Kritik

Tatort Unten

„Tatort: Unten“ // Deutschland-Start: 20. Dezember 2020 (Das Erste)

Der Schock ist groß bei Indy (Michael Steinocher) und Tina (Maya Unger), als sie den Körper ihres Freundes Gregor finden, der in einem verlassenen Industriegelände zuvor in den Tod gestürzt ist. Die Kriminalbeamten Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) gehen dabei zuerst dem Verdacht nach, dass es irgendwie mit Drogen zusammenhängt, wurden doch Spuren davon an der Leiche entdeckt. Oder war es doch ein persönliches Motiv? Schließlich stand Tina dem Verstorbenen sehr nahe, wurde sogar von ihm zur Begünstigten seiner Lebensversicherung ernannt. War vielleicht auch mehr dran an den Verschwörungstheorien, welche Gregor die ganze Zeit verbreitete? Gleichzeitig ermitteln die beiden in dem von Frank Zanger (Michael Pink) geleiteten Obdachlosenheim, schließlich sind die drei dort gut bekannt und leben selbst auf der Straße …

Das Leben (und Sterben) am Abgrund
Nachdem es letzte Woche bei Es lebe der König! wie bei den Münsteranern üblich eher humorvoll und skurril zuging, betonen die Österreicher bei ihrer Ausgabe des Dauerbrenners Tatort wieder den Ernst der Lage. Das bringt allein schon das Milieu mit sich: Obdachlosigkeit ist nun einmal eher weniger für flapsige Scherze geeignet. Unten zeigt uns Menschen, die – wie der Titel bereits ankündigt – ganz unten gelandet sind. Menschen, die einmal fest im Leben verankert waren, bis irgendetwas schief ging, sie abrutschten und durch alle sozialen Netze fielen. Jetzt leben sie zusammengepfercht in Notunterkünften, wenn sie Glück haben, bekommen sie ein winziges Einzelzimmer. Der Rest lebt irgendwo, versteckt und vergessen.

Zumindest teilweise geht Unten auch als Sozialdrama durch, wenn die Schicksale einiger Obdachlosen durchexerziert werden. Viel Zeit bleibt dafür zwar nicht, Eisner und Fellner arbeiten sich an den Stationen wie an Bullet Points einer Power-Point-Präsentation ab. Die Absicht ist aber unverkennbar, den Verdreckten und Verstoßenen zumindest einen Teil ihrer Menschlichkeit und ihrer Würde zurückzugeben. Das gilt besonders für die Nebenfigur der Sackerl-Grete (Inge Maux), die eigentlich Zeugin eines Kriminalfalls war, der aber kein Glauben geschenkt wurde. Aus Prinzip. Der Tatort übt sich da schon einer allgemeinen Gesellschaftskritik, wenn die Verlierer und Verliererinnen an den Rand geschoben werden, bis sie keiner mehr sieht.

Klassischer Krimi mit überzogenem Ende
Das Ganze wird dabei mit einem klassischen Whodunnit verbunden. Das Publikum wird mit einer Reihe von Figuren bekannt gemacht, von denen eine dubioser ist als die andere. Das Verdächtigenfeld beschränkt sich dabei zunächst vor allem auf die anderen Obdachlosen. Gleichzeitig ahnt man aber schon früh, dass an der Sache noch mehr dran ist. Das Drehbuchduo Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik hat genug recht offensichtliche Hinweise hinterlassen. Einer davon ist, dass in einer Parallelhandlung von einer jungen Frau erzählt wird, die neu in dieser Welt gelandet ist, die mit dem Fall aber nichts zu tun hat. Da erkennt das geschulte Rätselauge schon ein gewisses Muster.

Die ganz große Überraschung ist die Auflösung daher nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Ergebnis tatsächlich glaubwürdig wäre. Da muss man als Zuschauer bzw. Zuschauerin schon etwas großzügiger sein und manches einfach mal als gegeben hinnehmen, so absurd Unten an den Stellen auch sein mag. Unbegreiflich ist zudem, dass das erfahrene Ermittlerduo zwar allen möglichen Spuren nachgeht, eine davon aber irgendwie ignoriert, obwohl diese so naheliegend ist. Das ist einerseits verständlich, sonst hätte man den Showdown nicht so gestalten können. Ein bisschen plump ist es aber schon, wie man sich da aus der Affäre ziehen wollte.

Insgesamt reicht das noch für solide Krimikost, welche durch den sozialen Aspekt aufgewertet wird, selbst wenn der ein bisschen plakativ eingesetzt wird. Spaßig ist zudem, wie Eisner und Feller sich hin und wieder gegenseitig kleine Nadelstiche versetzen. Auch anderen gegenüber, sei es bei den Ermittlungen oder bei der Polizei sind sie nicht unbedingt auf den Mund gefallen. Wer also mal wieder in der Stimmung ist für einen mörderischen Abend daheim, der landet bei Unten dem Titel zum Trotz im qualitativen Mittelfeld.

Credits

OT: „Tatort: Unten“
Land: Österreich
Jahr: 2020
Regie: Daniel Prochaska
Drehbuch: Thomas Christian Eichtinger, Samuel R. Schultschik
Musik: Karwan Marouf
Kamera: André Mayerhofer
Besetzung: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Maya Unger, Michael Steinocher, Hubert Kramar, Thomas Stipsits, Michael Pink, Sabrina Reiter, Jutta Fastian

Bilder

Weitere Tatort-Folgen

Unsere Tatort-Kritiken

« letzte Folge nächste Folge »



(Anzeige)

Tatort: Unten
„Tatort: Unten“ beginnt mit der Leiche eines Obdachlosen, führt auch im Anschluss in die Welt der vergessenen Parallelgesellschaft. Der soziale Aspekt wertet den ansonsten klassischen Whodunnit auf. Zum Ende hin wird das Ganze aber übertrieben, an die Glaubwürdigkeit sollte man da keine besonders hohen Ansprüche mehr stellen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort