(„Beauty and the Beast“ directed by Gary Trousdale and Kirk Wise, 1991)

Schoene und das Biest

„Die Schöne und das Biest – Diamond Edition“ ist seit 16. April auf DVD und Blu-ray erhältlich

So ziemlich jedes Mädchen im Dorf würde mit ihr tauschen wollen, denn ausgerechnet Belle wurde von dem Frauenschwarm Gaston dazu auserkoren, seine Braut zu werden. Doch die denkt nicht daran, Heimchen am Herd zu spielen, verbringt ihre Zeit lieber mit Büchern anstatt mit dem selbstverliebten Schnösel. Ihre größte Sorge gilt bald ohnehin nicht den nervigen Avancen ihres Verehrers, sondern ihrem Vater, denn der landet eines Tages ungewollt in dem Kerker eines furchteinflößenden Biests. Um den alten Mann zu retten, willigt Belle ein, den Platz mit ihm zu tauschen. Das Biest ist einverstanden, denn insgeheim hofft es darauf, dass ihn die hübsche Frau lieben lernt – nur so ließe sich der Fluch aufheben, der aus dem herzlosen Mann einst das wilde Tier machte.

Aller guten Dinge sind drei, möchte man meinen. Schon in den 1930ern dachte Walt Disney darüber nach, das Märchen der französischen Autorin Jeanne Marie Leprince de Beaumont zu verfilmen, nachdem man zuvor bei Schneewittchen und die sieben Zwerge und Pinocchio bereits große Erfolge mit Zeichentrickversionen bekannter Stoffe feierte. Doch der Versuch verlief im Sande, ebenso der zweite in den 50ern. Zum einen wusste man wohl nicht so recht, was man aus Die Schöne und das Biest eigentlich machen wollte. Genauso wird gemunkelt, dass die Version von Jean Cocteau (Es war einmal) einfach zu gut war, um sich damit messen zu wollen. Erst in den 80ern wurden die Pläne wieder aufgegriffen, zunächst als herkömmlicher Animationsfilm, dann schließlich als Musical – schließlich war Arrielle die Meerjungfrau 1989 zum überraschenden Kassenschlager für den kriselnden Mäusekonzern geworden und sollte auch hier als Blaupause dienen.

Hätte es die Musicalversion gebraucht? Nicht unbedingt. Denn während die einen in den großen Auftritten schwelgen und sich an den eingängigen Melodien erfreuen, werden sich andere daran stoßen, dass Die Schöne und das Biest auch durch die Musik von Alan Menken zuweilen sehr dramatisch und leicht kitschig wird. Doch gelohnt hat sich die Änderung: Das Titellied – im Original von Angela Lansbury gesungen – stürmte als Popversion von Celine Dion und Peabo Bryson auf beiden Seiten des Atlantiks die Top 10, einen Oscar gab es obendrein. Überhaupt war der Disneyfilm bei den Academy Awards überaus erfolgreich: Zwei weitere Lieder waren nominiert, der Score wurde ausgezeichnet, fast hätte es auch fürs Sound Mixing eine Trophäe gegeben. Doch der größte Triumph war, dass Die Schöne und das Biest sogar im Rennen für den besten Film war – das hatte bis dahin noch kein Animationsfilm geschafft. Am Ende musste man sich zwar Das Schweigen der Lämmer geschlagen geben, doch allein das Novum zeigte, wie gut das Regiedebüt von Gary Trousdale und Kirk Wise war.

Einige Kritiker gingen sogar so weit, Die Schöne und das Biest mit den hauseigenen Klassikern auf eine Stufe stellen zu wollen, die Märchenverfilmung als Beispiel anzuführen, dass Disney noch immer große Zeichentrickfilme hervorzaubern kann. Und tatsächlich erinnert hier so einiges an die Werke von einst. Der starke Fokus auf Romantik – im Gegensatz zur Realfilmfassung vom letzten Jahr – hatte natürlich eher jüngere, zum Schwärmen geneigte Zuschauerinnen im Blick. Doch auch der Rest der Familie bekommt hier einiges geboten. Vor allem beim Humor werden Altersgrenzen schwungvoll übersprungen, die mit sehr viel Persönlichkeit zum Leben erweckten Gegenstände im Schloss des Biests sorgen für heiteren Kontrast inmitten der im Vergleich zum literarischen Original zwar deutlich harmloseren, aber noch immer traurigen und düsteren Geschichte. Wenn sich Kerzenständer und Standuhr wiederholt streiten, ein Garderobenschrank sich für seine Spinnweben schämt und die mütterliche Teekanne das Biest über die Kunst der Liebe unterrichten will, dann ist das Disney-Unterhaltung auf hohem Niveau.

Das gleich lässt sich ohne Abstriche auf die Optik übertragen. Oder zumindest fast. Die große Tanzszene, früher für ihre Kombination aus Zeichentrick und Computertechnik gerühmt, ist mehr als zwanzig Jahre später natürlich nicht mehr State of the Art. Ansonsten aber ist Die Schöne und das Biest trotz gelegentlichem Rechnereinsatzes für die Freunde traditioneller Zeichenkunst ein Fest, das die Zeit sehr gut überstanden hat: Die Hintergründe sind schön anzusehen, es gibt viele Details zu bestaunen, ausdrucksvolle Designs bleiben nachhaltig in Erinnerung, die Animationen sind ebenfalls angenehm flüssig.

Wer sich davon selbst ein Bild machen möchte, der hat ab dieser Woche die Gelegenheit, denn der 30. Film in der sogenannten „Meisterwerke“-Reihe erscheint als Diamond Edition mit umfangreichem Bonusmaterial. Und wem das noch nicht reicht, der kann zu den beiden Direct-to-Video-Fortsetzungen Die Schöne und das Biest: Weihnachtszauber und Die Schöne und das Biest: Belles zauberhafte Welt greifen oder auf Disneys eigene Realversion warten, die im Moment für März 2017 geplant ist.

Die Schöne und das Biest (1991)
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Die Schöne und das Biest (1991)
Lange in der Mache wurde „Die Schöne und das Biest“ zu einem wohlverdienten Erfolg bei Kritikern und Publikum. Der Fokus auf Romantik schränkt die Zielgruppe etwas ein, ebenso die leicht zum Kitsch neigenden Musical-Nummern. Doch die urkomischen Randfiguren und die größtenteils fantastische Optik machen das mehr als wett.
8von 10

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