„Hei-ho, hei-ho, wir sind vergnügt und froh!“ Mehr Text hatte der erste Auftritt der sieben Zwerge nicht. Mehr brauchte er aber auch nicht: Die eingängige Melodie konnte jeder im Anschluss sofort nachsummen oder -pfeifen. Heute gehört das Lied, so simpel es auch sein mag, zu den großen Klassikern in der Disney-Schatzkiste. Selbstverständlich ist das nicht. Denn auch wenn die Animationsfilme aus unserem Leben kaum wegzudenken und wir alle irgendwo mit ihnen aufgewachsen sind, so waren sie doch von Anfang an von ziemlichen Schwierigkeiten begleitet. Beispiel „Schneewittchen und die sieben Zwerge“: Als der Film heute vor 80 Jahren am 21. Dezember 1937 in Los Angeles uraufgeführt wurde, waren die Reaktionen euphorisch. In den USA avancierte die Adaption des Märchens zu einem Kassenschlager unbekannten Ausmaßes. Inflationsbereinigt gehört er noch heute zu den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Hierzulande bekam man davon jedoch wenig mit, erst 13 (!) Jahre später fand die vergiftete Prinzessin ihren Weg nach Deutschland – die politische Lage verhinderte, dass der Film regulär gezeigt werden konnte.

Später Ruhm
Aber auch in den USA spürte man bald, dass in Europa ein anderer Wind wehte, der wichtige Absatzmarkt brach während des Krieges fast völlig weg. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben: Mit „Pinocchio“ (1940), „Fantasia“ (1940) und „Bambi“ (1942) veröffentlichte Disney einige der besten und wichtigsten Animationsfilme aller Zeiten. Aber sie alle wurden zu Flops, kosteten das Unternehmen Unmengen an Geld. Dabei setzten die aufwendig konstruierten Hintergründe, die beeindruckenden Effekte und die flüssigen Animationen Maßstäbe, an denen mehr als 70 Jahre später ein Großteil der heutigen Kollegen scheitert. Als Folge ließen es die Künstler im Anschluss erst einmal ruhiger angehen. Die späten 1940er sind eine der künstlerisch schwächsten Phasen in der turbulenten Firmengeschichte. Billig produzierte Episodenfilme sollten erst einmal Geld in die Kassen spülen. Nett waren die sechs Werke von „Saludos Amigos“ bis „Die Abenteuer von Ichabod und Taddäus Kröte“ (1949), aber kein Vergleich zu den ambitionierten „richtigen“ Filmen. Weshalb sich heute auch kaum einer mehr an sie erinnert.

In den 50ern fand Disney dafür zu seinen Wurzeln zurück und startete eine zweite goldene Phase mit vielen unvergesslichen Titeln. Dabei waren es hauptsächlich zwei verschiedene Erfolgsrezepte, mit denen die Amerikaner wieder zu sich und den Herzen ihrer Fans fanden. Das eine bestand darin, wie einst in „Schneewittchen“ alte Märchen zu verfilmen, vorzugsweise mit einer jungen Heldin: „Cinderella“ (1950), „Alice im Wunderland“ (1951) und „Dornröschen“ (1959). Bei der anderen Linie setzte man auf tierische Helden und schuf Evergreens wie „Susi und Strolch“ (1955) und „Das Dschungelbuch“ (1967). Doch egal, ob menschlich oder tierisch, Fantasiewelt oder Realität, Humor und Musik durften nie fehlen. Wer schwelgt nicht in Erinnerungen, wenn irgendwo „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“ ertönt?

Hoch und runter, hoch und runter
Aber nichts währt ewig, nicht einmal das Nimmerland, in dem „Peter Pan“ (1953) dem Erwachsenenalter zu entkommen versucht. Und so waren auch die folgenden Jahrzehnte von riesigen Erfolgen und großen Enttäuschungen gleichermaßen geprägt. Gerade die 1980er- und die 2000er-Jahre waren äußerst schwierig für die Animationskünstler. In den 80ern verlor das Kino immer mehr Einfluss, Zeichentrick fand nun in erster Linie im Fernsehen statt. In den 2000ern wiederum war es die Kunst des Zeichentricks selbst, die infrage gestellt wurde. Computergenerierte Filme waren der letzte Schrei, so schön Werke wie „Lilo & Stitch“ (2002) und „Küss den Frosch“ (2009) auch anzusehen waren, die Einspielergebnisse waren im Vergleich zur Computerkonkurrenz enttäuschend. Ausgerechnet die spätere Disney-Tochter Pixar war es, die mit „Toy Story“ (1995), „Cars“ (2006) & Co. das Ende des klassischen Disney-Trickfilms einleitete.

Die goldenen Jahre
Doch zwischen den Krisen tummeln sich einige der größten Titel, die Disney je hervorgebracht hat. Mit der sogenannten Disney-Renaissance ist die Zeit zwischen dem Ende der 80er und dem Millenniumswechsel gemeint. „Arielle die Meerjungfrau“ (1989), „Die Schöne und das Biest“ (1991), „Der König der Löwen“ (1994), ein Hit reihte sich an den nächsten. Unvergessliche Lieder, fantastische Geschichten, witzige Nebenfiguren, welche die Abenteuer auflockerten – für viele erreichte Disney damals den Höhepunkt seines Schaffens. Wir durften mit Belle von der großen Liebe träumen oder auch mit „Aladdin“ (1992) dem Zauber von Tausendundeiner Nacht erliegen – und kräftig lachen, wenn der Dschinni sich in die absurdesten Figuren verwandelte. Kaum einer hätte wohl gedacht, dass noch jemand an diese Zeit anknüpfen könnte, umso mehr da um die Jahrtausendwende Disney kräftig kriselte. Die Filme spielten immer weniger ein, auch qualitativ war der schwierige Übergang von Zeichentrick zur Computeranimation eine Enttäuschung. Und dann wären da noch die billig produzierten Direct-to-Video-Sequels, mit denen das Unternehmen zwar leicht Kasse machte, aber auch viele Fans vergraulte.

