fragwürdigen Behandlung seines Themas leidet. Der Krimi hat noch zahlreiche andere Mängel. So sind die Dialoge erneut richtig grausam und weit entfernt davon, menschliche Sprache auf natürliche Weise zu verwenden. Auch die schauspielerischen Leistungen sind zu oft bescheiden, reißen einen immer wieder aus dem Geschehen heraus.

Unglaubwürdig bis zum Schluss

Natürlich müssen Krimis nicht zwangsläufig realistisch sein, damit sie unterhalten. Man sollte aber schon einigermaßen daran glauben können, was gerade geschieht. Bei Tatort: Hetzjagd ist das praktisch unmöglich. Der Film ist wie schon der Vorgänger Unter Wölfen so fundamental missglückt, dass sich die Diskussionen darüber, ob der inhaltliche Ansatz gerechtfertigt ist oder nicht, von vornherein erledigen. Es spielt schon keine Rolle mehr. Wenn dann auch noch die beiden Seiten, Rechte wie Linke, auf groteske Weise zusammengeführt werden oder auf besonders dramatische Weise ein traumatisches Erlebnis nach Rache schreit, dann wird das so lächerlich, dass das weder als Gesellschaftskommentar noch als persönliche Tragödie taugt. Die eigentliche Tragödie ist vielmehr, wie hier die Lebenszeit des Publikums verschwendet wird.

Credits

OT: „Tatort: Hetzjagd“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Thomas Bohn
Drehbuch: Thomas Bohn
Musik: Hans Franek
Kamera: Cornelia Janssen
Besetzung: Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Anna Herrmann, Anne-Marie Lux, Daniel Noël Fleischmann, Valerie Niehaus

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Tatort: Hetzjagd
Ein linker Aktivist wird ermordet, der Verdacht fällt auf einen Rechtsextremisten: „Tatort: Hetzjagd“ nimmt ein gesellschaftlich relevantes Thema, scheitert aber komplett an der Aufgabe, daraus einen interessanten Film zu machen. Als wäre die fragwürdige und oberflächliche Behandlung des Themas nicht schon schwierig genug, sind die Dialoge und die schauspielerischen Leistungen erneut ungenügend.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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