Tatort Murot und das Prinzip Hoffnung
© HR/Bettina Müller

Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung

Inhalt / Kritik

Tatort Murot und das Prinzip Hoffnung
„Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung“ // Deutschland-Start: 21. November 2021 (Das Erste)

Als innerhalb kürzester Zeit drei Männer durch einen Genickschuss getötet werden, steht die Polizei zunächst vor einem Rätsel, da es weder Verbindungen noch Gemeinsamkeiten gibt. Erste Vermutungen, irgendwelche Rechten hätten die zwei Ausländer und den Obdachlosen erschossen, werden zu den Akten gelegt. Bald konzentrieren sich die Ermittlungen von Felix Murot (Ulrich Tukur) und Magda Wächter (Barbara Philipp) auf den dritten Toten. Der lebte zwar auf der Straße, war aber eigentlich ein vermögender Mann. Das wiederum lenkt den Verdacht auf dessen Kinder Inga (Karoline Eichhorn), Paul (Lars Eidinger) und Laura Muthesius (Friederike Ott). Aber auch Nachbarssohn Jürgen von Mierendorff (Christian Friedel) ist den beiden aufgrund seiner Verbindung zu rechten Kreisen suspekt …

Ein klassisch anderer Krimi

Das je nach Ansicht Schöne oder Anstrengende beim Tatort ist, dass man im Vorfeld nie so genau weiß, was man geboten bekommt. Zwar geht es fast immer darum, dass irgendein Verbrechen aufgeklärt werden muss, am Anfang eines Falles steht dann doch meistens eine Leiche. Innerhalb dieses Rahmens wird aber alles Mögliche ausprobiert. Gerade die Teile um den Wiesbadener Kommissar Felix Murot, der fast nie in seiner Heimatstadt ermittelt, sind dafür berüchtigt, ein bisschen anders zu sein. Die Ferien des Monsieur Murot irritierte letztes Jahr beispielsweise durch eine Mischung aus Tati-Zitat und Doppelgänger-Eskapismus, war so sehr mit den kuriosen Figuren beschäftigt, dass der kriminologische Aspekt recht kurz kam. Bei Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung, dem zehnten Auftritt des etwas anderen Polizisten, ist das recht ähnlich.

Dabei ist der 1179. Teil der unverwüstlichen ARD-Krimireihe strukturell durchaus klassisch. Erst tauchen ein paar Leichen auf, danach werden die diversen Verdächtigen eingeführt, das Publikum darf gemeinsam mit den Protagonisten und Protagonistinnen rätseln, wer es davon am Ende gewesen ist. Es wird sogar noch etwas klassischer, wenn Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung recht früh entscheidet, dass es jemand aus der Familie Muthesius gewesen sein muss. Ein reiches Familienoberhaupt als Mordopfer, traditioneller geht es in dem Genre gar nicht. Auch dass die Kinder auf den reichen Papa nicht gut zu sprechen waren, gehört in solchen Fällen einfach dazu. Ein bisschen muss bei den Motivationen ja zwischen persönlichen und finanziellen variiert werden, damit es nicht langweilig wird.

Figuren jenseits der Menschlichkeit

Aber schon dass der verhasste Reichenpapa auf der Straße lebte, passt nicht so recht ins Bild. Was Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung aber wirklich von einem „normalen“ Krimi unterscheidet, sind die eigenartigen Kreationen, die hier als Menschen verkauft werden sollen. Das große Rätsel bei dem Film ist gar nicht mal, wer denn da nun genau abgedrückt hat. Selbst das letztendliche Motiv ist nebensächlich, auch wenn da bis zum Schluss mit den Erwartungen des Publikums gespielt wird. Vielmehr werden hier Leute gezeigt, die alle auf ihre Weise durch und durch kaputt sind und teilweise stolz darauf. Sie genießen es geradezu, dass es hier um Menschenleben geht, sie winden sich, bedecken die ganze Welt mit dem Spott, der durch sie hindurchströmt.

Da dürften sich auch daheim manche verspottet fühlen, wenn hier alles überzogen und schräg ist, die Charaktere in feingeschliffenen Dialogen krakeelen, die noch keinen Menschen von innen gesehen haben. Gleichzeitig ist es faszinierend, auch weil sich das Ensemble kopfüber in den Wahnsinn stürzt, allen voran natürlich Lars Eidinger, der kurze Zeit nach Borowski und der gute Mensch schon wieder einen lustvollen Psychopathen spielt. Das kann Spaß machen oder auch ziemlich nerven. Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung ist ein verkopft-verspielter Abstieg in seelische Abgründe, der sich einerseits mit einem konkreten Erbe auseinandersetzt, persönlich wie kollektiv, dabei aber nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint.

Credits

OT: „Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Rainer Kaufmann
Drehbuch: Martin Rauhaus
Musik: Stefan Will, Marco Dreckkötter
Kamera: Klaus Eichhammer
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Karoline Eichhorn, Lars Eidinger, Friederike Ott, Angela Winkler, Christian Friedel

Bilder

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„Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung“ ist formal zwar ein klassischer Krimi, interessiert sich aber mehr für seine eigenartigen Figuren als den Fall an sich. Das ist durchaus faszinierend, gerade wegen des Ensembles, das sich mit viel Lust dem Wahnsinn hingibt. Vielen dürfte dieser Krimi aber zu verkopft und abgehoben sein.
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