(„The Little Mermaid“ directed by Ron Clements and John Musker, 1989)

Als Tochter des Königs Triton steht der 16-jährigen Meerjungfrau Arielle eigentlich das gesamte Unterwasserreich zur Verfügung. Aber irgendwie ist die Prinzessin mit dieser Aussicht nicht sonderlich glücklich. Wie viel spannender ist da doch die Welt der Menschen, welche sie jedes Mal heimlich und trotz strikten Verbots besucht! Vor allem der hübsche Erik hat ihr mächtig den Kopf verdreht. So sehr, dass sie sich auf einen Handel mit der Meereshexe Ursula einlässt: Für drei Tage darf sie in Gestalt eines Menschen die Erde besuchen, muss dafür aber auf ihre Stimme verzichten. Sollte sie in der Zeit den wahren Kuss der Liebe erhalten, darf sie für immer ein Mensch und bei Erik bleiben. Gelingt ihr dies jedoch nicht, gehört ihre Seele der Hexe.

Arielle, die Meerjungfrau wird gern als ein Wendepunkt in der Disney-Geschichte angesehen, als Beginn der sogenannten Disney Renaissance sogar, die in den 90ern von Die Schöne und das Biest über Der König der Löwen bis zu Tarzan eine Reihe Klassiker hervorgebracht hat. Das mit dem Wendepunkt stimmt aber nur zum Teil, vielmehr war der Film gleichzeitig eine logische Fortsetzung der 80er-Jahre-Tendenzen wie auch eine Rückbesinnung auf alte Tugenden.

Dass beispielsweise ein Märchen als Grundlage genommen wird – genauer „Die kleine Meerjungfrau“ des Dänen Hans Christian Andersen –, das war bei Disney früher Tradition gewesen. Der Ruhm der abendfüllenden Zeichentrickfilme ging schließlich auf Schneewittchen und die sieben Zwerge zurück, der erste Teil der sogenannten Meisterwerke-Reihe. Auch die vielen Gesangseinlagen in Arielle, die Meerjungfrau waren ursprünglich fester Bestandteil eines Disney-Films gewesen, bis man diesen in den 70ern und 80ern langsam aufgab. Erste Experimente, Musik wieder stärker einzubauen, die hatte es schon 1988 in Oliver & Co. gegeben, bevor man im Nachfolgefilm das Musicalerbe wieder vollends annahm. Und auch der kommerzielle Erfolg der kleinen Meerjungfrau war keine wirkliche Überraschung. Vielmehr waren es besagtes Oliver & Co., vor allem aber die immens profitable Realfilm-/Zeichentrickmischung Falsches Spiel mit Roger Rabbit, welche Disney veranlassten, nach diversen Flops wieder mehr Geld in die Animationssparte zu investieren. Arielle war also eher Nutznießerin gewesen als Revolutionärin.

Und doch ist Arielle, die Meerjungfrau ein besonderer Film im Kanon des Mäuseimperiums geworden. Ein Film, der über 25 Jahre später nach wie vor sehr präsent ist, während die meisten Disney-Werke der 70er und 80er heute vergessen sind. Das liegt sicher auch an der Heldin, die eine neue Ära der Disney-Prinzessinnen einleitete. Zwar ist sie wie ihre Vorgängerinnen aus der Frühphase des Konzerns zu sehr auf ihre Rolle als Partnerin reduziert – anders als etwa in Vaiana, wo die Heldin auch ohne Mann einen Sinn in ihrem Leben findet. Aber ihr Kampf für die Liebe ist von viel Willenskraft und Aufmüpfigkeit geprägt, die Zeit der unterwürfigen Disney-Heldinnen war mit Arielle vorbei. Hier durften Mädchen nicht nur träumen, sie lernten auch, dass man solche Träume selbst umsetzen sollte, anstatt nur auf Prinzen zu warten.

Insgesamt zählen die Figuren zu den großen Stärken des Films, teilweise zumindest: König Triton ist nicht mehr als das Stereotyp des überfürsorglichen, strengen Vaters, der Love-Interest-Prinz Erik hat überhaupt keinen Charakter. Die wunderbar bösartige und verschlagene Meerhexe Ursula jedoch muss den Vergleich mit so großartigen Schurkinnen wie Malefiz (Dornröschen), Cruella De Vil (101 Dalmatiner) oder Madame Medusa (Bernard & Bianca – Die Mäusepolizei) nicht fürchten. Und mit den beiden Muränen hat sie passend abstoßend-unheimliche Gehilfen an ihrer Seite. Abgerundet wird das Ensemble durch die einfallsreiche Seemöwe Scuttle, den hilfsbereiten Doktorfisch Fabius und natürlich Sebastian, eine Krabbe, die bei dem Abenteuer eigentlich gar nicht dabei sein wollte.

Dass dieses im Vergleich zum literarischen Original abgeschwächt und kinderfreundlicher gemacht wurde, ist natürlich etwas schade, angesichts des Ergebnisses ist das neu geschriebene Happy Ende aber verzeihlich. Humor, Abenteuer, Drama, große Liebe, dazu viele eingängige Lieder und eine kunterbunte, technisch erstklassige Optik – Arielle, die Meerjungfrau machte zwar nicht wirklich viel anders, hatte aber eine Mischung gefunden, die so gut funktionierte und in sich stimmig war, dass sie tatsächlich für Disney viele Jahre als Blaupause diente. Das führte mit der Zeit sicher zu Abnutzungserscheinungen. Dem Gefühl, dass sich die Amerikaner eigentlich immer nur selbst kopierten. Hier jedoch war das noch mit so viel unverbrauchtem Charme und Leichtigkeit verbunden, dass man auch heute noch die Reise in die wundersame Unterwasserwelt antreten und dabei eine Menge Spaß haben kann.

Arielle, die Meerjungfrau
3.5 (70%) 8 Artikel bewerten

Arielle, die Meerjungfrau
„Arielle, die Meerjungfrau“ nahm zwar größtenteils nur bekannte sowie vergessene Elemente auf, verband diese aber zu einem so schwungvollen und charmanten, dass der Zeichentrickfilm auf Jahre hinweg zur Blaupause für Disney-Filme wurde. Und auch heute noch aufgrund starker Figuren, einer tollen Optik und eingängigen Lieder wegen Spaß macht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.