(OT: „Robin Hood“, Regie: Wolfgang Reitherman, USA, 1973)

Robin Hood 1973Der König ist fort, lange lebe der König! Für Prinz John war es ein ziemlicher Segen, dass sein Bruder König Richard für seine Kreuzzüge das Land verlassen hat. Schließlich ist für ihn der Weg frei, nun selbst die Macht zu ergreifen. Oberstes Ziel dabei ist die eigene Bereicherung, weshalb er unmenschliche Steuern erhebt und das Land unterdrückt, so gut es nur geht. Robin Hood und Little John wollen diesem Treiben jedoch nicht tatenlos zusehen. Immer wieder überfallen die beiden die Reichen, um so den Armen helfen zu können. Als aber auch Prinz John zu seinem Opfer wird, platzt dem der Kragen und er setzt eine Belohnung auf den Unhold aus. Und das ist nicht sein einziger Einfall, wie der dreiste Dieb geschnappt werden kann.

Robin Hood ist im langen Kanon der Disney-Animationsfilme sicher einer der umstritteneren Filme. Nicht weil die Adaption der berühmten englischen Saga so provokativ wäre. Im Gegenteil, sie ist so harmlos wie kaum ein Film der jahrzehntelangen Reihe, so sehr auf Sicherheit bedacht, so wenig ohne wirklich eigene Note. Als kindlicher Zuschauer machte dies aber kaum etwas aus. Wer mit den Zeichentrickfilmen von einst aufgewachsen ist, der wird sich gern an die Abenteuer des rechtschaffenen Gauners zurückerinnern. Mit ein bisschen Abstand betrachtet ist die Begegnung mit den alten Freunden jedoch ein wenig ernüchternd.

Da wird doch das Huhn auf dem Tennisplatz verrückt!
Das Konzept an sich ist dabei eigentlich nicht so verkehrt. Mit Die Hexe und der Zauberer hatte Disney zehn Jahre zuvor schon bewiesen, dass alte englische Legenden eine gute Grundlage sein können. Sämtliche Figuren in Tiere zu verwandeln, auch das geht in Ordnung. Der Geschichte selbst hat dies zwar so rein gar nichts beizutragen. Andererseits: Wie oft sieht man Geier als Leibwachen? Dicke Hühner, die Tennis spielen? Schlangen als Personal Assistants des Möchtegern-Königs? Löwen, die am Daumen lutschen? Spaß macht es schon, dabei zuzusehen, wie die komplette Arche Noah miteinander agiert, als wäre es das natürlichste auf der Welt.

Wenn nur nicht dieses Déjà-vu-Erlebnis wäre. Dass Disney gern mal ältere Figuren nimmt und sie unter neuem Namen wiederverwendet, das ist kein besonders gut gehütetes Geheimnis. Selten ging das Unternehmen aber so dreist vor wie hier. Einzelne Passagen wurden fast unverändert aus Das Dschungelbuch oder Aristocats recycelt. Natürlich ist die Kopie einer guten Vorlage, eine gewisse Kompetenz vorausgesetzt, nach wie vor sehenswert. Nur hat man hier des Öfteren das Gefühl, keinen wirklichen Film zu sehen, sondern eine Art Best of – wahllos zusammengeschnittene Schnipsel aus der Karriere. Etwas, das aus lauter für sich genommenen guten Teilen besteht, aber kein wirkliches Ganzes ergibt.

Weniger als die Summe der Beute
Das hängt natürlich auch mit dem eher bescheidenen Inhalt zusammen. Prinz John will alles Geld haben, Robin Hood ihm dieses wieder wegnehmen und dabei Maid Marianne für sich gewinnen. Aus dieser Figurenkonstellation bastelte Disney dann den kompletten Film. Genauer besteht Robin Hood aus einer Abfolge von Szenen, in denen Gute und Böse sich gegenüberstehen. Mal gewinnt Robin durch Witz und List, mal die Gegenseite durch pure Gewalt und Grausamkeit. Eine wirkliche Entwicklung ist darin aber nicht zu entdecken, man hätte die Szenen oft in einer beliebig anderen Reihenfolge aneinanderhängen können. Nicht einmal das Ende ist genügend vorbereitet, steht irgendwann einfach vor dem Tor. Unspaßig ist der Weg dorthin nicht, gerade auch für ein jüngeres Publikum. Wo die meisten Disney-Filme aber zumindest noch versuchten, eine Geschichte zu erzählen, gab man sich hier mit zu wenig zufrieden. Allenfalls der gelegentliche Hang zur Tränendrüse sticht aus dieser netten Belanglosigkeit hervor.

Robin Hood (1973)
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Robin Hood (1973)
In „Robin Hood“ nahm sich Disney die berühmte englische Legende zur Brust und ersetzte alle Menschen durch Tiere. Das ist aufgrund der bunten Mischung durchaus lustig. Ansonsten halten sich die Eigenideen aber sehr in Grenzen, der Zeichentrickfilm ist eine uninspirierte Aneinanderreihung von Szenen, die teilweise sogar noch geklaut wurden.
6von 10

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