Inhalt / Kritik

Tatort Logo

„Tatort: Oskar“ // Deutschland-Start: 21. April 2002 (Das Erste)

Ihren ersten Tag hatte sich Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) anders vorgestellt. Eigentlich war sie vom Wirtschaftsdezernat zur Mordkommission in Frankfurt gewechselt, weil sie nicht länger das Mobbing bei der Arbeit ertragen wollte. Doch bei ihrer neuen Stelle sind sie alle zu beschäftigt, um sie wirklich willkommen zu heißen. Und so muss sie dann erst einmal allein zur Gerichtsmedizin, nachdem der ältere Kassierer in einem Pornokino ermordet wurde. Kurze Zeit später werden sie und ihr Kollege Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) zu einem zweiten Fall gerufen: Ein Säugling wurde tot in einer Müllaufbereitungsanlage gefunden. Vermutlich hatte die Mutter ihn kurz nach der Geburt in einem Container abgelegt, in der Annahme, dass er gefunden würde – ein tödlicher Irrtum …

Ein dramatischer Einstieg

So dankbar die weitreichende Plattform der ARD-Krimireihe Tatort natürlich auch ist, ein reiner Selbstläufer ist das dann doch nicht, zu groß ist die Konkurrenz der vielen anderen Teams, die unter demselben Branding Verbrechen aufklären – von den unzähligen anderen TV-Krimis ganz zu schweigen. Insofern ist es schon immer interessant, wenn ein neues Team an den Start geht und sich dem kritischen Publikum erst einmal beweisen muss. Wie sind die Figuren? In welche Richtung geht der Krimi? Schließlich hat sich die Reihe immer weiter weg entfernt von der klassischen Mördersuche, je nach Team kann es da schon recht humorvoll zugehen. Andere geben sich vielmehr gesellschaftskritisch, wollen mit ihren Filmen etwas Wichtiges aussagen.

Das Duo Sänger und Dellwo startete bei seinem Debüt Oskar im Frühjahr 2002 hingegen sehr persönlich und tragisch. Allgemeingültiges lässt sich aus der 498. Folge der Reihe kaum ablesen. Es ist auch weniger unterhaltsam, was hier geboten wird. Stattdessen arbeitete der Film vor allem auf der emotionalen Ebene. Am stärksten zeigt sich das natürlich bei dem zweiten der beiden Fälle, mit denen das neue Team sich zum Auftakt beschäftigte. Gewalt gegenüber Kindern und Tieren ist so ziemlich die einfachste Methode, um das Publikum zu packen. Dabei ruht sich Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein (Louis van Beethoven), der auch die nächsten Folgen des Frankfurter Tatorts zu verantworten hatte, dankenswerterweise nicht auf billiger Manipulation aus. Stattdessen erzählt er die Geschichte einer überforderten jungen Frau, die sich nicht anders zu helfen wusste.

Fokus auf das Persönliche

Drumherum hat Tatort: Oskar dabei noch einige andere traurige Geschichten zu erzählen. So werden wir gleich zum Auftakt Zeuge, wie die Ehe von Dellwo immer weiter zerbröselt und er vergeblich dagegen ankämpft. Sänger wiederum trägt ganz offensichtlich noch die unschönen Erinnerungen an ihre vorherige Stelle mit sich herum, findet aber auch bei der neuen nicht wirklich ihren Platz. Stein zeigt hier ein Team, das keines ist. Anders aber, als man es sonst bei solchen Filmen oft sieht, gibt es hier keine wirklichen Reibungen zwischen zwei Personen, die nicht zusammenpassen. Vielmehr sind sie sich so fremd, dass es nicht einmal zu einem Streit reicht. Man weiß einfach nichts miteinander anzufangen, jenseits der Höflichkeit.

Das ist als Einstieg interessant und zudem auch sehr gut gespielt. Andrea Sawatzki (Familie Bundschuh im Weihnachtschaos) und Jörg Schüttauf (Vorwärts immer!) gehörten zu den menschlich interessantesten Teams, die der Tatort im Laufe von fünf Jahrzehnten so auf die Gesellschaft losgelassen hat. Der Kriminalfall an sich rückte dabei aber hier noch ziemlich in den Hintergrund. Während die Geschichte um das ausgesetzte Baby immerhin noch der Charakterisierung dient, hätte man den Mord im Pornokino auch komplett weglassen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Und das ist schon recht schade bei einem derart originellen Schauplatz, der dadurch verschenkt wurde. Dennoch, sehenswert ist Tatort: Oskar noch immer, mit vielen schönen bis unfassbar traurigen Momenten, und ein gelungener Auftakt für die Frankfurter.

Credits

OT: „Tatort: Oskar“
Land: Deutschland
Jahr: 2002
Regie: Niki Stein
Drehbuch: Niki Stein
Musik: Jacki Engelken, Ulrik Spies
Kamera: Arthur W. Ahrweiler
Besetzung: Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Chrissy Schulz, Thomas Balou Martin, Iris Böhm, Peter Lerchbaumer

Weitere Tatort-Folgen

Unsere Tatort-Kritiken

« letzte Folge nächste Folge »



(Anzeige)

Tatort: Oskar
Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt wurde es bei dem Frankfurter Team gleich sehr emotional, wenn die Mutter eines toten Säuglings gesucht wird. „Tatort: Oskar“ überzeugt dabei vor allem bei den persönlichen Momenten, die noch immer zu Herzen gehen. Als reiner Krimi ist der Film weniger interessant, vor allem der zweite Fall um einen Mord im Pornokino bekommt zu wenig Aufmerksamkeit.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort