Kritik

Mulan 2020

„Mulan“ // Deutschland-Start: 4. September 2020 (Kino)

Mulan (Yifei Liu) war noch nie jemand, der sich so ohne Weiteres anderen unterwirft und alles als gegeben hinnimmt. Das brachte ihr immer eine Menge Ärger ein, sowohl als Kind wie auch als junge Erwachsene, ist sie doch kaum als Ehefrau zu vermitteln. Dafür liebt sie ihre Familie über alles. Als ihr gebrechlicher Vater (Tzi Ma) von der Armee einbezogen werden soll, um den Kaiser (Jet Li) vor dem Kriegsfürsten Bori Khan (Jason Scott Lee) zu schützen, kann sie deshalb nicht einfach tatenlos zusehen. Also verkleidet sie sich als Mann und gibt sich für ihn aus, um an seiner Stelle in den Krieg zu ziehen. Einfach ist das nicht. Nicht allein, dass für ihre Täuschung eine harte Strafe fällig wird, sollte jemand hinter ihr Geheimnis kommen. Ihr fehlen zudem die nötigen Kampferfahrungen, die sie bräuchte, um gegen Khan und dessen Zauberin Xian Lang (Li Gong) bestehen zu können …

Disney ist eigentlich kein Konzern, den man unbedingt mit öffentlichen Kontroversen in Verbindung bringt, zu sehr ist er eigentlich darum bemüht, möglichst wenig anzuecken, um damit den Profit zu maximieren. Bei Mulan hat das jedoch so gar nicht geklappt. Die einen riefen im Vorfeld zum Boykott auf, weil Hauptdarstellerin Yifei Liu gegen Hong-Kong-Aktivisten wetterte, der Film ohnehin allgemein als eine einzige Anbiederung an China empfunden wurde. Andere bemängelten das Gegenteil, der Film sei eben nicht chinesisch genug: Ob Regie, Drehbuch, Produktion, Musik oder Kamera – kein einziger Asiate ist in der Crew zu finden. Fans des alten Zeichentrickfilms von 1998 sind empört, dass die bekannten Lieder und der Sidekick-Drachen beim Remake entfernt wurden. Und dann kommt der Film aufgrund der Corona-Lage nicht einmal ins Kino, sondern wird als Premium-Angebot bei Disney+ geführt, was die Kinobetreiber zu Wut und Verzweiflung treibt.

Auf den Spuren alter Meister
Viel Stoff für Ärger also, der den eigentlichen Film schon mal zu überdecken droht. Und letztendlich ist es Ärger um nichts, da Mulan zwar sündhaft teuer und ambitioniert ist. Aber eben nicht wirklich gut. Das Problem ist dabei gar nicht mal so sehr, dass man sich von der animierten Vorlage löste und stattdessen lieber ein klassisches Wuxia-Abenteuer draus machen wollte. Im Gegenteil, solche sind seit der durch Tiger & Dragon ausgelösten Hochphase so rar geworden, dass man fast für jeden neuen Vertreter dankbar sein kann. Zumindest manchmal löst der Film dieses Versprechen auch ein, das der Trailer und die Beschreibung seinerzeit gegeben hat. Aber eben nur manchmal.

Stattdessen ist das von vier Leuten verfasste Drehbuch ein Beispiel dafür, dass es nicht immer die beste Idee ist, ein ganzes Konsortium an den Inhalt zu setzen. Mulan versucht dann auch eine ganze Menge auf einmal zu sein. Es gibt die typischen humorvollen Szenen, wie man sie von einer Verkleidungskomödie kennt. Es gibt die Actionszenen, in denen die Titelheldin zeigen darf, dass sie nicht nur ihren Mann steht, sondern alle Männer zusammen. Zwischendurch wird ein bisschen auf die historische Komponente eingegangen. An anderen Stellen verliebt sich der Film in Fantasy-Aspekte und alte Legenden, die ausgepackt werden, um die Geschichte etwas aufzumotzen. Selbst für feministische Handlungsstränge ist Platz, wenn das fernöstliche Abenteuer nicht nur von Mulans Kampf erzählt, sondern auch dem von Xian Lang, für die es in einer von Männern dominierten Welt nur die Rolle der unterwürfigen Hexe gab.

Zu viel und zu wenig
Obwohl der Film an und für sich nicht wirklich kurz ist, er ist sogar deutlich länger als der Zeichentrickfilm, die Zeit reicht einfach nicht, um all dem gerecht zu werden. Also gibt es von allem ein bisschen, vieles wird hier so hektisch zusammengeklatscht, dass nichts mehr wirklich überzeugt. Die Actionszenen beispielsweise sind nicht annähernd so episch oder elegant, wie es das Wuxia-Genre früher vormachte. Sie sind auch sehr kurz, setzen lieber auf ziellose Akrobatik als echte Kämpfe. Die Vorbereitung auf die Kämpfe ist ebenfalls sehr dürftig: Im einen Moment ist das Team noch zu nichts zu gebrauchen, im nächsten sind sie plötzlich Elite-Kämpfer. Auch das Verhältnis zwischen den Figuren ist halbherzig runtergerattert, gerade zum Ende hin wird das alles willkürlich: Anstatt sich irgendwie um eine Entwicklung kümmern zu wollen, gibt es nur dick drüber gekleisterten Pathos. Nicht einmal das lang vorbereitete Finale überzeugt, ist schon vorbei, bevor es angefangen hat.

Das bedeutet nicht, dass Mulan deswegen schlecht wäre. Immer wieder zeigt der Film unstrittige Qualitäten, etwa bei den majestätischen Landschaftsaufnahmen, dem einen oder anderen Kampf, der Ausstattung im allgemeinen. Aber es ist doch sehr frustrierend, wie hier gleichzeitig zu viel und zu wenig gemacht wird, wie unbefriedigend und aufgeblasen das alles ist, ohne jemals tatsächlich mitreißend zu werden. Das liegt auch an Yifei Liu (Once Upon a Time), die einfach nicht die notwendige Leinwandpräsenz mitbringt, um sich in dem opulenten Drumherum behaupten zu können. Man sieht, was passiert, was mit ihr passiert. Und doch ist es einem herzlich egal. Die Neuinterpretation ist in der Summe nichts Halbes und nichts Ganzes, ähnelt mehr einer Imitation von vergangenen Filmen, ohne diese wirklich verstanden zu haben.

Credits

OT: „Mulan“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Niki Caro
Drehbuch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Lauren Hynek, Elizabeth Martin
Musik: Harry Gregson-Williams
Kamera: Mandy Walker
Besetzung: Yifei Liu, Donnie Yen, Jason Scott Lee, Yoson An, Li Gong, Jet Li, Tzi Ma

Bilder

Trailer

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Mulan (2020)
4.1 (82%) 10 Artikel bewerten

Mulan (2020)
Im Vorfeld nicht ohne Kontroversen entpuppt sich „Mulan“ als Film, der irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Während visuell einiges durchaus besticht, gerade bei den Landschaftsaufnahmen und der Ausstattung, tut sich das historische Abenteuer mit seiner Unentschlossenheit keinen Gefallen: Zu viel wird versucht, nicht genug konsequent verfolgt, am Ende bleibt ein aufgeblasenes, wenig mitreißendes Imitat, das zu oft unter seinen Möglichkeiten bleibt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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