Inzwischen steht Disney aber wieder an der Spitze. Kommerziell sowieso, „Die Eiskönigin“ (2013) ist mit einem Einspielergebis von knapp 1,3 Milliarden Dollar der bis dato erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten. Wie so oft war es wieder einmal ein klassisches Märchen, welches aufbereitet wurde. Dieses Mal stand das berühmte Werk von Hans Christian Andersen Pate. Erneut besann man sich auf die Wurzeln, auch weil Musik hier eine große Rolle spielte – das oscargekrönte „Let It Go“ wurde wie die ruhmreichen Ahnen zu einer der Mitsingnummern des Jahres. Doch anders als früher war die Prinzessin hier kein wehrloses Fräulein, das auf den strahlenden Prinzen wartete. Die Mädchen von einst waren erwachsen geworden, lernten für sich selbst einzustehen; Elsa und Anna bewiesen, dass Frauen nicht das schwache Geschlecht sind. Und auch „Zoomania“ (2016) war sehr viel mehr als bloße Unterhaltung: Das witzige und einfallsreiche Plädoyer für mehr Toleranz erinnerte uns daran, wie schön die Vielfalt dieser Welt ist. Es gibt also viele Gründe, die pünktlich zum Jubiläum veröffentlichten Disney Classics neu zu entdecken, von fremden Ländern zu träumen und dabei auch einiges über uns selbst zu erfahren.

80+ Jahre auf einen Blick:
Die Hauptwerke von Disney Animation

Zu viel des Guten:
Spin-offs, Prequels und Fortsetzungen

So gerne wir uns an die (meisten) Animationsfilme aus dem Hause Disney zurückerinnern, es gibt da auch ein paar Leichen in deren Keller, die am besten dort allein gelassen werden. Die gesamten 1990er und einen guten Teil der 2000er Jahre hindurch versucht der Konzern mit billig produzierten Fortsetzungen, Mid- und Prequels, manchmal auch Spin-offs die jungen Zuschauer noch mal zur Kasse zu bitten. In den meisten Fällen stammen die jedoch gar nicht von den Hauptstudios von Disney, sondern dem Tochterstudio DisneyToon Studios (vormals Disney MovieToons) oder auch der TV-Abteilung. Eine Hand voll netter Filme finden sich darunter, beispielsweise DuckTales – Der Film, Der Goofy Film oder Winnie Puuh auf großer Reise. Im Großen und Ganzen können die sowohl visuell wie auch inhaltlich simpleren kleinen Geschwister aber ohne große Reue ignoriert werden, in einigen Fällen ist der qualitative Abstand von Original und Fälschung zu extrem, als dass man sich das freiwillig antun sollte.

Da war noch was:
Sonstige (Quasi-)Animationsfilme von und um Disney

Als ob die Hauptwerke und deren diversen Ableger nicht schon genug Anschauungsmaterial wären, gibt es noch eine Reihe weiterer disneyrelevanter Filme, die man sich als Animationsfilm anschauen kann. Zum einen experimentierte das Unternehmen schon seit den 1960ern (Mary Poppins) erfolgreich mit Realfilm-/Zeichentrickfilmmischungen. Hervorzuheben ist hierbei vor allem Falsches Spiel mit Roger Rabbit (1988), der nicht nur sehr unterhaltsam ist, sondern auch maßgeblich dazu beitrug, dass die Animationssparte Disney in den 1980ern überlebt. Ebenfalls über Disney veröffentlicht wurde das Stop-Motion-Meisterwerk The Nightmare Before Christmas (1993). Und wer noch ein bisschen was fürs Herz braucht, kann sich Life, Animated (2016) anschauen: Die Doku erzählt die Geschichte eines autistischen Jungen, der dank der Disney-Zeichentrickfilme aus seiner Isolation herausfand.

Wenn Märchen real werden:
Die Live-Action-Remakes von Disney

Was einmal erfolgreich ist, das muss doch auch noch anderweitig zu nutzen sein. Während Disney glücklicherweise die zynisch-dreiste Direct-to-Video-Geldmacherei beendet hat, so wurde zwischenzeitlich eine alternative Methode der Zweitverwertung entdeckt. Dieses Mal schnappten sich die findigen Goldgräber die alten Klassiker und drehten sie als Realfilm neu. Profitabel war das Geschäft bislang definitiv, die Einspielergebnisse lagen bislang zwischen 550 Millionen Dollar (Cinderella) und 1,25 Milliarden Dollar (Die Schöne und das Biest). Und das ist erst der Anfang, eine Reihe von Neuverfilmungen sind bereits angekündigt. Als Fan der alten Filme darf man hierbei mit der Nase rümpfen, immerhin stimmt aber die Qualität: Ob sie nun die bekannten Geschichten originalgetreu umsetzen oder wie im Fall von Maleficent deutlich uminterpretieren, die bisherigen Adaptionen sind unterhaltsam und bieten zudem eine Menge fürs Auge.

Disney Animation [Special]
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